Sonntag, 8. April 2012

Wien, Januar 2009

16.01.09: Erst jetzt, am Anfang des dritten Tages, komme ich langsam in Stimmung zu schreiben. Das mag daran liegen, dass ich gestern ein so volles Programm hatte, dass mir die nötige Musse fehlte.
Die Ankunft in Wien vorgestern war zunächst etwas ernüchternd. Erst sah es so aus, als ob mein Koffer nicht mitgekommen wäre. Zum Glück wartete noch jemand am Gepäck-Laufband, so dass ich die Hoffnung ebenfalls nicht gleich aufgab - und tatsächlich, nachdem alle anderen Passagiere sich längst verzogen hatten, und das Band während längerer Zeit leer gedreht hatte, erschien plötzlich zuerst ein grosser und - als absolut letzter - mein kleiner Koffer. Geschafft. Angekommen. Ich folgte dem empfohlenen grünen Wegweiser zum Airport-City Train "Cat", der mich für 9 Euro in rund einer Viertelstunde ins Zentrum brachte.
In Wien hatte es geschneit. Die Strassen - und Trottoirs - waren matschig glatt, den Koffer zu rollen war unmöglich. Zum Glück hatte ich beim Packen auf alles verzichtet, was schwer gewesen wäre.
Wenn ich mich recht erinnere, war es etwa 20 Uhr, als ich im Hotel eincheckte. Draussen war es schon stockdunkel. Die Aussenfassade des alten Nebengebäudes, in das man mich laut der Dame an der Reception "upgegradet" hatte, versprach mehr, als das Innere halten konnte. Nur gerade eine kleine Sitzgruppe in der ungemütlich hohen Eingangshalle mit dem Empfangsdesk, kein Raum, weder eine Lobby, noch eine Bar, noch sonst irgendetwas, wo man etwas trinken könnte. Das Zimmer ist klein, einfach, aber zweckmässig eingerichtet, heute nicht mehr ganz so überheizt wie gestern, allerdings immer noch mit der viel zu lauten Lüftung im Bad, die nicht abzustellen ist.
Nach dem Zimmerbezug wollte ich nur noch die Zeit bis zum Schlafen totschlagen und ging ins nahe gelegene Kino. Ich hatte Glück, es lief gerade Woody Allens Vicki Cristina Barcelona.
Bevor ich mich am folgenden Tag dem Städtebummeln widmen konnte, musste ich erst einmal den Morgen überstehen. Wir hatten ein Dreiländertreffen -Oesterreich, Deuschland, Schweiz - der jeweiligen Vereine für Qualitätsjournalismus, in einem Konferenzraum bei der APA, der Austria Presse Agentur an der Laimgrubengasse 10, ganz in der Nähe des Naschmarkts. Was die Oesterreicher als Gastgeber geboten haben, war sehr beeindruckend, mit einer hochkarätigen Referentenrunde, vom Generaldirektor des ORF über einen Verreter aus dem Staatssekretariat bis zur Chefredaktrin des Standards. Mit dabei auch ein Verleger, der seine Tageszeitung künftig gratis vertreiben will. Ich muss gestehen, ich hatte Informationsdefizite und war manchmal entsprechend etwas überfordert. Aber es war interessant und, da ich vermutlich aus dem Verein austreten werde, eine letzte Gelegenheit, sich mal über die Landesgrenzen hinweg zu informieren.
Die APA hat uns anschliessend in ein kleines Fischrestaurant mitten im Naschmarkt eingeladen, wo wir ausgezeichnet gegessen haben. Anschliessend sind Josefa Haas und ich zu Fuss bis zur Oper gegangen, wo sich unsere Wege trennten. Zuvor gönnten wir uns im Sacher einen teuren Kaffee und sie wies mich noch auf den den Eingang für die günstigen Stehplätze in der Staatsoper hin, eine Option für ein nächstes Mal.
Mein erstes Highlight war das Konzert der Wiener Symphoniker gestern Abend. Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Fabio Luisi (Nachtrag: Heute New York und Zürich) spielten sie das Symphonie-Konzert Nr. 3 von Brahms und anschliessend "Ein Heldenleben" von Richard Strauss. Ich hatte das Ticket vorbestellt und einen hervorragenden Platz (Estrade links, 1. Reihe, Platz 9) bekommen. Schon der Brahms mit dem überirdisch schönen Beginn des 3. Satzes hat mich gefangen genommen, aber wirklich abgehoben habe ich bei Richard Strauss. Es war nun das 3. Mal, dass ich diese symphonische Dichtung im Konzert gehört habe und ich fand es dieses Mal am besten. Luisi zog sämtliche emotionalen Register, der Solopart des 1. Violonisten war schlicht überwältigend. Es gab wieder diese Momente, in denen ich jeweils das Gefühl habe, die Musik fliesse durch mich hindurch und ich würde vollkommen schwerelos. Es ist, als ob man sich auflösen und ins Nichts fortgetragen würde, wo es nur noch Musik und keine Gedanken mehr gibt. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Überhaupt bin ich wieder in dieser dankbaren Stimmung, in der mir alles, was ich erfahren darf, wie ein Geschenk erscheint. Die Tatsache, dass ich heute morgen hier im 1. Stock der Conditorei Demel sitze, vollkommen frei jeder Verpflichtung, ist für mich so unbeschreiblich, dass ich manchmal fast in die Luft springen möchte. Das schlechte Gewissen, das mich nach der Pensionierung immer wieder mal plagt, verschwindet langsam und ich bin immer öfter in der Lage, mein Glück anzunehmen und mich an jedem Tag zu freuen, der mir geschenkt wird.
***
Im Moment sitze ich in der "Kantine", dem Restaurant, das mir die junge Frau an der Garderobe der Albertina empfohlen hat, ein verrauchter Treffpunkt für Junge, den ich nicht ausgesucht hätte. Aber da ich Hunger habe und nicht weiter suchen will, werde ich hier schnell was essen. Die Kantine ist direkt vis-à-vis des Mumok, wo ich anschliessend hin will. Ich kann mir ja nachher noch eine Süssigkeit im Sacher oder sonstwo genehmigen. Auswahl gibt es ja genug in Wien.
Die Albertina ist einmalig. Eine unglaublich reiche Sammlung von Kunstwerken, ausgestellt in phantastischen Museumräumen auf der einen, in prunkvollen Säälen aus der Kaiserzeit auf der gegenüberliegenden Seite. Ich habe mit der Sammlung begonnen und dabei ein paar Notizen gemacht:
- Gelesen: Cézannes formale Strukturierung, Gauguins weite Farbflächengestaltung, van Goghs ungestüme zeichnerische Pinselführung und Seurats pointilistisches Verfahren waren Vorbilder für die Expressionisten.
- Max Beckmann, Frau mit Katze, das Bild berührt mich sehr, kann aber nicht sagen, warum.
- Alberto Giacometti, Zitat: "Die Einsamkeit, wie ich sie verstehe, bedeutet keinen elenden Zustand, sondern eher geheime Königswürde, tiefe Unvermittelbarkeit, aber mehr oder weniger dunkles Wissen um eine ungreifbare Einzigartigkeit."
- Klee in Tunis: "Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht mehr nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer. Ich weiss das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin ein Maler.
- Strassenszenen von Georg Grosz und erschütternde Zeichnung von Käthe Kollwitz sind eindrückliche Zeitzeugnisse. Immer wieder erfährt man über Künstler, die im 3. Reich als entartet galten und deren Werke zum Teil zerstört wurden. Am Umgang einer Regierung mit Kunst und Kultur erkennt man deren wahres Gesicht.
- Wunderbar: Cézanne, Landschaft 1904, grün/blau, angedeutet auf weisser Leinwand.
Gegenwärtig ist die Sammlung Kornfeld aus Bern zu Gast. Kornfeld hat hauptsächlich Zeichnungen, aber auch Bilder von zeitgenössischen Künstlern gesammelt. Er war ein Freund von Giacometti, Klee, Picasso. Entsprechend stark sind diese vertreten. Eine sehr, sehr interessante und anschaulich präsentierte Dokumentation.
Weil ich noch nicht hungrig war, betrat ich auch noch die Prunksääle. Als ich in den ersten Raum trat und gleich zu meiner Linken auf vier Kreidezeichnungen von Michelangelo stiess, hat es mich wirklich fast umgehauen. Im nächten Raum eine Sammlung der fein ziselierten Aquarelle Dürers. Überwältigend!
Übrigens auch die Prunksääle als solche. Unglaublich, in welcher Pracht die Adligen, speziell natürlich die Kaiserfamilie, lebten. Das Goldkabinettt beispielsweise, eine Art "Plauderecke" ganz mit karätigem Gold ausgekleidet - man glaubt es kaum. Riesige Räume, jeder in einer anderen Farbe gehalten, wunderschöne, zu unterschiedlichen Mustern verlegte Parkettböden, goldbesetzte, aber unifarbene Damasttapeten, goldene Stukkaturen, riesige Kristall-Kronleuchter in jedem Zimmer - pardon Saal - es erschlägt einen fast.
***
Im Demel: Welch ein Schock der Moderne danach im unwirtlichen Anthrazit-Kubus, worin das Mumok untergebracht ist. Zufall oder Konzept, dass nicht nur das Gebäude, sondern auch die laufenden Ausstellungen eine fast depressive Nüchternheit ausstrahlen, so als ob es im Leben nichts Freudvolles, sondern nur schwermütige Grüblerei gerechtfertigt sei und das permanente Zerstören jeder Sicherheit, resp. das Zerstören jeder aufkeimenden Behaglichkeit zwingend wäre. Auf mich wirkt schon die äussere Gestalt des Mumok abweisend. Der Eingang des riesigen Kubus ist wie eine Luke, in der die kleinen Menschlein wie Ameisen ins Innere verschwinden, wo ihnen der Ernst des Lebens beigebracht wird. Die Installationen und Video-Performances von Ernst Kogler waren noch das Beste, auch wenn sie etwas Beängstigendes haben. In der ausserordentlich gezeigten Sammlung Hofmann überwiegen die düsteren Farben schwarz, braun und grau. Ganz selten etwas Beschwingtes, nein, wenn ich recht überlege, gar nichts. Selbst die Bilder von bekannten Vertretern der klassischen Moderne waren so ausgesucht, dass sie ins schwere, düstere Bild passten. Muss am Sammler liegen.
Ins Museumquartier werde ich aber wieder mal gehen. Da gibt es noch viel zu entdecken. Die Hopper-Ausstellung in der Kunsthalle habe ich um einen Tag verpasst. Morgen ändere ich wahrscheinlich mein Programm und sehe mir die Schiele/Klimt-Ausstellung im Leopold-Museum an.
Als ich aus dem Museumquartier kam, stiess ich auf eine Anti-Israel-Demo. Es war laut und dem Tonfall nach gehässig. Ich merkte, wie sehr es mich trifft. Ich musste in die andere Richtung flüchten und hätte beinahe geweint vor Wut. Ich verstehe es ja auch nicht, warum Israel so hart einfährt, und es ist grauenvoll, was im Gazastreifen passiert, aber es ist auch schlimm, wie überall einseitig argumentiert wird und der latente Antisemitismus wiede zum Zug kommt.




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