Montag, 30. Juli 2012
Was mache ich hier?
Nach geschätzten zwei, vielleicht drei Wochen Twitterexistenz frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? Statt mich mit wichtigen Dingen zu beschäftigen oder zumindest zu erledigen, was schon lange darauf wartet, getan zu werden, klicke ich mich via Tablet bei Twitter ein und folge dem digital komprimierten Mitteilungsbedürfnis meiner Mitmenschen, von denen ich die wenigsten persönlich kenne. Oder ich sitze im Tram und statt in meinem Taschenbuch zu lesen, das ich auch dabei hätte, ziehe ich das iphone aus der Tasche, befriedige meine Klatschneugierde und überlege mir dabei, welche betont originelle Banalität ich diesem Geplapper beifügen könnte, bloss, damit ich meine Follower nicht enttäusche, resp. nicht riskiere, wieder entfollowt (ha!) zu werden.
Ich gebe zu: Es zieht mich auf eine unangenehm hartnäckige Art an und stösst mich gleichzeitig ab. Was ich hier mache ist krank! Es stiehlt meine Zeit. Meistens. Und ich beschliesse auszusteigen. Dann bekomme ich einen Hinweis auf einen ganz hervorragenden Blogpost oder Artikel und denke, ohne Twitter hätte ich den nicht gelesen. Was mir den Grund liefert, doch nicht auszusteigen, obwohl ich mit dem Lesen dieser Blogs und Artikel noch mehr meiner Zeit verliere. Das ist irgendwie schizophren.
Als ich mich in dieses Minenfeld begeben habe, vor geschätzten zwei oder drei Wochen, habe ich die gleiche Frage getwittert, die ich mir jetzt stelle: Was mache ich hier? Ein Bekannter hat zurückgezwischert: „Du wirst sehen, es ist total geschwätzig, aber auch faszinierend!“ Stimmt. Es ist geschwätzig! Und es ist faszinierend! Ich liess mich reinziehen in diese „Echtzeit“-Cyberwelt, die mir die Illusion liefert, teilzunehmen, an was auch immer, die mir die Möglichkeit bietet, meine Meinung, (die sicher alle brennend interessiert), kund zu tun, die mich animiert, mich der öffentlichen Empörung anzuschliessen bei einem Thema, über das ich vorher noch nie nachgedacht hatte. Und wenn ich dann darüber nachgedacht habe, ist diese öffentliche Empörung bereits wieder vorbei, denn schon ist das nächste Thema aktuell, über das wir uns ein bisschen empören, bevor wir es wieder vergessen. Und so geht das einfach immer weiter. Was geschieht da mit mir?
Warum twittern die Menschen? Warum twittere ich? Dass meine Lieblingstwitterin, die böse, kluge, zynische Sybille Berg auf diesem Weg ihre messerscharfen Spiegel-Kolumnen oder ihre Sonntags- und andere Wochentagstexte ankündigt, begreife ich, resp. sehe darin den gewünschten Nutzen, und ich bin ihr dafür sogar dankbar, denn so kann ich sie gleich lesen, was in der Regel ein Genuss bedeutet, denn sie ist eine Meisterschützin, die fast immer mitten ins Schwarze trifft, dort, wo auch ich den wunden Punkt erkenne.
Aber ich? Ich bin weder Politikerin, noch bin ich prominent, noch habe ich ein Produkt oder eine webpage zu vermarkten, auch habe ich keine Fangemeinde, die ich befriedigen muss… noch nicht... ;)) Warum also sondere ich öffentlich Gedanken ab, die niemanden interessieren? Liegt es am Ego? Am meinem Bedürfnis, mich mitzuteilen? In Ermangelung physisch anwesender Diskussionspartner? Erspart mir die Cyberwelt die sehr viel anstrengendere Auseinandersetzung mit der Realität? Liefert mir die virtuelle Empörungsplattform die Ausrede, nicht handeln zu müssen? Die Frage zu stellen heisst gleichzeitig sie zu beantworten.
Samstag, 21. Juli 2012
Beschneidung geistiger Freiheit
Trotzdem: Was mich an der Diskussion um die Beschneidung so ärgert, ist die Scheinheiligkeit, mit der sie geführt wird. Da braust eine Welle „political correctness“ heran, und im Meer der politisch korrekt Empörten lässt es sich ja bekanntlich leichter schwimmen als gegen den Strom.
Nehmen wir mal die Lautesten, die empörten Männer, die meisten von ihnen vermutlich Nichtbetroffene. Ich gehe mal davon aus, dass einigen von ihnen die Vorstellung, ihr bestes Stück könnte um etwas Haut beschnitten - und, oh Gott, womöglich verkürzt - sein, den baren Horror auslöst. Ihnen allen sei gesagt: Er wird nicht kürzer, nur schöner!
Wirklich empörend finde ich, dass diese Männer, die sich jetzt so laut zu Wort melden, die Beschneidung der Knaben mit der rituellen Beschneidung der Mädchen vergleichen. Meine Herren, das ist nicht vergleichbar. Die Beschneidung der Knaben kann aus unterschiedlichen Gründen erfolgen: aus medizinischen (Phimose), aus religiösen, aus hygienischen, sogar aus ästhetischen. Ob ein beschnittener Mann länger kann und mehr Lust empfindet, wie es auch heisst, weiss ich nicht, aber ich weiss mit Sicherheit, dass es bei Männern definitiv keine Lustverhinderung und auch keine Behinderung ist. Ganz im Gegensatz zu den Frauen: Bei ihnen ist es eine grauenvolle Verstümmelung, die in jedem einzelnen Fall lebenslanges Leiden zur Folge hat. Wer darüber mehr wissen will, dem seien Buch und Film „Die Wüstenblume“ von Waris Dirie dringend empfohlen.
Auch das Argument, das Kind müsse über seine Religionszugehörigkeit später frei entscheiden können, dient nicht als Argument. Ein beschnittener Penis hindert keinen einzigen Mann daran, im Erwachsenenalter selber zu entscheiden, ob er sich einer Religion zugehörig fühlt oder nicht. Er kann sich jederzeit davon lossagen, sie wechseln oder sich ganz von der Religion abwenden. Nicht der Pimmel hindert ihn daran, sondern etwas ganz Anderes. Und damit komme ich zu einer Form der Beschneidung, die ich als sehr viel dramatischer erachte, als die Beschneidung der jüdischen und muslimischen Knaben, nämlich die Beschneidung der geistigen Freiheit und des geistigen Horizonts durch religiöse Indoktrination - und das geschieht nicht nur bei Muslimen und bei Juden. Und die Folgen sind um ein Vielfaches gravierender. Darüber müsste man sich empören!
Mittwoch, 11. Juli 2012
Buch oder E-book?
Ich stehe zur "bürgerlichen Bücherwand", wie ein Zeitungsschreiber die während eines langen Lebens gekauften, gelesenen und nicht mehr hergegebenen Bücher in den eigenen vier Wänden kürzlich abschätzig genannt hat. Weiss er denn überhaupt, wovon er schreibt? Journalisten - ich bin selber eine - sind Schnellleser. Am liebsten ist ihnen die knapp zusammengefasste Meldung, allenfalls versuchen sie sich selber - mehr oder weniger geglückt - in literarischer Schreibe. Aber lesen, ich meine, mit Hingabe und mit Genuss lesen, das tun die wenigsten. Und je jünger sie werden, je weniger kennen sie das sinnliche Erlebnis, ein Buch in der Hand zu halten und neugierig darauf zu sein, was sich ihnen zwischen den beiden Buchdeckeln für eine Welt auftut. Weil es immer weniger Eltern geben wird, die ihnen dieses Erlebnis vermitteln können.
Die Aussage "Bücher sind sinnlich" ist eine Platitüde, ich weiss. Trotzdem: Ich meine das ganz wörtlich. Bücher riechen, sie machen Geräusche, sie verändern ihr Aussehen beim Lesen, sie kriegen vielleicht Ohren, ich kann reinschreiben, ein Buchzeichen dort einlegen, wo mir eine Stelle wichtig ist, Bücher haben einen Charakter, der sich schon in der Auswahl der Schrift oder in der Gestaltung des Umschlags äussert, Bücher sind Persönlichkeiten, Zeugen, die, wenn ich sie ansehe, mich an die unendlich vielen Gedanken, Geschichten und Universen erinnern, die sie zwischen ihren Deckeln einschliessen und sich mir wieder öffnen, wenn ich die Seiten aufschlage, um vielleicht etwas nachzulesen oder zu zitieren, weil in einem Gespräch davon die Rede ist.
Natürlich kann ich vieles auch elektronisch nachlesen. Teilweise kann ich sogar besser und gezielt danach suchen, je nachdem, worum es sich handelt. Google und Wikipedia sind wunderbare Errungenschaften. Sie ersparen mir Zeit und erleichtern mir, meine Wissen zu aktualisieren und mein Bildungsniveau einigermassen à jour zu halten. Vorausgesetzt, ich habe meinen Laptop oder mein tablet dabei. Und ich mag es auch, unterwegs mit dem iphone die neuesten News zu lesen oder via Twitter einen Gedankenblitz abzusondern. Ich bin nicht gegen die moderne Technik und weiss sie sehr wohl zu schätzen. Trotzdem:
Das tablet sei praktischer, heisst es allenthalben. Stimmt das wirklich? Ich finde nicht! Mal abgesehen davon, dass die Auswahl massiv eingeschränkt ist und ich nur aus den angebotenen Titeln wählen kann: Ist es tatsächlich praktischer, den ipad oder was auch immer, diese unbiegsame, steife und auch nicht ganz leichte Platte mitzuschleppen? Da lob ich mir das Taschenbuch, es ist auch nicht schwerer und erst noch wendiger, macht sich weniger breit und stopft schon mal eine Lücke zwischen all den anderen Dingen, die auch noch in der Tasche Platz haben wollen. Und beim Lesen kann ich das Taschenbuch in allen möglichen Sitz- oder Liegendstellungen immer noch bequem halten, während das ebook, dieses lästige, unbewegliche Ding mir keine Wahl lässt.
Man könnte zur Ehrenrettung des ebook natürlich sagen, es umfasse das ganze virtuelle Universum in seinem Gehäuse. Auch ein reizvoller Gedanke, das stimmt. Andererseits ist es ein beliebiges Universum, worin alles marginalisiert wird, und wo ein Buch eben kein Individuum mehr ist, sondern zur Massenware wird, sicher billiger, je nachdem zugänglicher und wohl auch demokratischer. Kann sein.
Sind Bücherwände deshalb elitär? Bürgerliche Statusdemonstrationen? Hoffnungslos veraltete Bildungsbürgernostalgie? Vielleicht. Trotzdem bleibe ich beim Buch, auch wenn ich damit künftig den Eindruck der kulturbeflissenen Spiesserin erwecke. Ich stehe zu meiner Bücherwand. Ich liebe meine Bücher, nicht nur an Wänden, auch auf jeder Ablage und auf dem Tisch. Und ich bin zum Glück alt genug, immer noch neugierig zwar, aber auch alt genug, um wieder auf die Seite zu legen, was ich geprüft und für mich als unbefriedigend empfunden habe.
Sonntag, 8. Juli 2012
Twittern macht Spass - mit Mass
Aber es ist noch viel spannender: Vorgestern und gestern war ich sozusagen an den Klagenfurter Literturtagen dabei, ohne dass ich mir die selten wirklich fesselnden Texte der Autoren anhören musste, die sich erhoffen, von der erlauchten Jury in den literarischen Bedeutungsolymp aufgenommen zu werden - samt eternem Ruhm, versteht sich. Und das funktioniert dann so: Unter dem Namen @literaturclub hat jemand - wer das ist, weiss ich nicht, aber er ist offensichtlich ein Literaturkenner - laufend kommentiert, was gerade gelesen oder von der Jury diskutiert wurde - und zwar auf eine ausgesprochen launige und witzige Art. Das reichte von Einschätzungen zum Text, über Stellen, die der Twitterer in positivem oder negativem Sinn kommentierte, über Zitate von Jurymitgliedern während der Diskussion bis zur Beschreibung der Bluse der Frau Strigl... ;)) Richtig witzig und unterhaltend. Statt dass ich den lieben, langen Tag am Fernsehen zugeschaut - wenn ich denn gewollt - und mich dabei mit grösster Wahrscheinlichkeit gelangweilt hätte, konnte ich über Mittag schnell das Live-Gezwitscher lesen und war auf höchst vergnügliche Weise aufdatiert, was so gelaufen ist. Toll!!!
Wie sehr man doch in seinen Vorurteilen festgefahren ist. Kürzlich hat mich eine ehemalige Kolleging besucht und mir vom Twittern geschwärmt. Ich dachte, soll sie doch, für mich ist das nichts. Was interessiert es mich, welches Mitteilungsbedürfnis Promi X oder Politikerin XY gerade so plagt. Aber mich hat dann doch der Gwunder gestochen und ich habs einfach mal ausprobiert. Ich ar ohnehin neugierig, wie es funktioniert. Vor allem, weil Twitter in den arabischen Jugendbewegungen eine so grosse Rolle spielt. Ausserdem sollte man, oder besser frau, sich sowieso für diese Dinge interessiren, wenn sie im Pensionsalter noch einigermassen à jour bleiben und nicht plötzlich den Draht zur (sogenannten, ich weiss) Welt verlieren will. Immerhin kann ich jetzt von mir behaupten zu wissen, wovon ich rede. Im Gegensatz zu den meisten, die über Twitter lästern.
Zufälligerweise war dann am folgenden Sonntag ein Interview mit Sherry Turkle, Professorin am MIT und "Cyber-Diva" im Tagi-Magazin. Sie warnt - zu Recht - vor der Vereinsamung und vor der Verdummung durch Social Media. Tatsächlich sind wir dabei, den direkten Zugang zu unseren Mitmenschen zu verlieren. Und da denke ich eben nicht nur an die Kinder, die nur noch via iphone kommunizieren, sondern noch viel mehr an die Erwachsenen, die sich in der individualisierten Gesellschaft nur noch um sich selbst kümmern (mich nicht ausgenommen). Wir sind von den rasend schnell sich erneuernden und weltweit verbreitenden Möglichkeiten, die sich uns bieten, überrollt worden und haben nicht mit der gleichen Geschwindigkeit gelernt, damit umzugehen. Es gibt immer mehr und immer Neues - und tatsächlich auch Spannendes - zu entdecken, aber wir geraten so immer mehr in Zeitnot, die uns davon abhält, das reale Leben zu leben oder zu tun, was wir eigentlich tun wollten oder tun sollten (so, wie ich jetzt, ich sollte an meinem Buch weiterschreiben...).
Ich weiss nicht, ob wir, d.h. unsere Generation die überforderte ist oder die unserer Kinder und Enkel. Ich weiss nur, dass wir wieder lernen müssen, uns auf die wichtigen Dinge zu fokussieren. Und das bedeutet, eine Auswahl zu treffen. Gerade das fällt schwer bei der unendlichen Angebotsvielfalt. Ich weiss aber auch: Rückzug ist nicht die Lösung. Ich für mich habe es, so glaube ich wenigstens, einigermassen im Griff. Ich beschränke mich auf die Dinge, die mir wichtig sind, meistens jedenfalls, und bleibe trotzdem offen für Neues. Aber ich bin in einem Alter, in dem ich es mir leisten kann. Das Gestalten der Zukunft muss ich den Jungen überlassen. Und das ist gut so.
Sonntag, 22. April 2012
Januskopf Blocher
Gestern sagte ein guter Bekannter einmal mehr, dass Blocher wenigstens sage, was er denke. Ich bin immer wieder erstaunt über die politische Naivität vieler Menschen, denen man eigentlich mehr kritische Distanz zutrauen würde. Blocher hat nie einfach nur gesagt, was er denkt. Dazu ist er viel zu schlau. Er sagt, was er sagen will und verschweigt, was er verschweigen will. Die Basler Zeitung ist da nur eines von vielen Beispielen. Wie perfid sein Schweigen sein kann, zeigt die Art und Weise, wie er Bruno Zuppiger ins Messer laufen liess. Er wusste um dessen Machenschaften - sie standen ein Jahr zuvor in der Zeitung, aber er hat Zuppigers Kandidatur nicht verhindert, um ihn dann via Weltwoche ein für allemal mundtot zu machen. Dieses Beispiel zeigt, wie Blocher mit Menschen umgeht, die ihm nicht passen. Das wissen alle in der Partei, die er zu seinem persönlichen Machtapparat umgestaltet hat. Deshalb ist auch Widerspruch so selten. Man zahlt ihn teuer.
Entscheidend für die Handlungen Blochers ist seine Psyche. Sein Freund Roger Köppel von der Weltwoche, an der Blocher mit Sicherheit auch in irgend einer Weise beteiligt ist, hat geschrieben, Blocher fehle das Gen zur Demut. Das ist treffend. Ihm fehlt jedoch auch das Gen zur Einsicht, das Gen zur Bescheidenheit, das Gen zu kritischer Selbsthinterfragung und und und. Blocher ist ein Januskopf: Auf der einen Seite ist er eine Missionar, der glaubt, er müsse die Welt oder wenigstend die Schweiz auf den rechten Weg bringen. Welches dieser rechte Weg ist, ist für ihn sonnenklar: der Weg, den er persönlich für den richtigen hält. Davon ist er sogar überzeut und so kann er durchaus sagen, was er denkt. Schliesslich haben nur die Anderen unrecht. Auf der anderen Seite ist er ein Machtmensch, der skrupellos genug ist, alles seinen Zielen und Interessen unterzuordnen. So hat er sich sein Unternehmen unter den Nagel gerissen, so hat er sich seinen persönlichen Machtapparat, die Partei aufgebaut, und so behandelt er die Menschen, die er zu seinen Jüngern macht.
Blocher ist sicher ein interessante Figur mit einer ausserordentlichen Fähigkeit, die schwelende Unzufriedenheit im Volk aufzuspüren und für seine Zwecke einzusetzen. Aber seine Leistung ist geringer, als immer angenommen wird. Er besetzt seit Jahren zwei Themen, das ist die Verhinderung des EU-Beitritts und die Asylpolitik. Kurzfristig gibt ihm der Erfolg Recht. Langfristig wage ich dies zu bezweifeln.
Die Fortschritte in der Schweizer Politik erzielen die Anderen. Diejenigen, die in mühseliger Konsensarbeit nach Lösungen ringen. Doch das ist wesentlich weniger medienwirksam. Und es enspricht offenbar auch nicht dem Bedürfnis der Menschen, die die Verantwortung lieber jemandem überlassen, der das gerne für sie übernimmt.
Donnerstag, 12. April 2012
Denken verunsichert
Die Welt wird immer vernetzter, sie wird kleiner und damit komplexer, wir werden überschüttet von Informationen über immer noch neuere Erkenntnisse und Theorien, noch grössere Entwicklungen, noch bedeutendere Ereignisse, und wir sind laufend konfrontiert mit Problemen, die wir weder beeinflussen noch lösen können, mit denen wir nichts zu tun haben und die unser Leben doch beeinflussen. Die Versuchung ist gross, sich dem einfach nicht mehr auszusetzen, entweder indem wir uns entziehen, uns permanent beschäftigen, uns vom Leistungsdruck vereinnahmen lassen, uns nie der Stille aussetzen, uns von der omnipräsenten Unterhaltungsindustrie ablenken lassen oder durch einfache Erklärungen verführen lassen. Es gibt die Heilsverkünder überall, in der Politik, in der Religion, in abstrusen esoterischen Theorien, aber auch in der Wissenschaft, von der viele glauben, sie liefere die einzige verlässliche Antwort.
Es gibt keine verlässliche Antwort. Jede Antwort ist nur so lange gültig, bis sie wieder hinterfragt wird. Das ist Denken. Fragen und hinterfragen. Denken schliesst alles ein, lässt alles offen, kommt nie an ein Ende, lässt keinen endgültigen Schluss zu. Denken ist wie das Universum, ohne Anfang und ohne Ende. Jeder Mensch hat sein eigenes gedankliche Universum, worin er sich zuweilen auch verlieren kann. Denken ist anstrengend, macht einen einsam. Denken verunsichert. Immer. Kein Wunder, das viele Menschen lieber glauben als denken.
Dienstag, 10. April 2012
London, April 2012
In London war ich zum ersten Mal vor über 50 Jahren (heute sind es 57 Jahre), mit meinen Eltern, da war ich noch nicht ganz 17 Jahre alt. Ich kann mich noch an eine düstere Stadt erinnern, so schwarz wie der Lappen, nachdem ich mich abends damit gewaschen hatte.
Von damals in Erinnerung geblieben sind mir noch die dreieckigen, pampigen Sandwiches, der Speakers Corner im Hyde Park, die riesigen Grabmale in der Westminster Abbey, eine Rötelzeichnung von Da Vinci, die im Eingang der Tate Britain hing, wo meine Mutter unbedingt hinwollte, und die schauerliche Folterkammer in Mme Tussauds Wachsfigurenkabinett, wohin mein Vater unbedingt wollte. Später, bei der Swissair, war London eine der angeflogenen Destinationen, doch übernachtet habe ich da nur selten, je nachdem, welche Rotation auf dem Einsatzplan stand, und wenn, verbrachte ich die knappe Zeit mit den Kollegen, meist bei Essen und Trinken. Nur manchmal erlaubte ich mir einen kleinen Alleingang. Das ist auch schon 40 Jahre her. Seither war ich nie mehr in London.
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Klar, die Tube ist noch dieselbe, Treppchen auf, Treppchen ab, plötzliche Windstösse, die einen aus seitlichen Fussgängertunnels unvorbereitet anfallen und für ständig gerötete Augen sorgen, volle Züge, meistens so crowded, dass sich zwangsläufig die Assoziation zur Sardinenbüchse einstellt und man sich mit der sprichwörtlichen Gelassenheit der Engländer wappnen muss, um nicht in Panik zu geraten.
Gelassenheit ist ohnehin eine unabdingbare Eigenschaft bei so vielen Menschen, rund 8 Millionen (heute bald 9 Millionen), Disziplin eine weitere. Vor den Aufzügen drängelt niemand, ausser vielleicht ein paar Touristen, ist der Lift voll, wartet man halt auf den nächsten. Stoisch. Dank dieser offenbar typisch englischen Haltung bleibt auch die Aggressivität aus, die in anderen Städten in weniger bedrängten Situationen wesentlich stärker spürbar ist. In Berlin hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich einmal nachts mit der U-Bahn unterwegs war, obwohl ich es mir wahrscheinlich nur einbildete. In London nicht. Vielleicht lag das aber nur daran, dass ich mich ausschliesslich im Zentrum aufhielt, viel weiter als Bloomsbury, wo ich wohnte, bin ich nicht gekommen.
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Wenn ich damals, als ich noch geflogen bin, zum ersten Mal in eine Stadt kam, habe ich mich jeweils in einen Bus gesetzt und bin von Endstation zu Endstation gefahren. Es war die Zeit nach 68, ich wollte weder zu den Sehenswürdigkeiten noch in Museen pilgern, sondern wissen, wie die Menschen leben. Eine Stadt verändert sich und zeigt ihr wahres Gesicht, je nachdem in welche Richtung und je weiter man nach draussen fährt. Die Einkommensunterschiede werden deutlich, die Lebensbedingungen auch, man sieht die schöne oder die hässliche Umgebung, man sieht sie im Bus, die Menschen betrachtend, die ein- und aussteigen. In New York wusste ich immer, in welchem Viertel ich mich befand, die Separation war offensichtlich, ob jüdisch, chinesisch, schwarz oder weiss.
Als ich die ersten paar Male in London war, habe ich das auch gemacht. Ich weiss nicht mehr, wann wir jeweils landeten und wieder abflogen. Aber ich sehe noch das Hotel vor mir, wo wir übernachteten. Immer nur eine Nacht. Und ich sehe Busstationen vor mir, irgendwo draussen, wo ich allein wartete. Heute hat sich viel geändert, aber die sozialen Unterschiede sind noch da, die Einkommensunterschiede auch, die sind sogar noch weiter auseinandergegangen. Aber ich muss es nicht mehr mit eigenen Augen sehen, ich weiss es auch so.
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Höflichkeit ist eine weitere sprichwörtliche Eigenschaft, die den Engländern nachgesagt wird. Ich kann sie bestätigen. An der U-Bahnstation war sofort jemand zur Stelle, als ich nicht genau wusste, wie viele Zonen ich lösen muss, überhaupt, wo immer ich etwas wissen wollte, habe ich geduldig Auskunft erhalten, wenn jemand zu schnell gesprochen hat und ich nicht genau verstanden hatte, hat man mir alles nochmals ausgiebig und in verlangsamtem Tempo erklärt, und die junge Frau am Ticketschalter der Oper warnte mich eindringlich, der Platz für die Beine sei zu eng, und als ich sagte, ich würde das (günstige) Ticket trotzdem nehmen, sagte sie noch einmal ganz besorgt: But you will feel uncomfortable.
Der Buschauffeur, der mich zur Tate Modern fuhr, sagte mir, ich solle nur Platz nehmen, er werde mich rufen, wenn es so weit sei. Er erinnerte mich an die Episode, die meine Mutter jedes Mal erzählte, wenn die Rede auf London kam, als der Bus abfuhr, sie schon drin und mein Vater und ich noch draussen, und sie nicht einen Penny dabei hatte, weil mein Vater das Geld verwaltete, zu Hause bekam sie von ihm das abgezählte Haushaltgeld und im Ausland bezahlte sowieso er. Der Chauffeur winkte freundlich ab und liess sie mehrere Stationen gratis mitfahren bis zur U-Bahnstation, wo wir hinmussten und wo mein völlig aufgelöster Vater, der schon geglaubt hatte, er habe seine Frau für immer verloren, und ich sie wiederfanden, lächelnd, als ob nichts gewesen wäre. Sie war diejenige, die Englisch konnte, sie war diejenige, die zurechtkam allein, ohne sie wäre er verloren gewesen, nicht umgekehrt, wie er immer dachte.
Das damals noch sprichwörtlich schlechte Essen gehört definitiv der Vergangenheit an, die Stadt bietet so ziemlich alles, was diese Welt gastronomisch zu bieten hat. An der Marchmont Street, in deren nächster Nähe ich wohnte, reiht sich ein kleines Beizli ans andere, man hat die Qual der Wahl zwischen italienischer Pizza, indischem Tandoori, englischem Beef oder was auch immer das Herz begehrt.
Das Fork, ein sympathisches kleines Café, wo mein Tag begann, war rege besucht von Studenten, die zehn Prozent Rabatt erhielten für ihren morgendlichen, frisch zubereiteten Take away-Porridge, der klebrig vom Schöpflöffel in den Becher tropfte, für das Birchermüesli oder für das feine Joghurt nature mit etwas Crunchy und frischen Früchten.
Proppenvoll war es auch im Wong Kei an der Wardourstreet in Chinatown, einem Lokal, das mir Pius empfohlen hat, wo die Wong Tong, die Nudelsuppe, für bescheidene 4 Pfund zu kriegen ist. Laut Pius die beste, die es gibt, meine entsprechend hohen Erwartungen hat sie nicht erfüllt.
Beinahe unbezahlbar geworden ist bekanntlich das Wohnen in London, so gesehen hatte ich Glück, mein verhältnismässig günstiges Studio in den Cartwright Gardens war winzig, aber angenehm und sauber, und vor allem ideal gelegen. Mitten in Bloomsbury, ruhig, je rund 500 Meter von den U-Bahnstationen Kings Cross, Euston Square und Russel Square entfernt. In der nahen Umgebung gibt es alles für den täglichen Bedarf, von der kleinen Bäckerei mit frischen Baguettes bis zum 24 Stunden geöffneten Laden.
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Das Ziel meiner Reise war die David Hockney-Ausstellung in der Royal Academy. Ich wusste, der Andrang würde gross sein, auch, dass die Besucher nur in beschränkter Anzahl eingelassen würden, damit vor den Bildern kein Gedränge entstünde. Angesichts dieses voraussehbaren Vorteils waren die rund anderthalb Stunden trotz Kälte gut zu ertragen in der sich immer dichter schlängelnden Reihe, in der ich ganz im bildlichen Wortsinn Schlange stand und ausreichend Zeit hatte, den mitgebrachten Reiseführer zu studieren, was mich sonst immer etwas langweilt.
Die Bilder Hockneys waren von einer farblichen Intensität, wie ich sie selten erlebt habe. Hockney stilisiert die Natur so gekonnt, dass sie realistisch erscheint, obwohl die Baumstämme nicht einfach braun, sondern rot, blau oder orange sind. Ein wahres Fest für die Sinne. Auch perspektivisch. Man steht mitten in diesen grossartigen, weiten Landschaften und wundert sich, warum es einem erst jetzt auffällt, dass der schneebedeckte Boden auch violett und der Frühlingsacker knallrot sein kann. Mein Schwager fiel mir ein, der mich auf unserer Terrasse einmal gefragt hatte, was für eine Farbe meiner Meinung nach die Verbundsteine hätten. Grau, sagte ich und wunderte mich über die Frage. Schau genauer hin, sagte er, dann kannst du darin ganz viele Farben entdecken. Er hatte Recht. Nicht nur, was das Grau der Verbundsteine betrifft. Man muss bewusst hinschauen, um die Dinge zu erkennen. Es war eines der Schlüsselerlebnisse meines Lebens.
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Eigentlich hätte ich vorgehabt, mindestens einen der schönen Parks zu geniessen und dann im Hydepark die Serpentine-Gallery zu besuchen, aber der strömende Regen durchkreuzte meine Pläne, also trieb ich mich rum, vorbei an zahlreichen Baustellen, mit denen sich London für Olympia rüstet, unter anderem am Leicester Square, der vollkommen neu gestaltet wird.
Obwohl es noch immer wie aus Kübeln goss, setzte ich meinen Streifzug fort, ging planlos weiter, blieb ab und zu stehen vor einer Auslage oder hielt Ausschau nach einem Kino oder Theater, wo ich den Abend hätte verbringen können. Ganz spontan kaufte ich schliesslich ein Ticket für das Musical Les Misérables, mehr aus praktischen Gründen denn aus Interesse, das schon leicht schmuddelige Theater befand sich bloss ein paar Schritte vom Wong Kei entfernt, wo ich kurz vorher meine Nudelsuppe gegessen hatte.
Victor Hugos epochales Werk als eingängiges Musical. Aber vielleicht erreicht man die Menschen heute tatsächlich besser mit einem Film oder einem Musical. Die Leute lesen immer weniger, Literatur verliert an Bedeutung, sie wird ersetzt durch Bild und Ton. Mein hochbegabter Neffe liest kaum Bücher, viele meiner ehemaligen Berufskollegen lasen keine Bücher. Ich verstehe es nicht. Mir hat das Lesen meinen Horizont erweitert, es hat meinen Blick geöffnet, mich vieles gelehrt. Ein Leben lang. Ohne Bücher wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.
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London gehört nicht zu den Städten, in denen ich leben möchte. Aber aus der schwarzen, Furcht einflössenden Stadt meiner Kindheit ist eine lebendige, multikulturelle Metropole mit einem schier endlosen Angebot geworden. Beeindruckend, aber auch anstrengend. Der Lärmpegel ist permanent hoch, man ist dauernd in der Menschenmenge, alles ist im Fluss, es gibt keinen Stillstand, keine Pausen. So war ich denn ganz froh, wieder im bedächtigen, vergleichsweise fast menschenleeren Zürich anzukommen, auch wenn mir die Schweizer Biederkeit dann und wann mindestens so auf die Nerven geht wie in London die allzu «crowded» Tube.