Dienstag, 10. April 2012

Prager Notizen, Mai 2009


16.05.09:
- Ich versuche gerade, den Namen des Cafés herauszufinden, resp. den Ort, an dem ich mich befinde. Aber es ist schwierig, ganz generell, sich in einer Sprache zurecht zu finden, die einem so fremd ist. So ist es zum Beispiel unmöglich, aus einem halbverdeckten Wort den Rest zu erraten. Ich müsste dazu aufstehen, die Strasse überqueren und mir an den Häuserecken die Tafeln mit den Namen darauf ansehen und danach versuchen, sie auf der Karte zu finden und so den genauen Ort identifizieren. Aber diese Mühe erspare ich mir. Deshalb nur so viel: Ich bin unterwegs ins Café Slavia, wo mir noch etwas wenig Zeit bleibt, bis ich mich mit den Anderen anschliesse. Die Gruppe übt zeitlichen Druck aus, um 16 Uhr treffen wir uns schon wieder. Ich bin hier mit dem Team der Internationalen Festtage Bohuslav Martinu in Basel, wir wurden von der Stadt Prag eingeladen, d.h. eigentlich ist Robert eingeladen, der grosszügigerweise sein Team mitnahm. Ich kann mich weiss Gott keiner Verdienste für den tschechischen Komponisten rühmen, ausser dass ich ein bisschen PR für das Festival gemacht habe.
- Das Schreiben unterwegs ist mir zum Bedürfnis geworden. Es ist sozusagen der sinnfüllende Grund, warum ich mich überhaupt ins Ausland begebe. Das stimmt natürlich nicht. Selbstverständlich ist es auch ganz fantastisch, hier in Prag zu sein, diese Stadt in mich aufzunehmen, die so viel Geschichte zu bieten hat, und an die auch persönliche Erinnerungen geknüpft sind, an die Zeit, als ich 1970 zum ersten Mal mit Irene hier war, nachdem der Prager Frühling zerschlagen und Prag als schwermütige Stadt zurück gelassen hat. Irgendwann ende Siebziger oder anfangs Achziger wollte ich, dass Res die Stadt, die mir so viel bedeutete, unbedingt kennen lernt. Und selbstverständlich ist jede Reise auch eine Bildungsreise, ein kulturelles Erlebnis. Aber verbunden mit dem Schreiben kann ich es verinnerlichen und festhalten. Ein Zeichen setzen, dass ich gelebt habe.
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Im Slavia vis-à-vis des Nationaltheaters: Mir bleibt nur Zeit, die Stichworte aufzulisten, die ich nicht vergessen will:
- Hier im Slavia, d.h. gleich daneben, im noblen Speiserestaurant haben Res und ich gegessen. Es gehörte zu den Empfehlungen, die uns im Hotel abgegeben wurden. Das Essen war miserabel. Aber damals waren wir hier ja auch noch im sozialistischen Osten.
- Das Café vorhin heisst tatsächlich einfach nur Espresso.
- Das Café Dolmen im Park zur Moldau ist halb Galerie, halb Café, hab nur kurz reingeschaut, hat mir sehr gefallen. Für ein nächstes Mal.
- Das Kampa-Museum habe ich mir auch vorgenommen, liegt sehr schön an der Moldau. Eine Sammlung von Künstlern, die im Kommunismus verboten waren.
- Eindrücke nach der Ankunft: Viele Baustellen, überall viel zu viele Touristen - wie wir.
- Das Werben um die Touristen ist aufdringlich.
- Gebäcke und andere Süssigkeiten sind gefährliche Verführer hier in Prag, ich könnte mich davon dick und dämlich essen.
Das Programm gestern:
- Laterna Magica: Interessant, gute Choreographie, überraschende Effekte, aber es hat mich nicht sonderlich gepackt.
- Bierhalle U Veyvodu: Muss man gesehen haben. Riesig, lärmig, tief im Keller, ein Unikat, das es nur hier in Prag gibt.
- Café Kafka: Im Original erhaltenes Café, worin Kafka heute noch omnipräsent ist mit Bildern und Zitaten. Mir wird wieder einmal bewusst, dass er Jude war.
- Wie immer, ärgere ich mich, dass ich nicht alles festhalten kann, was mir während meiner Streifzüge in den Sinn kommt. Ich könnte mein Handy als Dictaphon benutzen, aber dabei komme ich mir so doof vor, dass ich es lasse.
- Heute morgen an der Martinu-Ausstellung im tschechischen Museum der Musik, einer der Gründe unserer Reise. Weiss nun Einiges mehr über diesen Komponisten, dessen Musik mir sehr gefällt.
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17.05.09: Café Louvre. Sehr angenehmer Ort um zu schreiben. Jugendstil-Café im verzierten Zuckerbäckerstil, écru/altrosa, mit grossen Bogenfenstern auf der einen Seite, auf der gegenüberliegenden Seite in die Wand eingelassene Bogennischen mit Spiegeln oder Durchgänge in den nächsten Raum. Nicht voll besetzt. Man hört nur Tschechisch. Ein alter Zeitungsständer. Alles deutet auf eine traditionelle Kaffeehauskultur, wie sie auch in Wien anzutreffen ist, selbst die Süssigkeiten in der Auslage sind zum Teil dieselben.
Heute morgen im jüdischen Viertel: Alt-neu Synagoge: schlicht, atmosphärisch starke Ausstrahlung, ob tatsächlich oder bloss von mir interpretiert, weiss ich nicht, jedenfalls hinterlässt sie in mir einen tiefen Eindruck, ebenso wie der jüdische Friedhof, wo ich beim Grab des Rabbi Löw auch mein Wunschzettelchen in eine Steinlücke geschoben … und dabei an I. gedacht habe.
Unsympathisch sind die Eintrittspreise, was Dorette zu der Bemerkung veranlasst, "c'est juif!", was mich wiederum geärgert hat. Ich hätte ihr gerne widersprochen, aber in diesem Fall hatte ich kein Argument, es ist wirklich teuer, vor allem, weil wir zuvor in der Synagoge schon 200 Kronen bezahlt hatten und für den Friedhof nochmals 300. Ich habe mich dann verabschiedet und ging meine eigenen Wege.
- Wenzelsplatz. Hier trifft man auf das normale, geschäftige Prag. Das tut gut nach so viel Museumsatmosphäre samt Touristen im historischen Teil, Ich mag es, mich ganz normal zu bewegen, am Bancomaten Geld herauszulassen, im Normaloladen meinen Apfel zu kaufen. Das Bezahlsystem ist ander als bei uns, man wägt nicht selbst, sondern die Kassierin. Die Kunden warten in einer Reihe, die Kassen haben Nummern und wenn wieder eine frei wird, rückt man nach, wie bei uns auf der Post oder Bank.
- Gestern haben wir uns beim Pulverturm getroffen und sind danach ins wohl eindrücklichste Jugendstil-Kaffeehaus überhaupt gegangen, in die Kavarna Obecni dum (auf die korrekte Schreibweise verzichte ich hier einfachheitshalber): Riesige Leuchter, Marmorwände, Messingdekor usw. Ich glaube, nicht einmal Wien hat etwas Vergleichbares.
- Abend im Nationaltheater: Die Gebrüder Bubenicek, wovon der eine offenbar zu den weltbesten Ballett-Tänzern gehört, haben zusammen mit - (kann ich nicht mehr entziffern) - getanzt. Ein ausgesprochen beeindruckendes Erlebnis.
- Habe ein paar Tische weiter meine Kollegen entdeckt. Werde jetzt zu ihnen gehen und danach wieder meine eigenen Wege. Ich kann nicht anders. Als Ausrede dient mir das Schreiben.
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Café Savoy. Auch sehr schön, etwas nüchterner, bis auf die reichen Ornamentdecken, von der gläserne Lüster hangen. Hier wie überall ist die Auswahl an Kuchen gross. In Prag wäre ich wohl innert kürzester Zeit ein paar Kilo schwerer. Zum Glück laufe ich viel. Hierher habe ich allerdings das Tram genommen. Das Sysem ist etwas kompliziert. Man kann nur am Kiosk oder bei der Metro Billette kaufen. Entweder Einweg-Tickets für 18 Kronen oder Umsteigetickets für 26 Kronen, die 75 Stunden gültig sind. So etwas wie Tagespässe gibt es nicht, laut Robert nur noch persönliche Abos. Als nächstes will ich auch noch die Metro ausprobieren. Der Kaffee hier im Savoy ist nicht zu empfehlen.
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Während die Trams für Fremde nicht unbedingt benutzerfreundlich sind, ist die Metro recht angenehm. Weniger Staub als etwa in Berlin, man hat das Gefühl, dass sie sauber gehalten wird. Allerdings sind die Wartezeiten eher lang, aber das mag daran liegen, dass heute Sonntag ist. Zum Teil sind die Verbindungswege sehr lang zwischen zwei Linien, die sich kreuzen. Es gibt drei Linien, eine rote, eine gelbe und eine grüne. Die Beschilderung ist übersichtlich, gut sichtbar angebrachte Tafeln weisen den Weg.
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19.05.09: Wieder zu Hause. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, meine Aufzeichnungen fort zu setzen. Ich konnte mich nicht mehr von der Gruppe absetzen, es wäre unhöflich gewesen. Und abends war ich zu müde. Das nächste Mal werde ich wieder allein reisen. Aber es waren auch ohne Aufzeichnungen unvergessliche Tage und ich bin Robert sehr dankbar, dass er mich in sein Team eingeschlossen hat, obwohl ich diejenige bin, die nun wirklich nicht viel gemacht hat.

Nachtrag aus der Erinnerung:
Was wir noch gesehen haben: Den Hradschin und die St.-Veits-Kathedrale selbstverständlich, in der Bar des wunderbaren Hotels Pariz haben wir einen Kaffee getrunken, das Marionettentheater hätten wir uns sparen können (schmuddelig, ältlich, nur noch für Touristen), das Strahov-Kloster bietet einen wunderbaren Blick auf Prag. (Mehr ist jetzt - drei Jahre später - nicht mehr im Detail rekonstruierbar).

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