Freitag, 6. April 2012

Nerezine, September 2009

18.09.09: Nerezine ist ein bezauberndes Dörfchen. Anders, als ich mir vorgestellt hattte, ist es kein Ort, wo hauptsächlich Kroaten leben, sondern ein ausgewachener Touristenort, glücklicherweise aber noch nicht zu mondän, sondern in seiner Ursprünglichkeit erhalten. Jetzt, im September, sind die meisten Gäste bereits weg und der Dorfplatz gehört wieder den Einheimischen. Die Häuser sind klein, verwinkelt und fast zierlich, hell, ocker, beige bis weiss gestrichen mit dunkelblauen, grünen oder rotbraunen Fensterläden. Dazwischen die geteerten Strässchen, genauso verwinkelt wie die Häuser selber, die in kleinen, etwas verwilderten Gärten stehen, in denen Akazien, Zypressen und Pinien und darunter allerlei kleinwüchsige Büsche und Blattpflanzen üppig spriessen.
Phänomenal ist die Lage: Das Dorf ist sanft eingebettet in den Südhang des Hügels, der sich über die ganze Länge der Insel zieht, kleine, noch vollkommen saubere Buchten laden zum Baden ein, jede von ihnen bietet einen anderen Blick, entweder aufs offene Meer oder auf das gegenüberliegende Festland. Ich kann Gigi verstehen, dass sie hierher ausgewandert ist. Das Klima ist für ihr Rheuma offenbar ideal, sie hat weniger Schmerzen als in der Schweiz, mit Deutsch, Italienisch oder Englisch kann sie sich bestens  verständigen, sie spricht auch schon ein bisschen kroatisch, viele Touristen kommen aus Oesterreich und Deutschland und kaufen ihre Bilder.
Die Reise hierher muss man sich allerdings verdienen. Der Bus von Triest braucht zirka zwei Stunden nach Rijeka, wo mich eigentlich ein Katamaran auf die Insel Cres bringen sollte, doch der fuhr aus technischen Gründen gerade nicht, wie es hiess - offenbar etwas, worauf man sich immer gefasst machen muss. Also war schon wieder eine Busfahrt angesagt, diesmal drei Stunden lang, mit einer Überfahrt auf einer Fähre, was zumindest für den Rücken eine kleine Sitzpause bedeutete, um die ich ausgesprochen froh war.
Ein erster Eindruck: Die Menschen hier sind nicht sehr freundlich. Der Mann am Schalter in Rijeka, den ich nach dem Katamaran fragte, sah mich an, als ob ich etwas Unanständiges gesagt hätte und antwortete ziemlich genervt, wahrscheinlich, weil ich ihn beim Lesen einer Zeitschrift gestört hatte, er wisse nichts von einem Katamaran. Was natürlich nicht sein kann, denn der steht - wenn er denn fährt - genau gegenüber der Busstation.
Wer im Laden etwas zu fragen wagt, kriegt zwar Antwort, aber zu einem Lächeln können sich die Leute offenbar nicht durchringen. Das ist mir schon beim Chauffeur unseres Busses aufgefallen, genauso wie bei seinem Kollegen, der in Rijeka die Koffer eingeladen hat, während der Chauffeur zugeschaut hat. In Cres ist dieser ausgestiegen und sein Kollege setzte sich ans Steuer, während ein neuer Mann wiederum dessen Platz einnahm. Der nun zum Chauffeur rotierte Ersatzmann wurde nach dieser Rochade plötzlich gesprächig, nachem er vorher kein Wort verloren hatte. Seit er am Steuer sass, sprach er andauernd und schaute dabei unablässig zu seinem Kollegen nach rechts, egal ob die enge Strasse vor ihm gerade in einer Kurve verschwand und nicht im Geringsten klar war, ob dahinter ein Auto entgegen kommen würde oder nicht. Aber alles ging gut und in Nerezine wartete Gigi mit Luna auf mich, einer süssen, anhänglichen und vollkommen vertrauensvoll dreinblickenden Strassenkreuzung zwischen Jagdhund und Cockerspaniel, die mich enthusiastisch begrüsste, als ob sie mich sein Jahren kennte, dabei ist Gigi erst einmal mit ihr bei mir in Zürich gewesen.
Ihr Haus hat Gigi, wie schon in Vesin, in ein kleines Hexenhäuschen verwandelt, voller zusammengetragener Gegenstände von Broccantes und aus dem Sperrmüll: Alte Spiegel, Puppen, Bilder, Krezenständer, alte Gläser und, und, und... Im winzigen Haus hat sie Wände herausgebrochen und die Mauern teilweise stehen lassen, so sieht man beispielsweise aus der Küche wie durch ein Guckloch auf den etwas tiefer liegenden Wohnraum. Es ist gemütlich, originell, geschmackvoll, mit dem sicheren Instinkt der geübten Dekorateurin eingerichtet, die aus allem etwas machen kann.
Mein gemietetes Häuschen ist absolut fantastisch gelegen, allerdings ist nur die Aussenwelt stimmig, drinnen ist es eine Mischung aus Waschküche und Skihütte, genauso hässlich eingerichtet und vollkommen ungastlich. Ich habe, ganz entgegen meiner Gewohnheit, gleich zu Beginn begonnen ein Chaos anzurichten, um mich einigermassen wohl zu fühlen - sonst ergibt sich dieses ja immer erst nach ein paar Tagen. Auch muss ich mich erst noch daran gewöhnen, dass alles ein bisschen schmuddelig ist von den Vormietern. Aber nun bin ich hier und muss mich damit abfinden.

 21.09.09: Ich warte auf Gigi. Wir werden heute mit ihrem Auto nach Mali Lošinj fahren, anschliessend will sie mir ein die Insel zeigen.
Mali Lošinj, Hauptort der gleichnamigen Insel, ist ein kleines Hafenstädtchen, hübsch an den Hang gebaut, mit verwinkelten Gässchen, Treppen und kleinen, eingemauerten Gärtchen und mit einer fast schon mondänen Promenade am Hafen, wo sich Bar an Restaurant an Hotel reihen, in denen die Sommergäste unter Baldachinen und Sonnenschirmen an den Tischchen zwischen Palmen und Akkanten sitzen und sich zeigen. Obwohl Mali eigentlich ein zum Städtchen angeschwollenes Dorf geblieben ist,  spricht man hier von der Stadt. Man geht nach Mali Lošinj in die "Stadt", weil alle wichtigen Geschäfte, Apotheken, Kleider- und Schuläden usw. und auch Arzt Tierarzt und Zahnarzt hier sind, genauso wie das Spital der Insel.
Mali Lošinj ist malerisch, aber schon etwas zu gross, um wirklich idyllisch zu sein, im Gegensatz zu Veli Lošinj, das kleiner ist und wirklich lieblich, obwohl es früher eigentlich der grössere Ort war und auch so heisst: Veli heisst gross, Mali heisst klein, wie mir Gigi erklärt. In Veli Losinj ist offenbar das Klima besonders gut für Lungenkranke, jedenfalls kam die österreichische Kaiserin Sissi jeweils hierher zur Kur. Aus dieser Zeit stammt die allerliebste Villa Mozart, heute ein kleines Hotel, und am Hang zum offenen Meer liegen die Bäderruinen, terrassierte Zement-Plateaus, wahrscheinlich für die Liegestühle angelegt, darunter im Meer mit Seilen abgegrenzte kleine Planschbecken, ich stelle mir vor, wie sich die in gestreifte, ganze Badeanzüge gehüllten Herren und die Damen mit Spitzenhäubchen darin schnell die Füsse geschwenkt und kurz bis zum Hals eingetaucht sind, um gleich darauf wieder auf Zehenspitzen aus dem Wasser zu jucken. Im vorletzten Jahrhundert war Veli vermutlich der mondänere Ort, jetzt gibt es dort nur noch den riesigen Hotelkomplex etwas ausserhalb des Dorfes, der dafür sorgt, dass die Badetouristen unter sich bleiben und die Idylle des Dorfes nicht stören.
Im Gegensatz zu den kahlen Inseln Krk, Rab und Pag sind die Inseln Cres und Lošinj grün, dank den Pinienwäldern, die auch den Ferienorten eine südliche Ambiance verleihen. Mali ist der bekannteste, aber als wir wieder im bescheidenen Nerezine zurück sind, fühle ich mich wohler.

 22.09.09: Meine morgendliche Walkingtour führte mich heute von der Bucht, wo wir regelmässig schwimmen gehen, in den Pinienwald, wo eine weitläufige Blockhäuschen-Siedlung zum Vorschein kam, eine sehr gepflegte Anlage, gut getarnt zwischen den Bäumen, vemutlich nicht teuer, aber bestens unterhalten. Die meisten Häuschen sind jetzt in der Nachsaison verschlossen, an einigen ist ein Schild angebracht, das darauf hinweist, dass es sich um eine staatliche, slowenische Siedlung handelt. Offenbar ein Relikt aus kommunistischen Zeiten. Gigi wusste, dass dort hinten eine Slowenensiedlung sei, aber die Kroaten gingen dort nicht hin, und die Slowenen wollten auch unter sich bleiben. Die alten Antipathien scheinen auch in der postkommunistischen Aera weiter zu bestehen.
Erwacht bin ich um 7 Uhr, wie immer hier, es ist, als ob sich ein Rhythmus einstellen würde, zusammen mit den Vögeln im hochstämmigen Lorbeerbaum im Garten des Nachbarn, die im dichten Blätterdach ihre morgendliche Konferenz abhalten. Sie zu sehen ist unmöglich, aber man hört ihr aufgeregtes Gezwitscher und Geflatter und fragt sich, was sie sich wohl zu sagen haben. Es sind kleine Vögel, die sich offenbar von den Beeren ernähren, dem Stimmengewirr nach zu schliessen müssen es sehr viele sein.
Das Scheiben geht ganz gut, obwohl mein Rücken dabei leidet. Ausserdem ist im Moment ziemlich viel Lärm. Hier ganz in der Nähe hebt ein alter Bagger das steinige Gelände aus, die Gemeinde will dort weitere Ferienwohnungen bauen. Nebenan in der Werft, dem wichtigsten Arbeitgeber im Dorf, sind sie oft am Schleifen oder am Sägen, es tönt jedenfalls wie in einer Schreinerei, der hohe durchdringende Ton ist fast noch störender als der laute Bagger.
Trotzdem will ich nicht klagen. Es ist im Grunde genommen ideal hier. Ein paar Bequemlichkeiten wären zwar angenehm, aber nicht unbedingt nötig. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich den September jeweils hier verbringe. Aber für das nächste Mal werde ich eine andere Wohnung suchen. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit im letzten Haus vor der Gavabocca, dem schönsten Strand von Nerezine mit feinem Kies, der mir erlaubt, ganz sachte ins kalte Wasser zu steigen. Ich bin wegen meinem Rücken sehr vorsichtig geworden und möchte nicht unglücklich stürzen. Auch aus diesem Grund nehme ich mein morgendliches Bad nur in dieser Bucht,  die anderen sind zwar auch alle wunderschön mit dem hier typischen, unglaublich klaren, türkisgrünen Meer, aber mit Felsklippen, auf denen man leicht ausrutschen kann.
Der September ist eine gute Zeit für Nerezine. Es ist noch heiss, aber nicht mehr unangenehm wie im Sommer, morgens ist es sogar angenehm kühl. Auch gibt es nicht mehr so viele Touristen, alles ist ein bisschen normaler, man hat tatsächlich das Gefühl, hier mitten unter Einheimischen zu leben, auch wenn es darunter einige verbliebene Touristen gibt, die schon so lange hierher kommen, dass sie sich wie Einheimische aufführen. Auch Gigi ist hier schon fast eine Institution. Sie kennt alle und jeden. Die meisten, die ich in ihrem Schlepptau getroffen habe, waren sehr nett, im Gegensatz zur Bedienung im grossen Market. Ich verstehe ja, dass die Nereziner im Herbst langsam die Nase voll von von den Touristen haben, aber in diesem Laden sind sie besonders unfreundlich.
Morgen reise ich schon wieder ab. Alles in allem behalte ich eine gute Erinnerung und wenn ich kann, komme ich wieder.


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