Montag, 9. April 2012

Paris, Juni 2009

17.06.09: Die Ankunft in Paris ist bemühend. Ich dachte immer, der neue Flughafen Kloten sei kompliziert, aber gegenüber Charles de Gaulle ist Kloten ein Provinzflughafen. Nach der Ankunft dauerte es fast 3 Stunden, bis ich endlich in der Wohnung war. Unterwegs fielen mir wieder die wunderbaren Häuserfassaden auf. Ich hatte vergessen, wie schön Paris ist. Vermutlich ist die Eleganz dieser Stadt nicht zu übertreffen.
Allerdings gibt es auch die Kehrseite. Für einzelne der grauenvollen Wohnsilos am Stadtrand müsste sich nicht nur die Stadt, sondern der Staat schämen. Man sollte die Qualität eines Staates daran messen, wie er mit seiner mittellosen Bevölkerung umgeht.
Das Studio von Dayadi ist zentral und recht ruhig gelegen in einem relativ modernen Wohngebäude an der rue de l'Université, in das man nur gelangt, wenn man die Codes kennt, für die Haustüre einen und für die gleich danach folgende Innentüre einen zweiten. Beim Eintreten in die Wohnung war ich zuerst ein bisschen geschockt. Es ist schmutzig und sieht ein bisschen aus wie bei einem Messie, alles nur irgendwohin gestopft, überall liegen Sachen herum, es ist ziemlich ungemütlich. Aber die jungen Menschen leben offenbar heute so. Das bedeutet, ich kann hier zwar die Nächte verbringen und allenfalls noch frühstücken. Ganz sicher werde ich hier aber nicht kochen, wie ich vorhatte, obwohl die rue Cler, wo ich mich im Moment befinde, ein absolutes Mekka zum Einkaufen von frischen Lebensmitteln ist, ein schöner Früchtestand reiht sich an den anderen, unterbrochen von Bäckereien, Metzgereien, Traiteurs und Bistros, die natürlich nicht fehlen dürfen. Mit dem nostalgischen Touch der grossen Pariser Cafés, aber einfacher und von den Leuten des Quartiers frequentiert. Der Kellner hat mir einen perfekten Cappucino gebracht, schon deswegen werde ich wieder kommen.
Ich merke, wie mich die Cafés, Bistros und Brasserien mit diesem ganz besonderen nostalgischen Charme zum Schreiben inspirieren. Paris ist dafür ausgesprochen gut geeignet, im Gegensatz zu Berlin, wo es kaum Lokale mit einer entsprechend inspirierenden Atmosphäre gibt.

18.06.09: Langsam komme ich an. Ich sitze im Café de la Paix am Place de l'Opéra, vis-à-vis der Opéra Garnier. Ich bin hier aus Nostalgie, weil mich dieses Lokal so beeindruckt hat, als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal mit einer Freundin in Paris war - ich erinnere mich an Steffi und frage mich, was wohl aus ihre geworden ist. Ich habe sie später nie wieder gesehen. Das de la Paix sieht noch gleich aus, genauso elegant, genauso teuer, und die Kellner sind noch genauso arrogant.
Gedankensplitter:
- Place Vendôme. Armselige Welt der Reichen und Schönen, teure Geschäfte mit Marken wie Dior, Chanel, Bulgary und wie sie alle heissen. Schön, aber leblos. Das einzige, was diesen Menschen zu missgönnen ist, ist die Tatsache, dass ihnen die schönsten Orte auf dieser Welt vorbehalten sind, wie dieser Platz in seiner wunderbaren Harmonie.
- Die Metro ist leicht in den Griff zu kriegen. Immer noch die schnellste Fortbewegungsart. Die gekachelten Wände mit den Plakaten hellen die dunklen Tunnels auf, es macht Spass, sich in diesem riesigen Labyrinth zurecht zu finden.
- Entgegen ihres Rufs essen die meisten Franzosen überhaupt nicht gut. Zumindest nicht auswärts. Die durchschnittliche französische Küche ist absolut mittelmässig - vielleicht mit Ausnahme der sehr teuren Restaurants, die ich mir aber weder leisten kann noch will. Die durchschnittlichen Restaurants bieten nach wie vor die gleichen langweiligen Plats an, die ich schon vor 50 Jahren nicht besonders geschätzt habe.
- Ich bin jetzt zum vierten Mal in Paris. Der Wiedererkennungseffekt ist gross. Die Bilder aus der Erinnerung entstehen neu, und wenn ich durch eine Strasse mit einem Fixpunkt gehe, den ich mir merken konnte damals, dann weiss ich wieder, wo ich bin und wie es damals war, aber erst im Augenblick, wenn ich es sehe. Dann ist es dasselbe wie ein Déjà-vu. Es ist ganz interessant, diese Erinnerungsflashes zu erleben und zu realisieren, dass die Zeit vergangen und gleichzeitig stillgestanden ist.
- Heute war ich in der Coupole. Ausser der wirklich beeindruckend schönen Kuppel ist das Lokal enttäuschend. Die Inneneinrichtung ist von geschmackloser Modernität und über der Bar in der Mitte hängt eine wirklich störende, reflektierende Kitschkugel.
- In den Warenhäusern Printemps und Lafayette sind die Stockwerke den verschiedenen Marken eines einzigen Artikels gewidmet, d.h. ein Stock für die Schuhe, ein Stock für die Modekleider etc. Das ist einerseits praktisch, wenn man etwas sucht, andererseit ist es fast zu viel des Guten. Vor lauter Schuhe wird das Auge überfordert und kann mit der Zeit nicht mehr unterscheiden. Mani Matter metaphysisches Gruseln im Coiffeurspiegel kommt mir in den Sinn.

19.06.09: Notre Dame: Eben läuft eine Messe. Der Priester singt mehr schlecht als recht seine Liturgie. Ohne seine schüttere Stimme wäre die leise Begleitung sehr viel schöner, eine Frauenstimme, die durch die Kirche trägt.
Gedankensplitter:
- Es gibt Leute, die nicht einmal während einer Messe in der Kirche in der Lage sind, ihren Mund zu halten. Die ganze Zeit pilgern die Massen vorbei, schwatzen und blitzen. Es nimmt dem Ganzen die Würde, es ist ziemlich abstossend und stört selbst mich, obwohl mir das Ritual fremd ist. Aus Respekt vor den Menschen, die hier sitzen und vielleicht Trost suchen, sollte während einer Messe die Ruhe eingehalten werden.
- Das Verhalten der Touristen ist wirklich unmöglich. Sie sehen sich nicht einmal mehr um, sie gehen nur noch mit erhobener Kamera an den Seitenaltären vorbei und knipsen, was das Zeug hält. Ich bin überzeugt, wenn sie die Bilder zu Hause anschauen - wenn überhaupt - wissen sie teilweise gar nicht mehr, wo etwas war.
- Die Kirche beeindruckt mich auch dieses Mal in ihrer ebenmässigen Vollkommenheit. Die Fassade ist vermutlich einmalig, was die Einheitlichkeit betrifft.
- Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich ein solches Bauwerk sehe und wundere mich, wie sie es früher geschafft haben, mit primitiven Hilfsmitteln solche Monumentalwerke zu schaffen. Auch frage ich mich immer wieder, wie es kommt, dass die Kreuzbögen halten und wie das mit dem Schlussstein funktioniert.
- Ziemlich schräg, rechts die Glaskabinen, wo die vorbeiziehenden Massen zusehen können, wie jemandem die Beichte abgenommen wird.
- Habe eine Kerze angezündet und dabei an Res gedacht. Wir hatten eine gute Zeit zusammen in Paris.
***
Ile St.-Louis: Der Reiseführer beschreibt die Insel als architektonisches Gesamtbauwerk. Das weckt grosse Erwartungen, die enttäuscht werden. Längs der Strasse, welche die kleine Insel schnurgerade in zwei Hälften teilt, haben viele der restaurierten Häuser neue, glatte, gegipste Fassaden und diese scheusslichen Fenster ohne Fassungen, ohne Läden, ohne jeden Charme.
Reizvoll sind die kleinen alten Läden. Allerdings weniger exklusiv als ich erwartet hatte. Die paar Galerien verkaufen hauptsächlich Kitsch. Einige Details gibt es zu entdecken, etwa, dass es in Frankreich offenbar noch reine Knabenschulen gibt. Eine davon befindet sich hier - jedenfalls habe ich im Hof tatsächlich nur Buben spielen sehen.
Was das Essen betrifft, ist Paris wirklich eine Wüste. Weil ich keine Lust auf diesen unsäglichen Tourifood hatte, für den sich die Franzosen nicht schämen, den Gästen hinzustellen, auch wenn die Namen der Gerichte französisch klingen, ging ich in ein italienisches Lokal - eine Seltenheit in Paris. Es ist überklimatisiert und das Interieur ein Ablöscher, die Kellner sind genauso unhöflich und arrogant, aber das Carpaccio ist frisch, der Parmesan frisch gehobelt, die Basilikumblätter ebenfalls frisch, der Salat und die Salatsauce - französisch, nicht italienisch - ebenfalls leicht und gut, dazu leise Jazzmusik. Der Espresso besser als der zu starke, bittere französische.
Das Dessert nehme ich im Berthillon, wo es angeblich das beste Eis gibt und wo nebenan im Laden die Menschen Schlange stehen, weil sie der Reiseführer - wie mich - hierher gelockt hat. Mir ist es zu kühl für ein Eis, deshalb entscheide ich mich für eine Tartelette de pomme. Hier im Café sieht es ein bisschen aus wie in einer Pralinenschachtel, aber die Tarte - auf die ich unendlich lange warten musste - ist gut. Neben mir sitzen vier sympathische, blutjunge Japanerinnen mit ihren flachen, breiten Gesichtchen und schwatzen tapfer Französisch zusammen. Ich nehme an, sie sind wegen eines Sprachaufenthalts hier.
Gedankensplitter:
-  Obwohl Paris täglich von Tausenden von Touristen besucht wird, werden hier die Fremden meistens mit Arroganz behandelt - obwohl die Restaurants ja nicht schlecht von ihnen leben. So unvergleichlich schön und elegant Paris ist, seine Bewohner haben etwas Unsympathisches. Am schlimmsten ist das Preis/Leistungsverhältnis, ein Abriss, der die Erinnerung trübt.
- Amüsiere mich über einen graumelierter Hund mit spitzen Ohren und kurzer, spitzer Schnauze, sitzt breitbeinig am Trottoirrand und lässt es offensichtlich erlösend fliessen. Dabei schaut er absolut einfältig drein. Ob Menschen auch so doof aussehen, wenn sie es "endlich" loslassen können.
- St. Chappelle: Ewas vom Allerschönsten, was ich bisher gesehen habe. Habe nachgelesen, wie die Fenster entstanden und wieder einmal bewundernd festgestellt, wie viel Liebe und Arbeit hinter solchen Kulturschätzen stecken. Freue mich auf das Konzert dort heute Abend. 
- In einem Hotel am Quai musste jemand auf einer Bahre aus dem 6. Stock geholt werden. 3 Feuerwehrwagen mit 6 Leuten, ein Kran, 2 Polizeiautos, Motorräder, Sanitätswagen mit 4 Sanitätern. Sie holten den oder die Kranke(n) -  schon tot (?) - aus dem Fenster. Als die Bahre im Krankenwagen verschwand, fuhr dieser aber nicht gleich ab. Ich hörte, wie sie von "victim" sprachen. Ein Verbrechen?
- Bin auf meinem zunächst planlosen Streifzug in Saint-Germain-des-Prés am "Flore" und am "Deux Magots" vorbeigekommen. Will an einem der folgenden Tage unbedingt dort einkehren.

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