Freitag, 23. Oktober 2009

Colmegna 12. Oktober 2009

Colmegna, das ist zunächst einmal ein verlassener Bahnsteig auf einem höher gelegten Trassee. Ein steiler, betonierter Weg führt hinunter ins Dorf, wo auf den ersten Blick nur eine Häuserzeile zu erkennen ist, die sich entlang der Strasse aufreiht. Genauer besehen versteckt sich dahinter gut getarnt ein kleines, in den Hang geklebtes Dorf mit engen, schattigen Gassen und einer Kirche, deren Campanile mit einsamen, melancholischen Glockenschlägen die Stunden verkündet. Am Ende der Häuserzeile, auf der gegenüberliegenden Strassenseite, liegt direkt am See das Hotel Camin. Das Hotel hat mir ein Freund empfohlen; das Doppelzimmer mit Seesicht habe ich via booking.com reserviert, zum Einzelzimmer-Preis von € 100.- inkl. Frühstück.
Wie sich herausstellt, ist es nicht die teuerste, aber die beste Adresse in der Umgebung. Ein sympathisches Hotel an schönster Lage, wo die Gäste freundlich empfangen und aufmerksam bedient werden. Absolut einmalig ist der schmale, langgezogene Park, der sich dem steilen Seeufer entlang an den Hang schmiegt und auf dessen verschlungenen Treppen und Wegen da und dort ein lauschiges Plätzchen zum Verweilen einlädt. Die Chefin empfiehlt mir das Gewächshaus, wo anstelle der Pflanzen geflochtene Sessel mit violetten und purpurnen, goldbestickten Kissen die Atmosphäre des Fin de siècle in Erinnerung rufen.
Aus dem Notizheft
Einzelne, heftige Windböen eilen dem Sturm voraus, der für diese Nacht angesagt ist. Gekräuselte Wellen wandern quer über den See, weisse Schaumkrönchen blitzen auf, in der Ferne erstarrt die Bewegung im Sonnenlicht zur silbrig glänzenden Eisfläche. Ich warte auf den Bus nach Luino und verlasse mich darauf, dass ich den Fahrplan, aus dem ich nicht wirklich schlau geworden bin, richtig interpretiert habe. Zu meiner Überraschung taucht der Bus mit einigen Minuten Verspätung tatsächlich auf. Ausser mir sitzt nur noch der Chauffeur im Wagen. Bevor ich in Luino aussteige, erkundige ich mich bei ihm, wann und wo ein Bus zurück fahre, die Schilder seien für Unkkundige nicht sehr aufschlussreich. Er brummelt etwas von „Capolinea“ und „qui“, woraus ich schliesse, dass ich von hier auch wieder zurück fahren kann. Vorsichtshalber werde ich fünf Minuten früher an der Haltestelle stehen, so genau wie in der Schweiz nimmt man es in keinem anderen Land mit der Pünktlichkeit, es könne hier durchaus vorkommen, dass der Bus auch mal ein kleines bisschen zu früh abfahre, wie man mir sagt.
Nachdem ich wie geplant im Supermercato eine Sonnenbrille gekauft und am Bancomat Euros abgehoben habe, gehe ich der Seepromenade entlang, am gläsernen Scheppern der Segelboote vorbei Richtung Strandbad, das längst geschlossen ist. Der Wind bläst jetzt so stark, dass ich mich gegen ihn stellen muss, um von ihm nicht weggepustet zu werden. Eine Taube steuert vergeblich den Kandelaber als Landeplatz an; nach zwei misslungenen Versuchen gibt sie auf und lässt sich vom Windstoss in die andere Richtung davon tragen. Der aufgewühlte See hat sich in der Zwischenzeit schwarzblau verfärbt und peischt seine Wellen wütend über die Ufermauer. Weit draussen entdecke ich ein einsames Segelboot. Selbst auf die Entfernung lässt sich erkennen, dass es sich um einen verbissenen Kampf handeln muss; Die Segel tauchen mal als Strich, mal als kleine weisse Ovale auf, das Boot kann den Kurs nur schwer halten, von Zeit zu Zeit neigen sich die beiden Maste gefährlich tief zur Seite.
Ein Mann gesellt sich neben mich und kommentiert die Szene. Es müsse sich wohl um eine grosse Barke handeln, er sei gestern auch draussen gewesen, aber heute wäre das Selbstmord, bei diesem Wellengang wäre er mit seinem Boot längst gekentert. Irgendwann verliere ich das Interesse und als ich nach rund einer Stunde wieder nach dem Boot Ausschau halte, sehe ich es nicht mehr.

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