Sonntag, 8. April 2012

Tessin, Oktober 2008

15.10.08: Ich sitze auf der Piazza in Locarno. Auf die Idee hat mich Yvonne gebracht. Sie reiste von Basel aus an einem Tag über Domodossola via Centovalli und Locano nach Rivera, stieg dort in die Gondel, um auf den Mte Tamaro die Mario Botta-Kappelle zu besichtigen. Danach fuhr sie weiter nach Lugano, ass dort etwas und fuhr zurück nach Zürich, von wo sie mich anrief. Ich war davon so angetan, dass ich beschloss, das Gleiche zu unternehmen. Einmal, um mein GA endlich auszunutzen,  und um mich zu testen, ob ich tatsächlich ausführe, was ich mir vorgenommen habe. Die Reise habe ich nicht abgeändert, aber ich werde in Lugano übernachten, weil mir 9 Stunden Zugfahrt an einem Tag einfach zu viel sind.
Bis jetzt verlief alles gut. Auch wenn ich mich gefragt habe, ob ich mir nicht doch wieder ein 1. Klasse-Abonnement leisten sollte. Die Züge sind so voll. Schlimmer noch: voll alter Leute. Und es gibt Frauen, die reden ununterbrochen, d.h. sie kommentieren, was sie sehen: "Oh, schau mal dort, der Berg,… und dort diese Wiese mit den Kühen..." Das ist unerträglich. Von Bern nach Visp hat eine "überaus nette" ältere Dame ihrem Sitznachbarn alle ihre Ausflüge aufgezählt, die sie in den letzten Jahren unternommen hat, offenbar einem Wittwer, denn irgendwann kamen sie auf ihre verstorbenen Ehegatten zu sprechen. Der Bildung und dem Aussehen nach könnten es ehemalige Lehrer gewesen sein. Als ich sie endlich losgeworden war, hat sich von Domodossola bis Locarno eine Gruppe französisch sprechender, älterer Damen zu mir gesetzt. Der äusserliche Unterschied war frappant. Im Zug von Zürich nach Brig sassen unförmige, grauhaarige, nicht besonders ansehnliche alte Menschen, Berggänger mit entsprechender Kleidung. Warum diese Ausstattung immer so geschmacklos sein muss, ist mir ein Rätsel, Lindengrün mit Pink, Violett, Rot, Braun, Blau bunt gemischt… Die Ladies aus dem Welschland dagegen sahen wenigstens appetitlich aus. Auch nicht mehr schlank, aber geschmackvoller angezogen, die Haare gefärbt, etwas Rouge aufgelegt und meist auch noch etwas Schmuck umgehängt. Obwohl sie auch mit Wanderschuhen und Rucksack unterwegs waren, sahen sie nicht aus wie alte Schachteln, sondern eben wie charmante älteren Damen. Das Bild trübte sich dann, als ich realisierte, dass eine von ihnen ebenfalls dauernd schwatzte oder besser, die Gegend genauso kommentierte, dazu noch mit einer unangenehmen hohen Stimme. Nun weiss ich gar nicht, ob ich mich einfach daran gewöhnen muss, d.h. ob ich toleranter werden muss oder ob ich mir den doch etwas anderen Stil der ersten Klasse leisten soll/kann. Manchmal kann ich Junge verstehen, die ob der Alteninvasion fast ein bisschen aggressiv werden.
Bis Domodossola habe ich gelesen, resp. Sudokus und Kreuzworträtsel gelöst. Eine Unart. Dabei hatte ich mein Adesso-Heft dabei, um mich wieder ein bisschen ans Italienisch zu gewöhnen. Ich muss mich dazu zwingen, sonst verludere ich. Ausserdem will ich ja besser Italienisch können.
Vom gepriesenen, "wild-romantischen" Centovalli habe ich mehr erwartet, jedenfalls war ich ein bisschen enttäuscht. Trotzdem war es die Reise wert. Ich weiss nun, wie es aussieht, auch die kleinen Dörfchen, die wohl genauso romantisch verklärt werden. Dort zu leben dürfte wesentlich schwieriger sein als es sich die Schwärmer vorstellen.
***
Vor mir liegt die Kirche Sta Maria degli Angeli von Mario Botta. Ein eindrückliches Bauwerk: trutzig, stolz, es erinnert an eine Festung. Aber sie passt zum Berg, zur Natur, zur Umgebung. Obwohl sie so mächtig ist, wirkt sie harmonisch, das Material stimmt, die Farben, die Form. Ich bin kein Botta-Fan. Aber ich glaube, er hat hier seine Wurzeln und darin seinen Ausdruck gefunden.
Die Idylle trügt allerdings. Unmittelbar vorgelagert ist das Ausflugsrestaurant mit Spielplätzen, eben ist ein Helikopter gelandet und hat die Stille zerrissen.
Im Moment sitze ich auf einem einsamen Rastplatz auf dem Panoramaweg oberhalb der Alp da Foppa. Ich geniesse es, allein zu sein. Den Moment zu leben. Alle Eindrücke auf mich wirken zu lassen…
Der Helikopter nervt. Nun landet er schon zum weiten Mal. Wahrscheinlich ein Flugschüler am Üben…
Vielleicht werde ich noch bis zur Mittelstation laufen, je nachdem, wie viel Zeit mir bleibt. Ich bekomme Lust zu wandern. Herum zu reisen. Im Zug lese und lerne ich, wenn ich einen Halt mache, bilde ich mich weiter oder schreibe, es ist herrlich. Warum soll ich mich noch gross um neue berufliche Herausforderungen kümmern? Was ich jetzt eingegangen bin, das reicht. Ich kann mich auch sonst ganz gut beschäftigen und mein Hirn und meinen Körper bewegen.
Lust zu leben!
Warum habe ich immer ein Blackout wenn ich mich daran erinnern will, was ich mir eigentlich merken wollte, um es später aufzuschreiben. Twittern wäre eine Möglichkeit, etwas im Augenblick festzuhalten, aber irgendwie finde ich diese Twitterei idiotisch. Ich muss mir eine Methode ausdenken, wie ich die Gedanken festhalten kann, die mir durch den Kopf schiessen, während ich unterwegs bin.
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Ich sitze im Sayonara im Centro die Lugano. Der Name sagt nichts über die Menüs aus, sie sind Italienisch und machen - zumindest, was ich auf den vorbeigetragenen Tellern sehe - einen appetitlichen Eindruck. Das Restaurant ist mir empfohlen worden, als ich nach einem einfachen und trotzdem guten Essen fragte. Die Kellner sind auch hier unpersönlich routiniert, aber doch eine Spur freundlicher als auf der Piazza in Locarno. Dort war nicht nur die Bedienung unfreundlich, sondern auch das Essen schlecht. Lieblos servierter Touristen-Food. Ich weiss allerdings nicht, wie ich als Tessinerin reagieren würde, wenn ich dauernd Deutschschweizer Touristen und Rentner bedienen müsste, darunter ganz bestimmt auch nicht nur höfliche.
Lugano hat einen städtischeren Charakter, es ist weniger touristisch und sehr elegant. Das gefällt mir. Die Italienerinnen sind in der Regel sehr gepflegt und gut angezogen - zumindest die Städterinnen. Jedenfalls ist auch hier der Anblick älterer Menschen erfreulicher als im Zug.
Das Reisen im Zug hat seine Vorteile, man kann lesen, sich entspannen, lernen… schreiben dagegen geht nicht, wie ich gedacht hatte, es wackelt zu sehr. Also schreibe ich in den Beizen. Und ich merke, dass es mir ausgesprochen Spass macht, so kann ich in meine eigene Intimität eintauchen, muss mich nicht darum kümmern, was um mich herum geschieht und kann es trotzdem beobachten.
Allein zu reisen hat ebenfalls grosse Vorteile. Ich sehe viel mehr, weil ich nicht abgelenkt werde durch ein Gespräch oder einfach durch die Tatsache, dass jemand meine Aufmerksamkeit benötigt. Allein kann ich meinen eigenen Rhythmus folgen, kann stehen bleiben, wo ich will, weitergehen, wann ich will. Und ich muss nicht reden. Nur wenn, wann und mit wem ich will. Im Moment reicht mir vollends, mich mit meinem Italienisch duchzuschlagen, im Laden etwas zu kaufen, mich nach der Buslinie zu erkundigen, zu fragen, wo der nächste Bancomat zu finden ist usw.
Das Essen war mittelprächtig. Aber ich habe ja auch kein typisches Gericht gewählt. Ich hatte weder Lust auf Risotto noch auf Spaghetti noch auf Pizza, also wählte ich Huhn mit Gemüse. Das Huhn war ok, das Gemüse aus dem Tiefkühlbeutel in die Pfanne geknallt. Ich hätt's wissen müssen, wenn Gemüse, dann als Antipasti oder vom Grill.
Das Reisen muss ich noch lernen. Im Moment gebe ich noch zu viel Geld aus. Diese zwei Tage kosten mich rund 350 Franken mit Übernachten, Essen, Gondelbahn, für die das GA nicht gilt, und die allein schon 22 Franken kostet. Dann die diversen Extras, wie der Stadtplan von Lugano, Karten vom Tessin, das Büchlein über die Kirche von Botta. Es läppert sich, auch wenn ich mich zurückhalte und beispielsweise nichts zwischendurch esse. Ich werde wohl meine Ausflüge auf einen Tag beschränken müssen. Oder einfacher übernachten, beispielsweise in Berghütten. Ganz sicher werde ich aber nicht in billige Absteigen gehen.
Im Moment überlege ich, ob ich den Weg zurück ins Hotel zu Fuss gehen soll. Wäre wahrscheinlich ein zirka halb- bis dreiviertelstündiger Spaziergang. Ob man hier als Frau sicher ist, wenn man nachts allein unterwegs ist?
Heute in Zug hat ein junger Mann mit seinem ipod so laut Musik gehört, dass mich das zischende und klopfende Geräusch genervt hat… Darüber wollte ich mich auslassen und nun fällt mir nicht mehr ein, was mir in meinem Ärger alles durch den Kopf gegangen ist. Ein gutes Zeichen?

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