Mittwoch, 4. November 2009

In Würde?

Der Bundesrat will die Palliativpflege ausbauen, hauptsächlich als Alternative zur aktiven Sterbehilfe, für die er strenge Regeln aufstellt und die er gegenüber der jetzigen Praxis stark einschränken will. So könnten nur noch Todkranke aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen, während Chronischkranke, die unter unerträglichen Schmerzen leiden oder sich in einer ausweglosen Situation befinden, wieder zu illegalen Mitteln greifen müssten, wenn sie freiwillig aus dem Leben scheiden möchten.
Vor einigen Monaten machte in Italien der Fall Schlagzeilen, von der jungen Frau, die während 17 Jahren im Koma gelegen hatte und nur noch dank künstlicher Ernährung am Leben gehalten wurde. Die Eltern erwirkten via Gerichtsurteil, dass ihre Tochter von den Schläuchen abgehängt und eines natürlichen Todes sterben konnte. Berlusconi und die Kirche sind gegen das Urteil Sturm gelaufen; die Frau starb kurz bevor es wieder aufgehoben wurde.
Man muss sich das vorstellen: die Frau lag 17 Jahre an Schläuchen, unbeweglich, ohne jede Chance, sich jemals äussern zu können, ohne jede Hoffnung, dass sie jemals erwachen würde. Sicher, man kann nicht wissen, was das Leben für Menschen in ihrer Situation bedeutet. Aber selbst, wenn sie noch irgend etwas mitbekommen hat, was war das? Die Geräusche im Krankenzimmer, die Schritte des Pflegepersonals, den Geruch der Desinfektionsmittels, das Oeffnen des Fensters, das Schliessen der Türe? Vielleicht hörte sie die Stimmen der Eltern, vielleicht verstand sie sogar, was sie sagten. Ich glaube das zwar nicht, aber nehmen wir mal an, es wäre so gewesen, wie muss es für sie gewesen sein? Sie lag da, eingesperrt in einem für die Vorstellung unfassbaren Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt, sie lag einfach da, hilflos, reglos, verdammt zu Stummheit, Untätigkeit, Unfreiheit, Unbeweglichkeit, Widerspruchslosigkeit, zum ewig gleichen Rhythmus, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde, Nacht für Nacht. So oder so "lebte" sie nur noch durch künstliche medizinische Hilfe. Gottgewollt???
In der Diskussion um die Sterbehilfe argumentieren die Gegner, dass das Leben von Gott geschenkt und der Freitod eine Sünde sei. Mit salbungsvoller Stimme und frommem Blick erklärte kürzlich ein katholischer Priester, dass Chronischkranke in ihrem Leiden einen Sinn erkennen könnten und dass Todkranke das Leben bis zum Schluss annehmen sollten, bis Gott es zurücknehme. Damit hätten sie Gelegenheit, „in Würde zu sterben“. In Würde???
Ich weiss nicht, ob ich den Mut hätte, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aber ich denke oft darüber nach, welch würdelose Situation die Menschen in unserer Gesellschaft ertragen müssen, wenn sie alt und „zu nichts mehr zu gebrauchen“ sind, allein gelassen von ihren Familien, abgeschoben ins Pflegeheim, wo sie routinemässig versorgt und mit wildfremden Menschen zusammen in ein Zimmer gesperrt werden, wo man sie behandelt wie Kinder und wo sie nichts anderes mehr zu tun haben, als auf den Tod zu warten. In Würde??? Womöglich werden sie dann auch noch an Schläuche angehängt, damit das Martyrium noch etwas andauert, und wenn sie Pech haben, kommt dann auch noch ab und zu der frömmliche Priester und labbert etwas von würdevollem Sterben.
Die katholische Kirche mit ihrer blutigen Geschichte äussert sich kaum zum weltweiten Töten, im Gegenteil: sie rechtfertigt indirekt Kriege im Namen der Religion, sie schweigt, wenn es um die Verfilzung zwischen Politik und Camorra geht, sie machte und macht sich zur Komplizin korrupter Regierungen, stand immer auf der Seite der Macht, auch wenn diese sich gegen das Volk richtete, sie erteilt Holocaust-Leugnern Absolution, sie schwingt sich zur Hüterin der alleinigen Wahrheit auf, spricht von Erbsünde und Fegefeuer und all dem Blödsinn, sie glaubt entscheiden zu dürfen, was moralisch und was unmoralisch ist, fordert schafgläubige und kritiklose Anhängerschaft. Sie kämpft nicht für Gerechtigkeit, sondern für den eigenen Machterhalt. Sie lindert nicht die Gewissensnot der Menschen, nein, sie erklärt Menschen zu Schuldigen, die ihr Schicksal nicht mehr ertragen können.
Mir wird schlecht ob so viel zynischer Heuchelei.

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