Sonntag, 28. April 2013

Was ist Literatur?

Was ist Literatur? Auch so eine Frage, die mich Zeit meines Lebens beschäftigt hat, und die sich nicht abschliessend beantworten lässt. Jedenfalls nicht aus meiner Sicht.

Meine Definition als Konsumierende: Anders als Musik oder die bildende Kunst, ist Literatur anstrengend. Ich muss sie lesen. Ich muss sie verstehen. Auch im Theater. Wenn ich in ein Konzert, in ein Museum, in eine Fotoausstellung oder ins Kino gehe, kann ich schauen, kann zuhören und geniessen, kann emotional erleben, ohne mich damit intellektuell auseinandersetzen zu müssen.

Mit anderen Worten: Ein Maler kann malen, ohne darüber nachzudenken, ob man seine Kunst versteht. Wie ist das bei einem Literaturschaffenden?

Der Kanon der Literatur gehörte zu meiner Ausbildung, wir haben die wichtigen Bücher der Weltliteratur zerpflückt, ihre Sprache analysiert, wir haben sie interpretiert, wir haben den Inhalt in den jeweiligen Kontext gestellt, die Bedeutung und Allgemeingültigkeit herausgeschält. Trotzdem ist mir bis heute nicht klar, warum der eine Text als Literatur gilt, der andere, vielleicht ebenso relevante, gerade nicht. Oder umgekehrt gefragt: Warum gilt kluge, gut geschriebene «Trivialliteratur» (was für ein hässliches Wort!) nicht als Literatur im engeren Sinne? Warum macht man im deutschen Sprachraum diese Unterscheidung, die im Englischen nicht gilt?

Buchhändlerin bin ich nicht aus Liebe zur Literatur geworden, sondern, weil ich gerne lese und schreibe. Was als Literatur zu unserer Pflichtlektüre gehörte, war mir als junger Mensch – meistens – zu anstrengend oder besser: zu langweilig. Also las ich quer, dazu den Klappentext und ein bisschen Sekundärliteratur, die mich darüber aufklärte, worum es ging. Ich verliess mich auf das Urteil der Literaturgebildeten, die es ja wissen mussten. Ab und zu überraschte mich eines dieser Werke, weil es mich – wie man so schön sagt – plötzlich «hineingezogen» hat. Bei Kafka passierte mir das, bei Goethe nie, nur bei einzelnen Gedichten. Lieber mochte ich Satirisches, Ironisches und Selbstironisches, Sprachwitziges, Kästner, Tucholsky, Oscar Wilde. Noch heute beschränke ich mich auf das, was mich spontan anspricht. Proust wollte ich ein Leben lang lesen, habe es aber nie geschafft.

Wenn ich mir wieder mal ein Werk aus dem klassischen literarischen Olymp vornehme, bleibt es meistens bei der selbst auferlegten Anstrengung zwecks Bildungsambitionen, die mir als unerledigte Pendenz auf der Seele liegen. (Noch so ein Projekt für das Alter: Die klassische Literatur nachzulesen. Irgendwann. Später mal. Wenn ich nicht mehr mobil bin. Wobei: Vielleicht – nein, sicher sogar – spielt es dann ohnehin keine Rolle mehr, was ich je gelesen habe und was nicht.) Persönlich hat mich vor allem die jeweils aktuelle Literatur interessiert. Mein Schlüsselerlebnis in der Literatur war «Der menschliche Makel» von Philip Roth.

Also nochmals: Was ist Literatur?

Bei Wikipedia heisst es ziemlich holprig: «Die öffentliche Literaturdiskussion ist auf Werke ausgerichtet, denen Bedeutung als Kunst zugesprochen werden könnte, und die man im selben Moment von Trivialliteratur, von ähnlichen Werken ohne vergleichbare literarische, sprich künstlerische, Qualität, abgrenzt.»

Einfach ausgedrückt: Es gibt die Literatur als (sprachliche) Kunstform, der Rest ist trivial. (Trivial: Ohne Ideengehalt, wenig bedeutungsvoll, alltäglich, gewöhnlich, nichts Auffälliges aufweisend.) Diese Definition ist mir zu elitär.

Ich denke: Hinter jedem kreativen Schaffen steckt theoretisches Wissen und praktisches Können. In der Literatur wird ein Werk dann zur Kunst, wenn es Geist und Sinne gleichermassen anzusprechen vermag. Mit anderen Worten: Ein Werk mag intellektuell noch so brillant, sprachlich noch so schön oder so kunstvoll oder so einzigartig, es mag historisch oder politisch noch so relevant sein: Ohne die Empathie des Autors bleiben seine Figuren bloss exemplarisch, psychologisch nicht einschätzbar, künstlich. Lebendig, und damit nachvollziehbar, werden sie erst, wenn wir uns in sie und ihre Welt hineinversetzen können. Wer Shakespeare oder Dostojewski liest, lebt während des Lesens in einer anderen Zeit und lernt dabei, seine eigene besser zu verstehen. Das ist grosse Literatur.

Ich denke: «Grosse» Literatur ist Kunst. Sie ist wichtig und relevant. Aber noch wichtiger ist das Lesen. Wer nicht liest, verfällt dem Irrtum, seine eigene Welt als die einzig existierende und seine eigene Denkweise als die einzig richtige zu halten. Deshalb braucht es auch die kluge, für alle verständlich und gut geschriebene Trivialliteratur.

Womit wir wieder bei der Frage sind, ob Literaturschaffende beim Schreiben an ihre Leserschaft denken sollten. Ich meine, ja. Eine Ausnahme macht die Poesie, die literarische Kunstform, die ihre Aussage emotional vermittelt. Oder Dada, l’art pour l’art, wo das Verstehen überflüssig wird. Was wiederum ein Widerspruch in sich ist, denn Dada beinhaltet ebenfalls eine Aussage, nämlich die, sich vom traditionellen Kunst- und Literaturbetrieb zu unterscheiden.

Ich denke: Wie jede andere Kunstform ist die Literatur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ausdruck der Zeit, in der sie entsteht. Aus der unsagbar grossen Menge an aktuell Geschriebenem wird zweifellos nur ein kleiner Teil auch in der Zukunft noch Bestand haben. Trotzdem: Viele Werke, die ihre Zeit nicht überleben, sind wichtige Auseinandersetzungen mit dem aktuellen Geschehen. Also lesenswert. Ob sie nun kunstvoll oder bloss trivial sind.

So sehe ich das.

Dienstag, 9. April 2013

Vernissage und erste Buchbesprechung

Meine gestrige Buchvernissage im Rahmen des Xanthippe-Jubiläums war in jeder Hinsicht ein gelungener Abend: gute Regie, angenehme Moderation, wunderschöne Musik. Ich bin noch immer total überwältigt, wen ich alles begrüssen durfte. Die grösste Überraschung hat mir allerdings mein 85jähriger Lehrer bereitet, der die Reise von Kehrsatz bei Bern nach Zürich unternommen hat, um sich von mir ein Buch signieren zu lassen. Für mich war das der absolute Höhepunkt.

 

Auch das Vorlesen hat bestens geklappt.
Entgegen meinen Befürchtungen hatte ich mich auf der Bühne unter Kontrolle. Womöglich stimmt, was die Leute sagen, nämlich, dass es genügend Lampenfieber im Voraus braucht, damit der Adrenalinspiegel hoch genug ist, um sich wirklich gut konzentrieren zu können.
 

 

 

Für den Xanthippe-Verlag war der Abend ebenfalls ein Erfolg. Insgesamt 400 Gäste aus allen Teilen der Schweiz, aus Deutschland und aus Oesterreich.
Yvonne-Denise Koechli gehört denn auch mein ganz grosser Dank. Sie ist eine Verlegerin mit Herzblut und scheut das Risiko nicht, auch unbekannte AutorInnen zu verlegen. Was in der heutigen Zeit ja weiss Gott keine Selbstverständlichkeit mehr ist, wie sie im Interview sagte: Früher hat der Verleger mit seiner Auswahl einen Qualitätsstandard gesetzt. Heute verstopfen die unzähligen Möchtegern-Buchautoren mit ihrem Selfpublishing den Buchkanal. Ich hoffe, dass sie noch sehr lange weitermacht und sich diesem Trend entgegenstellt.
Den exquisiten Rahmen der Veranstaltung schliesslich gestalteten Nicole Johänntgen (Saxophon) und David Beer (Gitarre) mit ihren wunderschönen Jazzeinlagen.

 




Freitag, 15. März 2013

Interview zum Buch

Christine Fivian, Sie waren lange Jahre Chefredaktorin einer deutschschweizerischen Tageszeitung. Vor vier Jahren gingen Sie in Frühpension. War zu jenem Zeitpunkt schon klar, dass Sie einen Roman schreiben werden?

Ja und Nein. Den Vorsatz gab es nicht. Aber im Hinterkopf hatte ich schon immer die Idee, einmal auf Papier zu bringen, was mich ein Leben lang beschäftigt hat, nämlich, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt oder einfacher, dass jeder Mensch das Leben nur mit seinen eigenen Erfahrungen begreift und mit seinen eigenen Augen sieht. Als ich nach der Pensionierung wieder Zeit hatte zu schreiben, war es nicht mehr weit bis zum Roman.

Es ist ihr erster Roman. War das eine grosse Herausforderung?

Vielleicht war es etwas grössenwahnsinnig von mir, gleich mit einem Roman zu beginnen. Aber am Anfang war es auch nur als Projekt gedacht. Ich wollte wissen, ob sich das Thema tatsächlich in dieser Form umsetzen lässt. Mit der Zeit ist daraus die ernsthafte Ambition entstanden, den Roman so zu schreiben, dass er veröffentlicht werden könnte. Vor allem der Anfang war sehr schwer. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich neu angefangen habe, jedes Mal wusste ich, dass es so nicht geht. Bis ich irgendwann den roten Faden gefunden habe und sich die Geschichte fast wie von selbst entwickelt hat.

Und jetzt liegt der Roman vor, eine Mischung aus Künstlerroman, Beziehungsdrama und Kriminalgeschichte. Welche Facette ist Ihnen die wichtigste?

Vordergründig ist das Buch eine Beziehungsgeschichte, die sich wie ein Krimi liest, aber doch keiner ist. Es geht mir natürlich auch um die Spannung, sie hält die Geschichte zusammen. Aber vor allem geht es mir um die Ambivalenz im Leben und in der Liebe. Oder anders gesagt, um das „Sowohl als auch“, darum, dass alles relativ ist und aus einer anderen Sicht betrachtet eben ganz anders sein kann.

Die drei Frauen, die im Mittelpunkt des Romans stehen, sind Durchschnittsfrauen, weder besonders pfiffig noch besonders erfolgreich, weder diabolisch noch kaltschnäuzig. Das ist ganz gegen den Trend, wo doch heute fast alle Romanheldinnen richtige Hexen sind. Ist das gewollt?

Ich mag diese diabolischen Weiber durchaus! Aber für meinen eigenen Roman sind mir unaufgeregte Normalverbraucherinnen näher.  Differenzierte Figuren mit Stärken und Schwächen, frei von Pauschalisierungen. Keine Superfrauen, sondern Frauen wie Du und ich. Keine Heldinnen, aber Frauen, die ihr Leben meistern so gut sie eben können. Frauen meiner Generation, die sich zwar emanzipiert haben, aber noch nicht das Selbstbewusstsein erreicht haben, das die heutigen Frauen auszeichnet.

Die Hauptprotagonistin unter den Frauen ist Alma. Gibt es dafür einen Grund?

Sie verkörpert die Frau zwischen der alten, den konservativen Mustern verpflichteten Generation, in der Mona hängen geblieben ist, und der neuen, progressiven Generation, die sich in Lisa ankündigt. Ausserdem ist sie das  Bindeglied zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren. So gesehen ist auch sie eine Metapher für die Ambivalenz, die wir alle in uns spüren. Wir haben alle unsere verschiedenen Seiten.

Was spielt eigentlich Paul für eine Rolle, er ist im Buch ja so etwas wie das Bindeglied zwischen den drei Frauen?

Er hat das Bild gemalt, das als Metapher für die Ambivalenz dient, insofern spielt er sogar eine zentrale Rolle, genauso wie im Leben der drei Frauen. Das heisst, er spielt sozusagen die Hauptrolle im Hintergrund.

Die Männer im Buch kommen nicht alle sehr gut weg. Haben Sie das Buch vor allem aus feministischer Sicht geschrieben?

Ich bin eine Frau, insofern liegt mir die feministische Sicht naturgemäss näher. Aber das war nicht die Absicht. Mir ging es auch hier um die Ambivalenz. Um verschiedene Spielarten von möglichen Beziehungen. Um Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Und um die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Frauen meiner Generation, die sich aus tradierten Mustern befreit haben, aber noch nicht ganz am Ziel angekommen sind.

Der Roman ist auch ein Stück Zeitgeschichte, nicht nur wegen der Rassismus-Thematik und der Fichenaffäre, sondern vor allem wegen Stellung der Frauen, die in Almas jungen Jahren in einem Masse diskriminiert wurden, das sich junge Leute gar nicht mehr vorstellen können.

Tatsächlich war es mir ein Anliegen aufzuzeigen, wie viel die Frauen der westlichen Gesellschaft in dieser vergleichsweise kurzen Zeit erreicht haben. Vor 68 lebten wir in einer komplett anderen Welt. Man muss sich nur an die amerikanischen Spielfilme der 50er Jahre erinnern um zu wissen, was ich meine. Aber der Fortschritt kam nicht von selber, er musste erkämpft werden. Und er muss weiterhin verteidigt werden, denn wir bewegen uns noch immer auf sehr dünnem Eis. Vor dem Gesetz sind wir zwar alle gleich, aber nach wie vor ziehen Frauen oft den Kürzeren, nicht nur, was Lohn und Karriere betrifft.

Sind feministische Anliegen überhaupt noch gerechtfertigt? Besonders bei uns im Westen sind doch die Frauen heute praktisch gleichberechtigt.

Auch wenn wir westlichen Frauen heute sehr viel mehr Rechte haben als Frauen in anderen Kulturen, so sind wir noch längst nicht da, wo wir sein müssten, nämlich bei der Gleichwertigkeit der Geschlechter in allen Bereichen. Ich bin überzeugt, je mehr diese Gleichwertigkeit in der westlichen Zivilisation zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, desto mehr hilft das auch den Frauen, wo diese nur über ihre Rolle als Tochter, Ehefrau oder Mutter definiert werden und sonst nicht existieren. Gerade die jüngeren Frauen bei uns, für die so manches selbstverständlich geworden ist, sollten sich vermehrt daran erinnern. Denn auch sie könnten ganz viele ihrer Freiheiten sehr schnell wieder verlieren, wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.

Sie arbeiten viel mit Monologen und Dialogen, dadurch erhält die Geschichte Tempo. Kontemplative Momente gibt es so gut wie keine. War das beabsichtigt?

Ich bin keine Literatin, sondern Journalistin, das heisst, ich schreibe als Journalistin und will mich nicht mit fremden Federn schmücken. Persönlich finde ich das Kontemplative vieler deutschsprachiger Romane eher etwas ermüdend. Mir kommt dann immer das Wort „Kunstanstrengung“ in den Sinn. Mir gefallen Geschichten mit einem spannenden Plot, Geschichten die sprudeln, die eine kohärente Geschichte erzählen und die mitreissen. Ich denke, dass die angelsächsische Literatur da weniger Vorurteile kennt. Sie trennt nicht – wie das im deutschen Literaturbetrieb der Fall ist - zwischen sogenannt „ernsthafter“ und „unterhaltender“ Literatur. Was mir persönlich sehr viel mehr entspricht.

Eine renommierte Literaturkritikerin, die den Roman schon gelesen hat, bezeichnet ihr Buch als „weibliche Antwort auf Martin Suter“. Gefällt Ihnen dieser Vergleich? Und wenn ja, warum?

Träfe das zu, wäre das für mich eine grosse Auszeichnung. Suter schreibt nicht für den literarischen Olymp, sondern für seine Leserschaft. Er greift Themen auf, die uns alle betreffen, er beschreibt sie auf eine unterhaltsame, aber niemals billig anbiedernde Weise und erreicht so eine breite Leserschaft. Würde mir das gelingen, wäre ich sehr stolz darauf.


Samstag, 1. Dezember 2012

„Schluss mit dem Gequengel“…

…schreibt Birgit Schmid in ihrer Polemik über den Lifestyle-Feminismus - gross aufgemacht auf der Titelseite des heutigen TA-Magazins, illustriert mit einer schönen, jungen Frau, Typ Männertraum, samt dem perfekt geformten, mit dem langen, blonden Haar leicht verhüllten, nackten Busen. Vermutlich ein Mitglied der Femen, den ukrainischen Feministinnen, die öffentlichkeitswirksam gegen Sexismus protestieren und sich politisch für mehr Freiheit und Demokratie einsetzen.
Die Illustration ist wohl zur Untermalung gedacht… Moment... zu welcher Aussage denn jetzt…???
Nun ist eine Polemik explizit dazu da zu provozieren. Deutlich angekündigt im Untertitel:  „Warum das Gerede über benachteiligte Frauen nur noch nervt“. Also deute ich die seltsame Verknüpfung der optischen und der verbalen Aussage erst mal als gekonnten redaktionellen Trick, die Aufmerksamkeit sowohl der weiblichen als auch der männlichen Leserschaft zu gewinnen, und beschliesse, mich vorerst nicht zu ärgern.
Während des Lesens frage ich mich allerdings, wie alt Birgit Schmid wohl sein könnte. Ich schlage nach und erfahre - sofern ich sie richtig gegoogelt habe - dass sie vermutlich einer Generation Frauen angehört, die tatsächlich nicht mehr um ihre Rechte kämpfen musste, jedenfalls diejenigen unter ihnen nicht, für die alle Voraussetzungen schon da waren: Das Umfeld, in das sie geboren wurden, die Bildungschancen, die ihnen schon im Kindesalter zur Verfügung standen, die Branche, in der sie heute arbeiten und womöglich sogar den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit erhalten. Vielleicht steht ihnen eine Karriere in die oberste Etage offen und dazu noch ein Mann zur Seite, der bereit ist, die Arbeit im Haushalt und die Kindererziehung gleichverpflichtet zu übernehmen, sofern man diese Aufgaben nicht sowieso outsourced. Wo das alles zutrifft, kann man mit Fug und Recht behaupten, diese Frauen seien nicht benachteiligt. Es gibt sie tatsächlich. Aber: für wie viele gilt das?
Ich bin weder benachteiligt, noch zähle ich mich zu den Feministinnen. Jedenfalls nicht zu den Hardcore-Feministinnen, die jegliches Übel auf genderbedingte Ungerechtigkeiten zurückführen. Auch ich habe mich schon oft genervt über feministische Larmoyanz und Humorlosigkeit, über Klagen auf allzu hohem Niveau, über lächerliche Empfindlichkeiten, über unrealistische Forderungen auf der einen und die Verweigerung von Pflichten auf der andern Seite, über die einseitige Sichtweise mancher Feministinnen, die ausklammern, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer mit den Ungerechtigkeiten dieses Lebens konfrontiert sind. Und ich ärgere mich über die zunehmende Zahl von infantilisierten Frauen, denen Aussehen und Highheels wichtiger sind als Wissen und Verstehen. Die Liste liesse sich verlängern…
Es ist richtig, dass die Klagen westlicher Frauen lächerlich tönen im Vergleich zu den Ungeheuerlichkeiten, denen Frauen in vielen anderen Kulturen ausgesetzt sind. Es ist richtig, dass weder Gleichmacherei noch die Umkehrung ins Gegenteil der richtige Weg sein können. Und es ist auch richtig, dass es unter anderem eine Frage der Persönlichkeit ist, ob eine Frau sich für eine Karriere entscheidet oder eben lieber zu Hause bleibt und sich den Kindern und der Familie widmet… sofern sie die Möglichkeit dazu hat.
Was Birgit Schmid ausklammert: Wir Frauen bewegen uns nach wie vor auf dünnstem Eis. Das bisher Erreichte lässt sich zwar sehen, aber es ist längst noch nicht so verankert und gefestigt, dass es zur Selbstverständlichkeit geworden wäre. Nach wie vor fehlen vielerorts die infrastrukturellen Voraussetzungen, die es beiden Ehepartnern ermöglichen, wirklich frei zu entscheiden, wie sie sich nach der Geburt eines Kindes organisieren, nach wie vor ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit längst nicht überall gültig, nach wie vor werden Männer den Frauen vorgezogen, wenn es um Führungsaufgaben geht. Nach wie vor werden die Machtstrukturen dieser Welt von Männern gebaut. Nach wie vor prägt die männliche definierte Vorstellungswelt die Strukturen der Wirtschaft. Ein Beispiel dafür ist etwa die Behauptung, Führungsaufgaben liessen sich nicht teilen. Auch hier liesse sich die Liste verlängern.
Frauen und Männer sind anders. Sie werden in der Regel unterschiedlich sozialisiert und haben entsprechend unterschiedliche Sichtweisen. Zum Glück. Ich bestreite jedoch die evolutionspsychologische Theorie von der genetisch bedingten typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweise. Wir alle haben männlich und weiblich definierte Anlagen. Unsere Verhaltensweise ist nur zum Teil genetisch bedingt, zu einem grossen Teil ist sie anerzogen, und wahrscheinlich zum grössten Teil kulturbedingt. Und in unserer Kultur prägt nach wie vor die als männlich definierte Vorstellungswelt sowohl die Politik als auch die daraus resultierende gesellschaftliche Norm.
Die Frauen in der westlichen Welt haben gelernt, sich ihre Rechte zu erkämpfen. Das ist gut so. Aber von einer Gleichberechtigung, die immer auch eine Gleichverpflichtung ist, sind wir noch weit entfernt. Auch bei uns.
Damit die Frauen nachhaltig mitgestalten können, brauchen sie den selbstverständlichen Zugang zur Macht - zur politischen und wirtschaftlichen. Und zur institutionellen Macht, ganz besonders der kirchlichen, denn diese prägt die Moralvorstellung der jeweiligen Zeit, die sich wiederum in der gesellschaftlichen Norm festsetzt.
Politisch artikulierter Feminismus nervt nicht, nur falsch verstandener. Vielleicht meinte Birgit Schmid mit ihrer Kritik am modischen ,Lifestyle-Feminismus‘ ja genau das.

Montag, 19. November 2012

Offener Brief an Roger Köppel

Lieber Roger Köppel
Im heutigen Tagi schreiben Sie: „Das Geschäftsmodell der ,Weltwoche‘ ist die Wirklichkeit.“
Ich dachte, ich lese nicht richtig. Wie kann ein gebildeter, intellektueller Mensch wie Sie im Ernst eine so unbedarfte Äusserung machen, die den Widerspruch geradezu herausfordert, und das nicht nur im philosophischen Sinne?
Wenn Sie geschrieben hätten: die Weltwoche beschreibt eine Wirklichkeit, wie wir Journalistinnen und Journalisten der ,Weltwoche‘ sie als richtig befinden,  oder: die ,Weltwoche‘ beschreibt eine Wirklichkeit, wie ein grosser Teil der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land sie sieht, dann hätte man ihre Replik auf den Essay von Constantin Seibt ernst nehmen können.
Aber mit diesem letzten Satz disqualifizieren Sie sich selber.
Sie wissen also, was Wirklichkeit ist? Tatsächlich?
Dann gehen wir doch dieser „Wirklichkeit“ mal auf den Grund, indem wir Ihre Äusserungen Punkt für Punkt betrachten, im Sinne einer „verständnisorientierten Diskussion“, wie das so schön heisst.
Sie schreiben, die Weltwoche setze auf Fakten, und als Beweis listen Sie auf, was die Weltwoche „aufgedeckt“ habe. Ich will Ihre Meriten im einen oder anderen Fall gar nicht anzweifeln. Sie machen, was jede andere Zeitung auch macht: Sie recherchieren und decken Missstände auf, dort wo sie Sie vermuten. Sie vermuten sie allerdings auffällig oft genau dort, wo ausgerechnet die SVP sie auch vermutet. Zufall?
Ich unterstelle Ihnen nicht, Sie würden nicht recherchieren, aber wie das bei anderen Zeitungen eben auch so ist, basieren viele dieser sogenannten Recherchen letztlich auf Indiskretionen einer bestimmten Seite, die daran interessiert ist, dass über einen tatsächlichen oder angeblichen Missstand geschrieben wird. In dieser Beziehung sind Sie absolut keine Ausnahme.
Sie erwähnen den Fall Zuppiger. Wahrscheinlich um zu zeigen, wie unabhängig sie von der SVP sind. Für mich ist aber gerade dieses Beispiel ein Hinweis auf meine Vermutung, wie sehr die Weltwoche sich von der SVP instrumentalisieren lässt. Als bekannt wurde, dass Zuppiger für den Bundesrat kandidiert, habe ich einen Moment die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass der nach wie vor übermächtige Christoph Blocher dies zulässt. Einen Mann wie Zuppiger, der nicht unbedingt Blochers Gusto entsprach, wie man weiss, und von dem dieser mit Sicherheit wusste, dass die Medien irgendwann die Unterschlagungs-Geschichte aufgreifen würden, die ja früher bereits mal Thema in den Medien war. Was konnte also der Grund sein? Für mich gibt es nur eine Möglichkeit. Zuppiger war das Bauernopfer, mit dem man gleich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen konnte. Erstens war der ungeliebte Zuppiger ein für allemal ausgeschaltet und zweitens bekam die Weltwoche damit ihr weisses Mäntelchen verpasst.
Das entspreche nicht der Wirklichkeit, werden Sie jetzt sagen. Sind Sie sich so sicher?
Sie schreiben, wenn Seibt von „Fakten“ schreibe, meine er sich selbst. Gilt das nicht mindestens im gleichen Mass auch für Sie?
Sie bezeichnen Seibt als den Gralshüter des „Mainstreams“, unter dem Sie die „zufällig von einer Mehrheit der Journalisten für wahr gehaltene Beschreibung aktueller Themen“ verstehen. Mal abgesehen davon, dass der Begriff „Wahrheit“ in diesem Zusammenhang arg strapaziert wird, so stört mich in dieser Äusserung vor allem die Selbstgefälligkeit, mit der Sie offenbar für sich in Anspruch nehmen, im Besitz dieser sogenannten Wahrheit zu sein.
Sie schreiben: „Sie (die Journalisten) sind für Obama und gegen Romney, für Widmer-Schlumpf und gegen Blocher, für den Atomausstieg und gegen den menschengemachten Klimawandel, wobei sich die letzteren beiden Ansätze widersprechen, was aber keine Rolle spielt, weil es die Mehrheit ähnlich sieht und deshalb nicht so genau hinschaut.“
Mit andern Worten: Man muss gegen Obama und für Romney sein, gegen Widmer-Schlumpf und für Blocher, gegen den Atomausstieg und für den menschengemachten Klimawandel (sic!), (sagen Sie mir mal, wie Sie das genau meinen...).
Wer die Wirklichkeit so sieht, wie Sie, ist also auf der Seite der Wahrheit?
Es sei Ihnen unbenommen, Romney als den besseren Präsidenten zu sehen oder Widmer-Schlumpf zum Feindbild zu machen. Sie können gerne gegen den Atomausstieg sein und den Klimawandel als Tatsache anerkennen oder nicht. Aber bitte, nehmen Sie nicht für sich in Anspruch, Sie seien im Besitz der Wahrheit. Was Sie vertreten ist eine politische Meinung  - und zwar eine eindeutige, zumindest das muss man Ihnen lassen. Richtig ist, dass guter Journalismus nicht darin besteht, immer das zu bestätigen, was die Mehrheit, was das journalistische und politische Establishment für die Wahrheit halten. Aber wenn Sie gleich darauf schreiben, ein Journalist, der seinen Job gut mache, müsse die Einsamkeit aushalten, in der er sich manchmal hineinschreibe, dann kommen wir doch tatsächlich die Tränen.
Das erinnert mich ganz stark an die Mission vom rechten und falschen Weg auf dem Wandbild der Familie Blocher. Wissen Sie eigentlich, dass Sie auf dem besten Weg sind, Mitglied einer Sekte zu werden?
Sie rollen weiter den Fall Hildebrand auf und brüsten sich mit den Fakten, welche die „Weltwoche“ aufgedeckt habe. Mit Verlaub. Die „Weltwoche“ war das Sprachrohr für einen Coup, der längst vorbereitet gewesen war. Brüsten Sie sich also nicht mit einer Leistung, die - genau besehen - keine besondere war. Nicht einmal in publizistischer Hinsicht. Denn mit der Veröffentlichung haben Sie wiederum ihr eigenes Publikum bestens bedient. Dafür braucht es keinen Mut.
Sie bezeichnen Constantin Seibt als „Meinungsjournalist“. Ja Herrgott! Was sind SIE denn???
Dann schreiben Sie, die „Weltwoche“ verfolge keine politische Mission, sondern pflege das journalistische Handwerk der Recherche und des kritischen Hinterfragens usw. Lieber Roger Köppel, das machen alle ernsthaften Journalisten in allen Medien. Dass es die Anderen auch gibt, darin sind wir uns einig. Trotzdem hat ihr Selbstlob in diesem Zusammenhang schon fast etwas Lächerliches, wäre es nicht so anmassend.
Sie schreiben, die „Weltwoche“ setze sich, auf der Grundlage von Fakten, bewusst für die urdemokratische Tugend der Meinungsvielfalt ein, weil es in einer Demokratie schlecht herauskomme, „wenn alle das Gleiche schreiben, denken und sagen“.
In diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Schreiben Sie in der Weltwoche, was Sie für richtig empfinden. Das trägt zur politischen Diskussion und zur Meinungsbildung bei. Es ist dabei Ihr gutes Recht, eine politische Haltung zu vertreten, die ganz offensichtlich nicht derjenigen der Mehrheit dieses Volkes, sondern laut Wahlen bloss rund 30 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung entspricht.
Und schliesslich noch zum politischen Journalismus. Sie schreiben, dieser bedeute Skepsis, Misstrauen und die Kunst des fundierten Zweifels in Gestalt der Recherche. Richtig. Dann zweifeln Sie aber bitte auch an der eigenen Sicht der Dinge. Erst das macht Sie wirklich glaubwürdig.
Das Geschäftsmodell der „Weltwoche“ sei die Wirklichkeit, schreiben Sie. Lieber Herr Köppel, es handelt sich dabei lediglich um IHRE Wirklichkeit. Meine ist eine andere.

Sonntag, 11. November 2012

More than Honey

„It sounds money“, kommentiert der amerikanische Imker genüsslich das Summen der Bienen. Treffender hätte er sein Verhältnis zu seiner industriell betriebenen Imkerei nicht beschreiben können. Dass dabei ganze Bienenvölker elendiglich zu Grunde gehen, dass ihr Immunsystem durch Stress, Viren und andere Krankheiten geschädigt wird, was irgendwann zum Aussterben der Bienen führen wird, wenn kein Umdenken passiert, das nimmt er bedauernd in Kauf. Schliesslich geht‘s um Geld.
Um Geld geht es auch dem Mandelzüchter, der seine Monoplantagen tagsüber mit Gift spritzen lässt, genau dann, wenn die Bienen von Blüte zu Blüte fliegen und für seine reiche Ernte sorgen. Würde er sein Gift nachts versprühen, wären die Bienen wenigstens nicht unterwegs, das Sterben wäre nicht so brutal und ein Teil der Bienen könnte gesund überleben. Zum Segen der Menschen. Aber so weit zu denken ist offenbar eine zu grosse intellektuelle Herausforderung. Wahrscheinlicher ist jedoch die Annahme, dass diesen beiden erfolgreichen Geschäftsherren die Welt egal ist, die sie hinterlassen werden. Hauptsache, sie verdienen gutes Geld. Jetzt. „We are capitalists“, sagt der Imker. Lachend.
Was passiert, wenn die Bienen von Pestiziden und Isektiziden ausgerottet sind, zeigt die Sequenz über eine Gegend in China. Die Blüten werden dort von Hand gesammelt, deren Pollen extrahiert, in Päckchen verpackt und an die Landwirtschaft verkauft, wo wiederum ganze Armeen von LandarbeiterInnen unterwegs sind mit ihren Pollenpäckchen, in die sie ein Stäbchen eintauchen um es in danach an jeder einzelnen Blüte der Baumkulturen abzustreifen. Denn ohne befruchtete Blüte keine Nahrung. Die Universität in Peking hat herausgefunden, dass die Bienen im Bestäuben effizienter sind als die Menschen. Man staune…
Es gibt auch Hoffnungsvolles. Vom (ebenfalls amerikanischen) Imker, der sich auf Killerbienen spezialisiert hat, über diese Tiere mit dem grössten Respekt spricht und sie entsprechend behandelt. Und der bewundernd akzeptiert, wenn eines seiner Bienenvölker eines Morgens davon gezogen ist und sich einen Ort gesucht hat, wo kein Mensch mehr hinkommt. Oder Rührendes. Vom Ätti aus dem Berner Oberland, der seine Landbienen gerne rassenrein halten möchte und einsehen muss, dass er seine heile Bergwelt nicht vom Eindringen „fremder Fötzel“ bewahren kann. Und der die schmerzliche Erfahrung machen muss, dass er auch seine rassenreinen Bienen nicht davor schützen kann, krank zu werden.
Man sagt, dass zuerst die Bienen und dann die Menschen sterben. Das kann man wörtlich nehmen oder als Aussage zum Zustand unserer Welt. Ein eindrücklicher Film, der sehr, sehr nachdenklich stimmt.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Mein erster Roman!

Das Buch liest sich wie ein Krimi und ist doch keiner. Denn alles könnte ganz anders sein, als man denkt. Auch die weisse Gestalt im Bild, aus dem Nichts kommend ins Nichts verschwindend…
"Das Bild" ist ein Buch über die Ambivalenz des Lebens und der Liebe. Über Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Über Beziehungen. Zwischen Paul, dem Maler des Bildes, und drei Frauen: Alma, seiner Lebenspartnerin, Lisa, seiner ersten Liebe, und Mona, mit der er eine leidenschaftliche Affäre hatte. Und zwischen den drei Frauen, die so verschieden sind und doch untrennbar miteinander verbunden.
Es ist die Geschichte dreier Lebensentwürfe von Frauen, denen Möglichkeiten offenstanden, die ihre Mütter für sie nicht vorgesehen hatten. Die jetzt zurückblicken, kurz vor der Pensionierung, an der Grenze zum Altwerden. Sie erinnern sich an Brüche in ihrem Leben. Brüche, die nicht nur das Leben verändern, sondern sich prägend auf die Vorstellungswelt auswirken. Eine Vorstellungswelt, die manchmal so ganz anders aussieht als die Realität. Oder die vermeintliche Realität.
Und es ist die Geschichte der Selbstfindung von Alma, von der Paul das Bild "Die Göttin" zurückhaben will. "Die Göttin", von der sie glaubt, sie sei ihre Idee gewesen… Das Buch erscheint am 1. März 2013 im Xanthippe-Verlag in Zürich. www.xanthippe.ch