Samstag, 7. April 2012

Berlin, April 2009

Ein paar Tage bei Robert und Kati in Berlin. Der anfängliche Vorsatz, alles aufzuzeichnen, hat sich schnell zerschlagen. Ich kann nur schreiben, wenn ich nicht mit anderen zusammen bin. Ein Grund mehr, künftig wieder allein zu reisen. Hier das Berlinfragment. Was ich damals nicht schriftlich festgehalten habe, versuche ich anhand der Fotos rudimentär aus der Erinnerung hervor zu holen.

Aufzeichnung vom 28. April 2009:
Ich sitze auf einem Bänklein am Landwehrkanal und lausche einer Gruppe von Musikern auf der anderen Kanalseite. Schwer zu sagen, woher sie kommen, vermutlich Mittelamerika, rhythmisch, mit dem typisch machistischen Gesang. Es ist total romantisch hier, viel grün, ein Markt visà-vis, junge Menschen, die auf der Ufermauer sonnen, vor mir ein Naturweg mit Kies-/Sandbelag, Menschen die vorbei flanieren oder joggen, ab und zu ein Velofahrer, auf der Bank neben mir zwei Schwarze, die sich angeregt unterhalten. 
Zum ersten Mal allein. Gestern bin ich nach der Landung direkt in die Wohnung von Kati in Berlin Kreuzberg gefahren. Vom Flughafen Tegel zuerst mit dem Bus bis zu U-Bahn, danach mit der U7 bis Hermannsplatz und weiter mit dem Bus in die Reichenauerstrasse, wo Kati wohnt, in einer schönen Altbauwohnung, zwei Zimmer mit hohen Räumen und Parkettböden.
Robert hat auf mich gewartet und mich in die Pizzeria am Kanal geführt.
Eine alte Bogenbrücke führt über den Kanal, auf ihr sitzen die jungen Leute in Gruppen auf dem Boden, ab und zu entsteht spontan eine Jam-Session.
Kreuzberg ist ein sehr gemischtes Quartier, berühmt für seine Multikulturalität, die hier offensichtlich gut funktioniert. Man begreift plötzlich, dass die Menschen im Grunde genommen überall gleich sind, egal, welcher Rasse oder welcher Kultur sie angehören. Es geht nicht um Ethnie oder Hautfarbe. Die Randalierer, Kriminellen, Süchtigen, die Verlierer haben versagt, weil sie emotional oder sozial isoliert sind, weil sie durch irgend ein Ereignis aus der Bahn geworfen wurden, oder weil sie nicht anderes in ihrem Leben kennen gelernt haben. Aber das ist, wie gesagt, keine Frage der Hautfarbe. In jeder grossen Metropole begreift man, dass das Zusammenleben funktioneren kann, die Ausserseiter sind genauso unterschiedlicher kultureller Herkunft, wie die grosse Mehrheit, die hier friedlich mit- und nebeneinander lebt.
Am Kanal entlang hat es ausgesprochen schöne Häuser, viele davon alte Jugendstilbauten, mit Wohnungen, die sicher nicht billig sind. Auffallend viel Cafés, Restaurants, alle Küchen der Welt. Heute haben wir in den Hackeschen Höfen gegessen, ausgezeichnet. Die verpönte, schwere deutsche Küche gibt es zwar noch, aber zum Glück auch genügend Alternativen.

Aus der Erinnerung:

Das Holocaust-Mahnmal: Für mich das Eindücklichste, was ich in Berlin gesehen habe. Vor allem im Museum unter den unterschiedlich hohen Steinquadern, die wie Grabsteine aufgereiht sind und ihre bedrohlichen Schatten werfen. Im Raum mit den im Boden eingelassenen Dokumenten der Opfer ein Abschiedsbrief eines kleinen Mädchens an seinen Vater, den es angesichts des sicheren Todes geschrieben hat. Als Journalistin bin ich ja ziemlich hartgesotten, aber in diesem Brief konzentrierte sich die Tragödie so eindringlich, dass ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Ich weinte hemmungslos.



Das Brandenburger Tor aus einer Perspektive, welche die hässlichen Anbauten ausblendet, die dem Platz die Schönheit rauben. Ausgangspunkt für ausgedehnte Spaziergänge im Tiergarten, wo ich meine von Lärm und Hektik geschundenen Seele erholen konnte. Offenbar ist der Spaziergang im Tiergarten auch für die Berliner ein beliebtes Freizeitvergnügen, und ab und zu gibt eine Lücke in der Hecke den Blick auf eine Wiese frei, auf der sich Nackedeis in der Sonne räkeln und Liebespaare kuscheln. Offensichtlich ist der Park auch ein Treffpunkt der Berliner Gay-Szene, die sich dort sozusagen ein öffentliches Refugium geschaffen hat.

 

Zu den "Muss" beim ersten Berlin-Besuch gehört selbstverständlich auch der Kuhdamm mit dem "Hohlen Zahn", für mich eher eine Enttäuschung. Der hohle Zahn ist wohl ein mahnender Zeitzeuge, aber doch so bekannt, dass er nicht überrascht. Der Kuhdamm mit seinen meist sehr eleganten Geschäfte ist austauschbar, eine Strasse, wie es sie in allen grossen Städten gibt. Entschädigt wurde ich dann im Käthe Kollwitz Museum, wo ich mir als einziger Gast in aller Ruhe die meist düsteren, aber eindrücklichen Bilder angesehen und mich anschliessend im lauschigen Gartenrestaurant nebenan etwas erholt habe.


Eindrücklich die Mauerfragmente. Für den Checkpoint Charly lohnt es sich, genügend Zeit zu investieren um die ganze Ereignisabfolge an den Plakatwänden zu lesen. Einmal mehr wird mir bewusst, wie absurd die deutsche Teilung war und mit welcher sektiererischen Verbissenheit das DDR-Regime seine Interpretation des Sozialismus durchsetzen wollte - bis zum Schluss. Ich bewundere den Mut der zahlreichen Menschen, die für die Freiheit ihr Leben riskiert - und oft auch verloren haben. Und ich schäme mich fast ein bisschen für die Naivität, mit der wir damals für eine kommunistische Gesellschaft auf die Strasse gingen…



Der neue Bundestag, ein eleganter moderner Bau. Das Regierungsviertel ist weitläufig, eigentlich wollte ich mir die Schweizer Botschaft ansehen, die ja nicht nur wegen dem Borer-Ehepaar, sondern architektonisch auch für Aufsehen gesorgt hat. Aber ich habe mir den Aufwand erspart, genauso wie das Besteigen der Kuppel des Reichtagsgebäudes, obwohl der Ausblick sicher eindrücklich gewesen wäre.


Die paar Tage haben ausgereicht, einen Vorgeschmack zu bekommen auf eine authentisch gebliebene Stadt mit einer sehr urbanen, manchmal auch gnadenlosen Mentalität und einem interessanten kulturellen Angebot, das zu nutzen ich - leider - nicht die Zeit oder die Gelegenheit hatte, weil Sommerpause war. Ich hoffe, ich kann irgendwann wiederkommen.






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