Dienstag, 3. November 2009

Lissabon 12. Februar 2009

Im unterkühlten Lokal gegenüber meinem Hotel warte ich auf einen Kellner. Über den Bildschirm des Fernsehers flackern tonlose Bilder, aus einem Lautsprecher singt eine junge Frauenstimme auf Portugiesisch, vermutlich einen Schlager. Zwei vereinzelte Gäste sitzen vor ihrem Bier; neben mir an der langen Theke essen Angestellte eine Art Eintopf. Es ist kurz nach halb sieben. Ich bin zu früh. Trotzdem steige ich nicht wieder vom Hocker, ich will unbedingt noch etwas essen. Schliesslich möchte ich nicht, dass mein Magen knurrt, wenn ich neben I. im Konzert sitze.
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Vor drei Stunden bin ich in Lissabon angekommen. Der Buschauffeur, der mich in die Stadt bringen sollte, schob sein Kinn nach vorne und deutete damit zum Ausgang. Einsteigen nur ohne Gepäck erlaubt! „Ja, auch wenn Sie die Fahrkarte schon bezahlt haben!“, nickte er und zeigte mit dem Daumen nach hinten zur nächsten Haltestelle, wo der „City-Bus“ stand, der für ankommende Flugpassagiere reserviert und selbstverständlich separat zu bezahlen war.
Obwohl der Verkehr bereits zu stocken begann, dauerte die Fahrt ins Zentrum nur eine knappe halbe Stunde. An der Haltestelle Marques de Pombal stieg ich aus und ratterte mit meinen beiden kleinen Rollkoffern über das gepflasterte Trottoir in die Richtung, in der ich das Hotel vermutete. Als gefährliches Abenteuer erwies sich dabei das Überqueren der mehrspurigen Strassen, die ins Rondell um den Praça Marques de Pombal münden. Kaum jemand beachtete die Ampeln; ich war heilfroh, als ich die Rua Braancamp erreichte, von wo das Hotel nur noch wenige Schritte entfernt sein konnte.
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Mein Reiseführer-Portugiesisch reicht nicht aus, um auch nur annähernd zu erahnen, worum es sich bei den Speisen auf der Menükarte handelt. Der Kellner kann zum Glück ein paar Brocken Englisch. Ich erkläre ihm, dass ich nur etwas Leichtes essen möchte, er zeigt auf ein Tagesmenu auf der Karte und sagt etwas, was ich nicht ganz verstehe. Mir ist ohnehin mehr nach einem Salat und einem Stück Fleisch. „Steak, Veal, Lamb...?“, fragt er. „Lamb?!“ Ja, das tönt nicht schlecht, „bringen Sie mir einen Salat mit einem Lammkotelett“..., will ich sagen, aber er hört mir schon nicht mehr zu, lächelt triumphierend, das habe er mir doch gerade vorgeschlagen, ich werde sehen, es werde mir bestimmt schmecken.
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Die Website des Hotels Aviz verhiess den Glanz vergangener Zeiten; man habe die Atmosphäre einer Epoche eingefangen, als die Berühmtheiten der Welt im hier abstiegen, als Legenden wie Maria Callas, Frank Sinatra, Ava Gardner und Eva Peron das Haus mit ihrem Glamour überstrahlten. Ein unverbindliches Werbeversprechen, kaum vereinbar mit den günstigen Preisen, wie ich hätte wissen müssen. Wenn überhaupt konnte das Hotel höchstens eine schlechte Kopie sein, im besten Fall eine blasse Erinnerung an damals, als sich der Name Aviz noch mit dem „Palacete das Picoas“ verband, einem „wahren Prachtbau“, wie mir der Portier vorschwärmte, der meine Koffer ins Zimmer brachte. Doch den Prachtbau gibt es nicht mehr, das jetzige Aviz, 2005 an neuem Ort eröffnet, ist eine nette, mit fabrikneuen Antikmöbeln ausgestattete Herberge der Mittelklasse, ein schmales unscheinbares Gebäude in einer Häuserzeile an der Rua Duque de Palmela, als Hotel nur noch an der typischen Marquise über der Drehtüre des Eingangs erkennbar.
Einen Sessel, in den man sich bequem setzen und etwas lesen könnte, gibt es nicht, der Schreibtisch ist mit Tischlampe, einer Flasche Mineralwasser, einem Glas und einem Hochglanz-Magazin voll belegt, zwischen Stuhl und Doppelbett bleibt kaum Platz. Aber Zimmer und Bad im sechsten Stock sind sauber und gepflegt, zwei Fenstertüren lassen Licht herein und führen auf einen schmalen Balkon mit hübsch geschwungenem, schmiedeisernem Geländer. Die Fensterfront direkt gegenüber erlaubt den Blick in die Grossraumbüros und die darüber liegende Chefetage der Bank Barclay. Um halb sieben, als ich mein Zimmer verliess, sassen die Angestellten immer noch konzentriert vor ihren Bildschirmen. Der Chef auch.
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Das Tagesmenu stellt sich als eine Art Irish Stew heraus, Kartoffeln und Lammstücke mit viel Knochen und Fett, in einer Tomaten/Zwiebelsauce gekocht, serviert in einer verbeulten Alupfanne. Bei den Portugiesen ein beliebtes Gericht, wie mir der Kellner verrät. Die Portion ist viel zu gross, mehr als die Hälfte gebe ich zurück.

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