Sonntag, 18. Januar 2015

Wofür ich einstehe

Es gibt Momente im Leben, in denen man gezwungen ist, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Entspricht das, was ich denke, noch dem, was ich glaube? Entspricht das, was ich glaube, noch dem, was ich denke? Entspricht das, was ich denke, noch der Realität?
In meinem Leben gab es bisher drei solche entscheidende Phasen:
- Das erste Mal, als ich zuerst aus der Kirche meiner Eltern, später ganz aus der Kirche austrat. Heute bin ich nach Gefühl Agnostikerin, nach Verstand Atheistin.
- Das zweite Mal, als ich politisiert wurde und, damals noch jung und idealistisch, kommunistische Parolen skandierte. Dies im ehrlichen Glauben an eine gerechte Welt.
- Das dritte Mal, als ich nach ein paar Jahren der kommunistischen Verblendung, mein Denken erneut befreite, diesmal nicht von einer Religion – was im übrigen noch Jahre dauerte – sondern von einer Ideologie – was mir sehr viel leichter fiel.
Heute bin ich eine pragmatisch denkende, linksliberale Parteilose. Was aber nicht heisst, dass ich keine Haltung habe, wie manche daraus gerne ableiten. Seit dem Attentat auf Charlie Hebdo fühle ich mich herausgefordert, wie schon lange nicht mehr, diese Haltung ernsthaft zu hinterfragen, im Speziellen meine Meinung zu Satire und zum Islam.
Wie gesagt, ich zähle mich zu den aufgeklärten Menschen und bilde mir ein, meinen eigenen Verstand zu gebrauchen, um mir meine Meinung zu bilden. Deshalb weiss ich natürlich, was Satire ist. Und auch, wenn manche der Zeichnungen von Charlie Hebdo - das ich von meinen Frankreich-Aufenthalten kenne - nicht meinem Geschmack entsprechen, so weiss ich doch: Es handelt sich um Satire. Gute Satire bringt uns zum Lachen, aber nicht zum Auslachen. Gute Satire ist ein machtvolles, aber gewaltloses Mitttel gegen menschliche Dummheit, gegen allzu menschliches Versagen, politische Lügengebäude, Scheinheiligkeit, Bigotterie, Heuchelei usw. Sie ist der Stachel im Fleisch der Mächtigen. Sie ist der Hofnarr, der uns den Spiegel vorhält. Satire ist nötig. Auch wenn ich mich dabei ab und zu getroffen fühle. 
Seit dem Attentat frage ich mich trotzdem immer wieder: Was darf Satire? Trifft meine Meinung noch zu,  sie dürfe alles? Oder war es verantwortungslos, Mohammed zu karikieren, obwohl alle wissen, dass der Islam oder besser, die islamische Kultur, dies verbietet?
Gerade in der Schweiz sind die Stimmen zahlreich, die dazu tendieren, die Schuld für das Attentat bei den Zeichnern von Charlie Hebdo zu suchen. Hätten sie nicht provoziert, wäre es nicht passiert, sagen sie. Sie führen das starke Argument ins Feld, dass Freiheit untrennbar mit Verantwortung verbunden sei, resp. dass diese Verantwortung verbiete, blasphemische Karikaturen zu publizieren, welche die Gefühle so vieler Menschen verletzen. Haben sie recht? Braucht die Satire eine Selbstzensur? Aus ethischen Gründen? Aus Vernunftsgründen? Aus pragmatischen Gründen?
Zum ersten Punkt:
Ja, sicher, die Zeichner von Charlie Hebdo machten sich angreifbar. Und gefährdeten so sich selbst und andere. Zum Beispiel, den muslimischen Mitarbeiter, den Portier, den Polizisten.
Aber was ist mit den Menschen, die sich zufällig im jüdischen Laden, in der Londoner U-Bahn, im Madrider Zug befanden, was mit den geplanten Attentaten auf belgische Polizisten, auf deutsche Bahnhöfe? Das alles hat nichts mit den Karikaturen zu tun. 
Warum schreiben wir nur "Je suis Charlie" und nicht: "Je suis Juif, je suis Muselman, je suis Policier, je suis Nigerien", und, und. Was läuft da falsch mit unserer Empörung? Warum empören wir uns nicht genauso lautstark über gewaltverherrlichende Videos? Kommerzielle und diejenigen der Djihadisten? Wo bleibt unser Engagement für Ethik beim vielen Schund, der nicht nur Muslime, sondern uns alle beleidigt, ganz besonders unseren Verstand? Warum steigen wir nicht auf die Barrikaden, um unsere Freiheit gegen die allgemeine Barbarei zu verteidigen?
Ich finde: Genau das hat Charlie Hebdo getan. Mit den Mitteln der Satire. Das heisst, die Zeichner von Charlie Hebdo haben stellvertretend die Werte verteidigt, für die ich einstehe, auch wenn nicht jede Karikatur über jeden Zweifel erhaben ist.
Zum zweiten Punkt:
Zur Pressefreiheit gehört selbstvertändlich, dass jede Zeitung selber entscheiden muss, wie weit sie diese zu verteidigen bereit ist. Und hier ist ja auch noch ein Unterschied zu machen zwischen einer Satirezeitschrift und einer anderen Publikation. Und selbstverständlich ist die Meinung korrekt, dass es kein uneingeschränktes Recht gibt. Ich selber würde als Verantwortliche wohl in diesem Sinne entscheiden und auf den Abdruck einer "Gefühle verletzenden" Karikatur verzichten.
Aber geht es hier tatsächlich um Meinungsfreiheit? Geht es hier tatsächlich um Ethik, oder um die viel zitierte Verantwortung gegenüber der Freiheit? Oder geht es nicht doch eher um Selbstschutz? Was ja auch vollkommen legitim ist. Nur soll man dazu stehen und es auch so benennen.
Zum dritten und entscheidenden Punkt:
Verletzt die Respektlosigkeit einer Karikatur die religiösen Gefühle - in diesem Fall die Muslime? Viele islamische Stimmen bestreiten das. Dazu als Beispiel unten angefügt ein Interview mit dem Islamwissenschafter Muhammad Murtaza.
Als offener, toleranter Mensch, der Andersdenkende und Andersgläubige respektiert, neigt man sehr schnell dazu, aus empathischen Gründen alles zu (selbst)zensurieren, was nicht korrekt oder was verletzend sein könnte. Das ist grundsätzlich richtig. Aber ist es auch in jedem Fall angebracht?
Oft wird hier als Argument für die zerstörerische Kraft der Satire das Beispiel mit den Nazi-Karikaturen über die Juden genannt. Nur war das eben gerade nicht Satire, sondern humorlose, hinterhältig-böswillige politische Propaganda, gesteuert von einem mächtigen Propagandaapparat, der jede Satire als Hochverrat mit Folter und Tod bestraft hätte, wie das heute in Saudiarabien gerade passiert. Entscheidend sind der Absender und seine Motivation. Die Nazipropaganda mit den Karikaturen von Charlie Hebdo zu vergleichen ist nicht zulässig.
Und Charlie Hebdo hat auch nichts mit den SVP-Plakaten zu tun, die mir zutiefst zuwider sind, weil dahinter ebenfalls Propaganda, resp. die politische Absicht steckt, andere lächerlich zu machen und/oder eine ideologische Botschaft zu transportieren. 
Ich glaube, wir machen einen grossen Denkfehler, wenn wir vor lauter political correctness unsere eigenen Werte und Überzeugungen zurückstellen. Religiöse Gefühle hin oder her. Wir sind aufgeklärte Menschen, und als solche haben wir gelernt zu unterscheiden.
Meine provokative Frage dazu: Warum sollen religiöse Gefühle mehr wert sein als andere? Meine Gefühle sind nicht religiös, sind sie deshalb weniger tief? Oder weniger zu respektieren? Grund verletzt zu sein, hätte ich ebenfalls täglich, allein schon aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau bin. Oder weil ich pensioniert und der Gesellschaft nicht mehr nützlich bin, resp. zu viel koste, zu viel Platz brauche, ein Demografieproblem darstelle und, und…
Ich kann keinen Gott ins Feld führen, aber die Überzeugung, dass Freiheit unter anderem bedeutet, andere Meinungen auszuhalten. Sie bedeutet auch, Satire auszuhalten, selbst dann, wenn ich mich daran störe. Und wenn sie mir tatsächlich zu weit geht, habe ich immer noch die Möglichkeit, strafrechtlich dagegen vorzugehen.
Wenn Moslems wegen Karikaturen auf die Strasse gehen, dann hat das nichts mit ihrem Glauben zu tun, sondern mit der Instrumentalisierung ihres Glaubens für politische Zwecke. Die Ursachen des Rekrutierungserfolgs in Europa für den Djihadismus sind nicht die verletzten Gefühle der Moslems, resp. dieser jungen Leute. Es sind zum Beispiel die katastrophalen Banlieu-Verhältnisse in Frankreich. Oder die Gewaltpropaganda im Internet. Oder die feudalistischen Herrschaftsstrukturen in gewissen islamischen Staaten. Oder westliche Regierungen, die mit ihnen Geschäfte machen. Oder Machthaber, denen der Djihadismus gelegen kommt. Oder Rechtspopulisten, die dafür sorgen, dass Muslime bei uns ausgegrenzt werden.
Dies und noch viel mehr hat Charlie Hebdo zum Thema gemacht. Danken wir ihnen dafür. Danken wir ihnen für den Mut weiterzumachen.
Um auf meine anfängliche Frage zurück zu kommen. Darf Satire alles? Sie darf, aber sie muss nicht. Die Verantwortung, was wir daraus machen, liegt bei uns.
Und hier noch die versprochene, resp. zwei islamische Stimmen:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/islam-reform-dialog
http://www.zeit.de/2015/03/anschlag-paris-muslime-gegenwehr?

Donnerstag, 8. Januar 2015

JeSuisCharlie

Ich war gestern an der Kundgebung auf dem Bürkliplatz. Es kamen meiner Ansicht nach enttäuschend wenig  (im Gegensatz zu Istanbul, wo tausende auf die Strasse gingen).
Für mich war es ein zwingendes Bedürfnis, meinem Entsetzen, meiner Solidarität, meiner Empörung und meiner Besorgnis Ausdruck zu verleihen. Denn der Anschlag war nicht nur ein barbarischer, verabscheuungswürdiger Mord, sondern auch ein Anschlag auf unsere Freiheit, auf unsere Werte, auf unsere Demokratie, auf unsere Kultur. Und es war auch ein Anschlag auf die überwältigende Mehrheit der Muslime, welche den Terror genauso verurteilen wie wir.
Ich bin - im Gegensatz zu manchen Kommentatoren - der Meinung: Satire darf alles.  (Nicht zuletzt die Morde in Paris zwingen mich zu dieser radikalen Aussage.) Denn Satire verkörpert sozusagen die Meinungsfreiheit und die Freiheit des Denkes. Man mag in einzelnen Fällen darüber streiten, ob sie gut oder schlecht gemacht ist, das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber grundsätzlich ist die Satire dazu da, alles in Frage zu stellen.
Denn darum geht es. Es geht um die Werte der Freiheit. Und wenn wir diese verteidigen wollen, dann dürfen wir das wiederum nur mit den Werten der Freiheit tun, d.h. wir dürfen uns nicht vereinnahmen lassen, weder vom Hass auf der einen noch von der Fremdenfeindlichkeit auf der andern Seite.
Ich bin besorgt, dass Hass und Fremdenfeindlichkeit jetzt noch mehr zunehmen werden. Denn "anti-islamische Gruppen wie Pegida helfen mit, die Emotionen zwischen den zwei größten Religionen der Welt hochzuschaukeln. Und machen sich damit zum nützlichen Idioten der Terroristen des IS und Al Qaida's", wie Jürgen Todenhöfer schreibt.
Das gilt übrigens auch für einzelne Vertreter der SVP. NR Wobmann verlangt bereits, keine Muslime mehr ins Land zu lassen.
Meine Besorgnis schon seit langem: Die nationalkonservative rechtspopulistische Rhetorik ist ebenfalls ein Angriff auf die Werte der Freiheit und Demokratie. Sie ist nicht grausam, dafür perfid. Weil viele sich zu wenig bewusst sind, wie sehr die so genannten "Ängste der Menschen" geschürt und instrumentalisiert werden können, womöglich so lange, bis ein Klima der Ausgrenzung geschaffen ist, wie es schon einmal da war, unter anderen Vorzeichen, bis genau das eintrifft, was niemand will, selbst diejenigen nicht, die es schüren.
Ich kann nur dagegen anschreiben.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Mein Wunsch für 2015: Eigenständig denkende Menschen

Im Moment lese ich ein Buch von Richard Sennet (Untertitel: Was unsere Gesellschaft zusammenhält). Darin fand ich einen Begriff, der mir bisher unbekannt war: Tribalismus. Laut Wikipedia ist damit hauptsächlich die Lebensform alter Stammesgemeinschaften gemeint, die ihren Mitgliedern ein Zusammengehörigkeitsgefühl und damit verbunden auch ein starkes Sicherheitsgefühl vermittel(te)n.
Sennet interpretiert Tribalismus – anewandt auf die heutigen Gesellschaften – etwas differenzierter. Zitat: "Tribalismus verbindet Solidariät gegenüber solchen, die einem ähnlich sind, mit Aggression gegen solche, die anders sind." Er schreibt, dass in unseren komplexen (menschlichen) Gesellschaften Tribalismus kontraproduktiv sein kann, und dass es politisch repressiv und ein Selbstbetrug wäre, die Komplexität in ein einziges kulturelles Muster zu zwingen. Zitat: "Das 'Selbst' ist aus Gefühlen, Zugehörigkeiten und Verhaltensweisen zusammengesetzt, die selten genau zueinander passsen. Jeder Ruf nach tribaler Einhait verringern die persönliche Komplexität."
Ziemlich undifferenziert und überhaupt nicht komplex fällt mir dazu ganz spontan ein: „Populismus versimpelt!“ (Das ist selbstverständlich nur ein Aspekt aus der oben genannten Definition, aber ich greife ihn hier heraus, weil er mir in unterschiedlicher Form immer wieder begegnet und mich beschäftigt.)
Dass Populismus Komplexes auf unzulässige Weise vereinfacht und Menschen dazu verleitet, ihr Denkvermögen einzuschränken, ist ja nun keine neue Erkenntnis und bedarf auch keiner zusätzlichen Interpretation. Sorgen bereitet mir jedoch die immer weiter um sich greifende, populistische Versimpelung in der Politik (und zwar von rechts bis links), welche sich rühmt, die Ängste der Menschen ernst zu nehmen und dabei bloss deren Vorurteile schürt.
Wir wissen: Machthaber sichern sich ihre Position, indem sie innere und äussere Feindbilder aufbauen. Nationalisten legitimieren ihre Ideologie mit der Behauptung, die eigene Identität sei durch das Fremde bedroht. Fundamentalisten jeglicher Couleur behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein… Die Liste derer, die komplexe Zusammenhänge ausschliesslich zu ihren eigenen Gunsten auf einen (zu) einfachen Nenner bringen, ist lang.
Aber nicht nur Politiker, Demagogen, Ideologen, auch die Medien neigen dazu, sämtliches zu vereinfachen. Erstere, um Stimmen resp. Anhänger und damit an Macht und Einfluss zu gewinnen, letztere, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch das wissen wir und verurteilen es… und pflegen damit unsere eigenen (dünkelhaften) Vorurteile jenen Vereinfachern gegenüber, denen vielleicht nur daran liegt, Zusammenhänge der Allgemeinheit verständlich zu machen und komplexe Dinge so darzustellen, dass jeder sie versteht.
Komplexität ist anstrengend und zeitaufwändig, und weil das so ist, haben wir uns abgewöhnt, was eigentlich angezeigt wäre, nämlich jede Behauptung zu hinterfragen und selber nach den Ursachen und Zusammenhängen zu forschen, auch wenn das unter Umständen mit unangenehmen Erkenntissen verbunden ist. Wir machen uns die Mühe nicht, weil wir dazu neigen, vor allem das zu glauben, was wir glauben wollen. Wir machen es nicht, weil hinter jeder möglichen Antwort schon die nächste Frage und somit die nächste Verunsicherung wartet. Die Welt ist so komplex und die Probleme scheinbar so unlösbar geworden, dass wir lieber die Verantwortung delegieren und es bei den einfachen Erklärungen lassen und nur ab und zu unserer Empörung Ausdruck verleihen, wenn wir mit etwas gar nicht einverstanden sind.
Aber auch wenn wir uns bemühen zu verstehen: Die in Büchern, Zeitungen, Internet oder sonstwo angebotenen Hintergründe, Quellen und Interpretationen sind so unterschiedlich wie zahlreich. Was sollen wir glauben, woran sollen wir uns halten? Brauchen wir dazu eine eigene „Ideologie“? (Wikipedia: (…) im philosophischen Sinn eine Weltanschauung, die einen hohen Anspruch auf Wahrheit erhebt, und die für abweichende Lehrmeinungen kaum noch offen ist) Hilft die eigene Überzeugung, die so genannte „Wahrheit“ zu finden, das heisst, das, was der Realität am nächsten kommt? Reicht es, eine Überzeugung zu haben?
Ihr seid sicher mit mir einig, wenn ich behaupte: Nein, es reicht nicht! Denn wenn ich meine eigene Überzeugung zum Massstab der Dinge mache, blende ich aus, dass ich mich jederzeit irren kann. Nicht alles zu glauben, was behauptet wird, ist das Eine, seine eigenen (Vor-)Urteile immer wieder zu hinterfragen, das Andere. Beides gehört zusammen. Auch das keine neue Erkenntnis. Wie immer liegt es an der Umsetzung.
Nachdem ich mich als Journalistin lange genug mit unsäglich nervender Parteipolitik, mit unendlich anödenden Wahlkämpfen, mit schmerzhaft kleinkarierter und engstirniger Dorfpolitik befasst hatte, dachte ich, ich könnte mich künftig ganz aus der Politik heraushalten. Aber es gelingt mir nicht. Zwar ist es nicht mehr die ganz kleine, sondern die ganz grosse Politik, die mich heute beschäftigt. Aber letztlich verbergen sich dahinter dieselben Mechanismen.
So beschäftigen und empören mich – und jetzt komme ich auf Sennet zurück – die zunehmend tribalistischen Tendenzen: In Amerika (und anderswo) zeigt der latente Rassismus wieder seine hässliche Fratze, in Frankreich (und anderswo) nimmt der Antisemitismus wieder gefährlich zu, in ganz Europa steigert sich die berechtigte Abneigung gegen einen fundamentalistischen Islam zur Islamophobie, die jeder selbstgebastelten, von Halbwissen strotzenden Interpretation (etwa eines Andreas Thiel) Raum lässt.
Manchmal sind die Tatsachen so offensichtlich belegbar, dass ich sicher sein kann, nicht dem eigenen Vorurteil zu erliegen. So könnte ich zum Beispiel laut schreien vor Empörung über die islamistischen, bildungsfeindlichen Machoideologien, die sich als Religion ausgeben und als Instrumente für ihren kranken und brutalen Terror jugendliche Desperados verführen und benutzen. Ich könnte laut aufschreien, wenn ich an die Frauen denke, die, ohne eine Wahl zu haben, sich von diesen himmelschreiend ignoranten Dummköpfen unterdrücken und missbrauchen lassen müssen. Ich könnte laut aufschreien über die Tatsache, dass diese gewaltbereiten, brandschatzenden und mordenden Horden noch immer direkt oder indirekt unterstützt werden von Machthabern, die sie wiederum für ihre eigenen Zwecke einsetzen. Und, und…
Und dann muss ich mir immer wieder sagen: Die ganz grosse Mehrheit der Muslime hat damit nichts zu tun. Auch wenn ich mir manchmal wünschte, gerade die Muslime, die sich in nicht-islamischen Ländern in Sicherheit befinden, würden sich lautstarker distanzieren von den Gewaltherrschaften und den feudalistischen Machthabern, die im Namen ihrer Religion Angst, Terror, Unterdrückung und Schrecken verbreiten. Trotzdem: DEN Islam gibt es nicht. Der Koran lässt sich auch friedlich interpretieren. Zu Recht fühlt sich deshalb die Mehrheit der Moslems auf der ganzen Welt missverstanden und gedemütigt. Was wiederum zu neuen Vorurteilen führt. Auf beiden Seiten. Ein Circulus vitiosus. Immer wieder. Ohne Ausweg???
Ja, es stimmt, es gibt im Koran nicht ein altes und ein neues Testament. Es gibt im Islam keine Aufklärung, die den individuellen Denkprozess befördert. Viele heute noch geltenden Zitate im Koran entsprechen tatsächlich den Vorstellungen der Zeit, in der sie aufgeschrieben wurden. Aber das gilt auch für die Bibel. Jede Religion ist immer in ihrem jeweiligen Kontext zu sehen, sowohl im kulturellen, als auch im politischen und ökonomischen, und ihre Philosophie ist letztlich immer eine Frage der Interpretation innerhalb dieses Kontextes. Deshalb lässt sie sich ja auch so hervorragend instrumentalisieren.
Es ist offensichtlich: Ich bin keine Freundin von Religionen, egal welcher Herkunft. Religionen gehören zu den Hauptursachen, die zu den meisten Kriegen in der gesamten Geschichte der Menschheit geführt haben. Mit der Aussicht auf ewige Strafe oder Belohnung sind Religionen das am besten geeignete Instrument, die Menschen zu manipulieren. (Und wer jetzt sagt, das sei auch bloss eine Behauptung, der hat natürlich Recht.)
Selbstverständlich anerkenne ich, dass es spirituelle Bedürfnisse gibt, und dass viele Menschen in ihrer Religion Halt finden – und sei es auch nur in einer selbst zusammengebastelten eigenen Vorstellungswelt, welche uns das Hirn problemlos nach unseren Wünschen vorspiegeln kann. Und ich weiss, dass die Religion – sofern man denn an sie glauben kann – tatsächlich Trost spendet angesichts der ziemlich unerträglichen Gewissheit, einmal sterben zu müssen. Und zwar endgültig. Denn letztlich geht es nur darum.
Die Menschen denken sich Göttter oder einen Gott, um das Unfassbare einigermassen fassbar zu machen. Ich behaupte: Im Grunde genommen ist es irrelevant, ob ich an einen Gott glaube, egal, ob er nun kindlich personifiziert oder philosophisch abstrahiert gedacht ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Verantwortung ich dem Leben gegenüber übernehme. Auf den kleinsten Nenner gebracht: die Verantwortung, die ich mir und meinen Nächsten gegenüber wahrnehme. Auch mit Blick auf deren Zukunft.
Folgendes hat mich – mal intensiv, mal weniger – beschäftigt im vergangenen Jahr, nebst den aktuellen Ereignissen und Katastrophen, wie sie in der einen oder anderen Art (glücklicherweise oder leider) immer wieder vorkommen:
-   Der nachhaltige Schock des 9. Februar, der auch durch das erfreuliche Ecopop-Abstimmungsresultat noch längst nicht relativiert ist;
-   der sich hartnäckig weiter verbreitende (tribalistische) Nationalkonservativismus als langfristig untaugliche, in meinen Augen sogar gefährliche, populistische Antwort auf die grossen Herausforderungen der Zukunft;
-   die Unfähigkeit, der fehlende Mut oder der nicht vorhandene Wille der meisten Politiker und Parteien (weltweit), darauf eine gemeinsame Antwort zu finden, die überzeugen könnte, etwa auf das grauenhafte, sämtliche eigenen Sorgen relativierende Flüchtlingselend und dessen bekannte Ursachen;
-   die Zukunftsblindheit der Wirtschaft, die nur ihren eigenen Gesetzen der kurzfristigen Rentabilität folgt;
-   der Egoismus der Manager, die sich der gesellschaftlichen Verantwortung entzogen haben;
-   die weltweite Korruption, welche die Schere zwischen Arm und Reich auseinandertreibt und auf zynische Art ungestraft Recht und Gesetz untergräbt;
-   die Beliebigkeit des Digitalzeitalters, das die Menschheit verändern wird (ob zum Guten oder Schlechten, weiss niemand);
-   wir alle, die wir uns Sorgen machen, beispielsweise über die Umwelt, und trotzdem fröhlich weiterkonsumieren, und, und…
Eher schon den Charakter einer Dorfposse hatte dabei der missglückte Übernahmeputsch des rechtskonservativen Lagers bei der NZZ…
Über die vielen positiven Dinge, die bei allem Pessimismus immer wieder Grund für einen optimistischeren Blick in die Zukunft erlauben, könnte ich selbstverständlich auch schreiben. Wichtiger aber finde ich, gerade dort genau hinzuschauen, wo es weh tut. Um danach etwas dagegen zu tun – im Rahmen des uns Möglichen. Und sei es nur, indem wir nicht alles glauben, was uns die Tribalisten und alle anderen Verführer dieser Welt glauben machen wollen.


Donnerstag, 13. Februar 2014

Die EU ist auch gefordert

Einem Bekannten von mir wurde aus Wien zur Abstimung gratuliert. Der Tonfall: "Endlich traut sich jemand, gegen die EU aufzumucken. Die EU entwickelt sich immer mehr zu einer Konzerndiktatur, ja wirklich, einer Diktatur."
Mal abgesehen davon, dasss der Begriff "Diktatur" hier per definitionem nicht zutrifft, kann ich verstehen, dass es viele Menschen in der EU gibt, die bitter enttäuscht sind. Im Norden sind sie wütend, weil sie für den Süden bezahlen müssen, im Süden, weil sie durch die Sparmassnahmen leiden, die ihnen der Norden aufzwingt.
Dabei vergessen sie allerdings, dass die Probleme in den meisten Fällen hausgemacht sind: Korrupte Regierungen, mangelnde Reformbereitschaft, ganze Staaten haben über ihre Verhältnisse gelebt. Wenn man hier der EU etwas vorwerfen kann, dann die Tatsache, dass sie zu lange tatenlos zugesehen hat.
Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die EU schwerfällig und bürokratisch geworden ist. Und mit der Ausdehnung auf neue Staaten wird sie es immer mehr. Das heisst, auch die EU muss sich reformieren, muss neue Wege suchen, muss demokratischer werden, wenn sie überleben will.
Ihr Scheitern zu wünschen, was viele tun, ist meiner Ansicht nach jedoch fahrlässig.
Wir vergessen manchmal, warum die EU entstanden ist: Nicht zuletzt als Antwort auf die fatalen Folgen des Nationalismus, der zu zwei Weltkriegen geführt hat. In der Folge ist die ursprüngliche Idee jedoch immer mehr verwässert worden, bis die EU von den Generationen, denen das Kriegserlebnis fehlt, nur noch als Wirtschaftsraum gesehen wurde, von dem man profitieren kann. Als Topf, aus dem man sich bedienen kann.  Die Schweiz macht da keine Ausnahme.
Der Tunnelblick auf die wirtschaftlichen Vorteile hat aber viel mehr mit dem Neoliberalismus und der Globalisierung zu tun, die einen Wertewandel erzeugt haben, dessen Auswirkungen sich als gravierender als angenommen erweisen könnten. Der Neoliberalismus, die Globalisierung und der damit verbundene Wertewandel sind die eigentlichen Ursachen für die heutige Situation, mit der alle Staaten weltweit konfrontiert sind.
Zu glauben, man könne die Globalisierung rückgängig machen, ist eine gefährliche Illusion, dazu ist sie schon zu weit fortgeschritten. Und gerade in dieser globalisierten Welt ist der gemeinsame Markt in der EU von zentraler Bedeutung. Davon bin ich überzeugt. Denn die Unternehmen wandern dorthin, wo sie die günstigsten Wettbewerbsbedingungen bekommen.
Es wundert nicht, dass jetzt vor allem rechtskonservative und rechtsnationale bis nationalistische Stimmen die Schweiz loben. Das Lob kommt von der falschen Seite. Der Rückschritt zu nationalistischen Staaten wäre eine Katastrophe, die EU ist noch immer die einzige Alternative. Ihr Scheitern würde tatsächlich die Armut beschleunigen.
Richtig ist: Alle müssen jetzt über die Bücher. Das Zeichen, das die Schweiz gesetzt hat, schreckte hoffentlich auch die Borniertesten in der EU auf, welche glauben, die Signale aus der Bevölkerung nicht ernst nehmen zu müssen. Denn die EU ist heute tatsächlich ein bürokratisches Mammutgebilde. Hauptursache: Die Staaten wollen ihre Kompetenzen nicht an eine Zentralregierung abgeben. Das ist verständlich, aber das macht den Apparat halt auch so schwerfällig. Und je mehr sich die EU auf weitere Staaten ausweitet,  je mehr Vertragswerke einzeln ratifiziert und einstimmig angenommen werden müssen, desto mehr gleicht der Prozess einem Marathonlauf, bei dem nicht verwundert, wenn ab und zu mal der Atem ausgeht.
Aber wenn ein solches Vertragswerk schliesslich steht, dann ist es verbindlich. Ist das so verwunderlich? Und ist es verwunderlich, wenn die EU verlangt, dass ein verbindlich eingegangener Vertrag auch eingehalten wird?
Das ist auch mit der Personenfreizügigkeit so. Die EU betont zu Recht, dass der freie Zugang zum Markt den freien Personenverkehr beinhaltet. Eigentlich logisch.
Tatsache ist auch: Der Ausgang der Abstimmung in der Schweiz war hausgemacht:
Statt der angekündigten 8000 kamen 80'000. Entschlossen gehandelt hat niemand. Weder der Bundesrat, noch das Parlament, wo sich die Parteien lieber gegenseitig ausbremsen, als gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen. Schon hören wir wieder die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Es ist erbärmlich. Dabei sind alle beteiligt: Die Rechte, die sich gegen flankierende Massnahmen wehrt, die Linke, die jede Verschärfung verteufelt, die Wirtschaft, die sich nur um die eigenen Interessen kümmert.
Entschieden hat schliesslich die konservative Landbevölkerung, die nicht in globalen Zusammenhängen denkt, die alte Zustände herbeiführen will, die hofft, den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Unterstützt wurde sie von rechts bis links: von den grünen Oekofundis, den Globalisierungsgegnern, den Wirrköpfen, die das Asylwesen nicht von der PFZ unterscheiden können, von religiösen Fundis, und von ganz vielen, die der Wirtschaft und der Politik einen Denkzettel verabreichen wollten.
Sie haben damit dem Land keinen Gefallen getan. Denn wenn sich die Schweiz abschottet und isoliert, wenn sie nicht mehr profitieren kann von der EU - und das tut sie in hohem Masse-, dann wird es für sie sehr viel schwieriger, als es ohnehin schon ist, sich in einer globalisierten Welt zu behaupten.
Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Immer wenn es versucht wurde, endete es in einer Katastrophe. Sehr viel klüger ist es, sich den Herausforderungen zu stellen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Eine Zukunft, die immer globalisierter wird, ob wir das wollen oder nicht. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Ich weiss nicht, wie die EU reagieren wird. Sie betont, dass nun die Schweiz am Zug sei, sie betont aber auch, dass die PFZ nicht verhandelbar und eine Kontingentlösung ausgeschlossen sei. Die SVP - wie könnte es anders sein - laviert und meint, man könne ja für gut Ausgebildete den Familiennachzug erlauben. Eine Zweiklassenlösung also. Die EU schliesst eine solche zu Recht ebenfalls aus. Die Ausländer haben zu unserem Wohlstand beigetragen, ohne sie würde die Schweiz stillstehen. Sie haben auch unsere Kassen gefüllt: Zum Beispiel in die AHV, die jetzt wieder nicht mehr auf lange Zeit gesichert ist. Und, und, und…
Ich habe Nein gestimmt und bin zutiefst geschockt über das Ergebnis, auch wenn ich es habe kommen sehen. Ich schäme mich nicht für den Entscheid, denn er ist Ausdruck der direkten Demokratie, und die Beweggründe für das Nein waren längst nicht immer xenophob, wie jetzt manche Besserwisser aus dem Ausland behaupten. Dies zu glauben, ist nun wirklich zu simpel. Aber ich schäme mich immer mehr für die Mentalität der Schweizerinnen und Schweizer, die sehr gerne bereit sind, die illegalen Gelder aus dem Ausland entgegen zu nehmen, die selbstverständlich vom Zutritt zum Freien Markt und von den Ausländern im Land profitieren wollen, aber immer weniger bereit sind, die Konsequenzen dafür zu tragen. Und ich schäme mich für Christoph Blocher, der in seinem Triumph nur Worte der Häme und der Abschätzung findet für die Romandie und die andere Hälfte der Schweiz, die Nein gestimmt hat.
Die Skepsis gegenüber der EU hat nicht nur in der Schweiz, sie hat überall bedrohlich zugenommen. Sie ist meiner Meinung nach sehr ernst zu nehmen. Sie zwingt - hoffentlich - die EU, die eigene Legitimation zu überdenken und ebenfalls nach neuen kreativen Lösungen innerhalb der eigenen Reihen zu suchen.
Aber sie wird hart bleiben müssen in der Frage der PFZ, wenn sie nicht will, dass jetzt die Rechtsnationalen aller Länder Oberwasser erhalten.
Gegenüber der Schweiz ist sie deutlich am längeren Hebel. Dass sie nun die Verhandlungen für das institutionelle Abkommmen und für ein Stromabkommen ausgesetzt und die Forschungsgelder, von denen die Schweiz in hohem Masse profitiert hat, nicht mehr fliessen lässt, mag bloss eine Drohgebärde sein im Hinblick auf kommende Verhandlungen. Es kann gut sein, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie gekocht wurde. Aber es kann auch sein, dass es irgendwann ein böses Erwachen gibt. Für alle.
Warten wir ab.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Alles wäre möglich, so man wollte…

Die Behauptung stammt nicht von mir. Gehört habe ich sie im Kino, in "Master of the Universe", einem Lehrstück über das Funktionieren der Finanzwelt. Der Film ist ein anderhalbstündiger Monolog eines Ex-Bankers, gesprochen in den gespenstisch leeer stehenden Räumen einer ehemaligen Bank, welche bis vor sechs Jahren in einem dieser protzigen Türme untergebracht war, die das Frankfurter Bankenzentrum bilden. Der Insider spricht über "das System", dessen Teil und Profiteur er war, und dessen Eigendynamik offenbar nicht zu durchbrechen ist. Wer nicht spurt, wird ausgespuckt. Der Banker erzählt bloss, das heisst, er sagt nur, wie es ist. Dies zwar schonungslos, aber ohne zu moralisieren. Umso eindrücklicher bleibt das Gesagte haften. Und umso erschütternder wirkt es. Zurzeit läuft der Film im Kino (in Zürich im Movie 1), aber er dürfte es nicht lange schaffen. Wer hört sich schon gern an, wie ohnmächtig wir sind angesichts eines Systems, das uns längst entglitten ist.

Der Banker sagt so manches, wozu man nur mit dem Kopf nicken kann. Zum Beispiel, dass man das System ändern könnte, wenn man nur wollte. Aber niemand - der könnte - will. Auch wundert er sich unter anderem darüber, wie problemlos die Staaten mehrere Milliarden locker machen können, fast von einem Tag auf den andern, wenn es darum geht, Banken zu retten, während jahrelang um (im Vergleich dazu) "läppische" 100 Millionen für die Kultur gestritten wird. Anstelle des Begriffs "Kultur" könnte man hier auch "Soziales" setzen.

Das Beispiel ist symptomatisch für unsere Zeit. Wir degenerieren  langsam zum Homo oeconomicus, der nur noch in Zahlen denkt (denken kann), resp. nur noch den (persönlichen) Gewinn anstrebt. Wobei der Gewinn an sich selbstverständlich nichts Unmoralisches ist, genauso wenig wie der wirtschaftliche Erfolg, der allen zugute kommt. Mit Betonung auf den Nachsatz. Aber seit die Finanzwirtschaft sozusagen das Primat von der Politik übernommen hat (Goldman Sachs lässt grüssen), haben sich die Verhältnisse praktisch umgedreht. Es geht nicht mehr um das Wohl einer Gesellschaft, sondern nur noch um das Wohl derjenigen, die skrupellos genug sind, auf Kosten der Gemeinschaft zu profitieren.

Heute lese ich im TA über ein Buch, das Hans Widmer, der ehemalige Oerlikon-Bührle-Sanierer über eine menschengerechte Gesellschaft geschrieben hat. Unter dem Titel "Modell des konsequenten Humanismus", entwickelt er offenbar eine Theorie für eine humane Gesellschaft, wofür er neben Philosophie und Religion auch die Kultur, die Gentechnik und vor allem die Physik als Grundlage nimmt (2013, Rüffer und Rub).  Im Interview im TA sagt er u.a., es brauche Verwaltungsräte, die sich selber konstituieren, keinerlei Gewinnbeteiligung haben, sondern als unabhängige Instanz von senkrechten Männern und Frauen (gibt es das noch??) die Aufsicht über das Treiben des Managements ausüben. Klingt logisch. Ich zweifle nicht an der Machbarkeit. Aber am Willen zur Umsetzung.

Während der Trauerfeierlichkeiten zum Tod von Mandela überschlugen sich die Redner wieder mal mit Ehrbezeugungen für einen Mann, der nicht nur mit Intelligenz, Durchhaltewillen und Pragmatismus, sondern vor allem auch mit viel Herz, Empathie und Versöhnungswillen sein Volk aus der Versklavung befreit hat. Würden sich die Verantwortlichen dieser Welt diese charismatische Persönlichkeit tatsächlich zm Vorbild nehmen, dann könnte so mancher Schritt getan werden, der heute noch unmöglich scheint. Und man könnte – müsste – so manches Ruder herumreissen, bevor es zu spät ist. Aber eben: Bescheidenheit ist eine Zier, gut leben tut sich's ohne ihr.
Eigentlich wollte ich nur über den Film berichten. Nun ist es wieder mal mit mir durchgegangen. Wenn ich wenigstens etwas Positives zu schreiben gehabt hätte. Schliesslich ist Weihnachtzeit, da fühlt man sich ja schon fast verpflichtet, nett zu sein und ein bisschen rosafarbene Hoffnung zu verbreiten (wobei Bischof Huonder die Farbe Rosa vermutlich als Genderismus ins ewige Fegefeuer verdammen würde. Er bevorzugt karminrote Schleppen…). Da fällt mir ein: Ein kleiner, wenn auch nicht rosafarbener, so doch schwarz-roter Hoffnungsschimmer kommt aus Deutschland, wo sich CDU und SP zwar nicht gerade überschwänglich, so doch pragmatisch gesittet - und dies ganz ohne Kavallerie - mit der Angela ins gemeinsame Bett gelegt haben. Also, wenn der Pragmatismus die Ideologie besiegt, besteht tatsächlich Anlass zur Hoffnung, und die Welt ist noch nicht ganz verloren. Halleluja!


Sonntag, 27. Oktober 2013

Biennale: Kunst oder bloss Kunstevent?

Am Canale Grande herrscht ein Verkehr wie zu Stosszeiten am Bellevue. Die Vaporetti fahren im Minutentakt, dazwischen tummeln sich die Wassertaxis, Gondeln, Polizeiboote, Transportboote, privaten Motorboote und kleinen Ruderboote. Die Vaporetti sind gestossen voll, Touristen und Italiener teilen sich geduldig den viel zu knapp bemessenen Platz.

Nach den vollgestopften Gassen nahe des San Marco sind die Giardini eine Wohltat. Dorthin verirren sich offenbar nur noch die Kunstinteressierten, es ist weniger gedrängt und sehr angenehm unter den alten Bäumen. Vielleicht habe ich auch nur Glück und den richtigen Zeitpunkt getroffen.

Gibt es hier die Antwort auf meine Frage: Was ist Kunst? Ist die Biennale von Venedig der richtige Ort, um es herauszufinden?

Im Vorfeld lese ich ein paar einschlägige Artikel. Sie widersprechen sich. Einer übertrifft sich mit sarkastischen Bosheiten über das reiche und versnobte Publikum, das in Yachten anreist und Partys feiert, ein Anderer freut sich, dass die kauffreudigen Kunstsammler dieses Jahr den Platz den weniger Begüterten, aber wahrhaft Kunstinteressierten überlassen mussten. Einer hat sich fast nur gelangweilt, ein Anderer sieht in der diesjährigen Biennale eine mögliche Revolution zugunsten der wahren Kunst. Und weil einer schreibt, man solle sich nicht um das «Kuratorengeschwafel» scheren, leiste ich mir die Freiheit, mich nicht um das «Kritikergeschwafel» zu scheren und mir mein Urteil selber zu bilden.

Die Länderpavillons haben einen schlechten Ruf, aber sie sind der leichteste Einstieg. Über Valentin Carrons Schlange wurde viel geschrieben. Nur Gescheites natürlich. Trotzdem lässt mich seine Kunst in der kühl-sachlichen Architektur des Schweizer Pavillons ratlos zurück. «Leblos» fällt mir dazu nur ein.

Ich hatte mir vorgenommen, nichts auszulassen, obwohl mir immer deutlicher klar wird, dass drei Tage dazu niemals ausreichen. Also scheide ich schon mal diejenigen aus, vor denen sich Schlangen bilden. Darunter der Pavillon der USA. Ein Blick durchs Fenster genügt mir, um zu wissen, dass Sarah Sze’s Kunst mich nicht sonderlich anspricht. Jedenfalls nicht das, was ich sehe. Zu wild, zu sehr ein Durcheinander.

Im russischen Pavillon stelle ich fest, dass mir auch die bedeutungsschwangere Kunst, die mir mit dem Holzhammer beibringen will, wie es um unsere Welt steht, eher auf den Geist geht, während das deutsche Ehepaar neben mir grossen Gefallen daran findet und sich im Übrigen beklagt, dass dieses Jahr zu wenig Sozialkritisches gezeigt werde. Im Laufe der zwei Tage gibt es aber dann doch noch ein paar Beispiele politischer Kunst, welche mich im Innersten treffen.

Gespannt bin ich auf einen der Wichtigen der diesjährigen Biennale, auf Ai Wei Wei, zu sehen im französischen Pavillon. Die aufgehängten, den ganzen Raum füllenden antiken Hocker Ai Wei Weis erinnern mich an eine DNS, die farbigen Plastikhocker dazwischen könnten als Krankheitskeime der Zukunft gedacht sein. Aber das ist nur meine ziemlich naive Interpretation angesichts einer Installation, die mich nicht sonderlich berührt.

Im venezianischen Pavillon erschliesst sich mir wenigstens ansatzweise das Thema der diesjährigen Biennale: Im ersten Raum alte venezianische Stoffkunst, im folgenden dekorative Stoffkunst der Gegenwart. «Il Palazzo enciclopedico» – Museum des Weltwissens – heisst denn auch das Werk, das der Biennale 2013 den Namen geliehen hat. Das Werk ist von Marino Auriti (1891 bis 1980), einem Autodidakten, der nie berühmt geworden ist.

Besinnung auf Vergangenes, wahrscheinlich auch Besinnung auf Wahrhaftiges, scheint das Anliegen des diesjährigen Biennale-Kurators Massimiliano Gioni zu sein, den nach eigenen Aussagen vor allem interessiert, was er nicht enträtseln kann. Von den rund 160 Künstlern sind mehr als ein Viertel bereits gestorben. Und so findet man denn auch wenige Künstlerinnen oder Künstler, die gerade besonders in Mode sind.

Zu meinen Favoriten gehört im italienischen Pavillon die gut zwei Meter hohe, leicht schräg gestellte Metallplatte, auf die ein steter Wassertropfen fällt. Man steht im Dunkeln davor und hört den monotonen, metallischen Klang des Tropfens, eine von der Decke hängende Glühbirne beleuchtet die Stelle, wo der Tropfen auftrifft, und man ahnt, wie der nach unten wachsende, ovale Korrosionsfleck mit der Zeit immer grösser wird, wie sich das   weiche Wasser unaufhaltsam ins harte Material frisst, es dabei verändert, dessen Farbe, dessen Konsistenz, und es schliesslich zerstört. (Ja, klar, nichts Neues, steter Tropfen höhlt den Stein, oder der Zahn der Zeit, Redensarten mit all ihren möglichen nachvollziehbaren Interpretationen. Enträtselbar. Aber genial umgesetzt.)

Ich lasse mich treiben und bleibe hängen, wo mich etwas festhält, sei es, weil es mir einfach so gefällt, rein optisch, sei es, weil es mich fasziniert, mich überrascht, mich zu Nachdenken bringt, mich ärgert oder mich erstaunt. Irene hat gesagt, Kunst werde vermutlich erst dann zur Kunst, wenn jemand sie betrachte. Vielleicht DAS Geheimnis.

Urs Widmer hat gesagt, wenn ein Buch gelesen werde, würden daraus zwei. Genauso ist es. Es ist jedes Mal ein anderes Buch, je nachdem, wer es liest, und sogar je nachdem, wann – in welchem Alter, mit welchem Wissen, mit welcher Erfahrung, in welcher Stimmung – dieser Jemand es liest.

So ist es wohl auch mit der bildenden Kunst. Und mit der Musik. Entscheidend ist, was die Kunst mit uns macht, was wir darin sehen, lesen oder hören. Und deshalb bedeutet Kunst für jeden etwas Anderes.

Mit dieser Einsicht gehe ich weiter, sehe mich um, im zentralen Gebäude in den Giardini, am nächsten Tag im Arsenale. Ohne Eile und ohne den Druck, etwas zu verpassen.

Um auf meine anfängliche Frage «Was ist Kunst?» zurück zu kommen: Eine endgültige Antwort darauf finde ich nicht, weil es sie nicht gibt.

Aber die Biennale ist zweifellos ein geeigneter Ort, sich darüber Gedanken zu machen.

*

Am dritten Tag mag ich keine Kunst mehr sehen. Auch keine Menschenmassen mehr. Ich löse mich vom Gedanken, weitere Kunstschauplätze in der Stadt zu besuchen, stattdessen lasse ich mich durch die unbelebteren Hintergassen Venedigs treiben, suche Schauplätze auf, wo Donna Leons Commissario Brunetti seine Fälle löst, und verlaufe mich dabei ein paar Mal hoffnungslos. Aber ein Ausgang findet sich immer, ich kann mich durchfragen, die Stadt ist nicht sehr gross, deshalb mache ich mir keine Sorgen und geniesse es, weg vom touristischen ein bisschen das authentische venezianische Leben zu entdecken. Zum Beispiel im winzigen Laden mit den alten Postkarten, wo ich mich lange mit dem Inhaber unterhalte und erfahre, dass er bald aufhören wird, weil niemand mehr Postkarten verschickt. Wovon er danach leben soll, weiss er noch nicht.

*

Das andere, das touristische Venedig, quillt über, praktisch in jeder Jahreszeit, entsprechend wenig Bewegungsfreiheit gibt es überall da, wo die tägliche Schar abertausender Besucherinnen und Besucher durchgeschleust wird. Und doch: Bei allem Gedränge bleibt diese Stadt eine der faszinierendsten Destinationen auf dieser Welt. Sowohl die Biennale mit ihrer kreativen Energie als auch die Stadt in ihrer unvergleichlichen Schönheit sind einzigartig. Ich erlebe hier immer wieder Momente des Glücks und geniesse sie mit Freude und Lust, genauso wie die Tramezzini, den Wein und den guten Fisch.

 

***

 

Nachtrag: 2020 ist Venedig eine andere Stadt. Sie gehört den Einwohnern, das Wasser in den Kanälen ist so klar wie seit Jahrzehnten nicht mehr, die surrealen Kreuzfahrtschiffe sind stillgelegt. Corona hat der Stadt und der Natur eine Verschnaufpause gegönnt. Wenn wir Glück haben, werden neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft, kluge Innovationen aus der Wirtschaft, nötige Einsichten und entsprechendes Handeln aus der Politik und – last but not least – vernünftiges Masshalten der Bevölkerung die Entwicklung in eine positive Richtung lenken.

 

Ich denke: Die Menschen werden zurückkehren und weitermachen wie bisher.

 

Aber wer weiss schon, was wird?

 

 

Sonntag, 28. Juli 2013

Morgens am See

Sieben Uhr morgens. Um diese Zeit gehört der Park mir. Mir ganz allein!… Na ja, fast.
Bis ich zurück bin, will ich meinen ersten Satz im Kopf haben…
Herrlich! Diese Ruhe! Diese Luft! Diese Frische! Jetzt tieeeef durchatmen, tieef in den Bauch. So ist's gesund. Wird im Alter immer wichtiger, sagt der Hirzel. "Im Alter!" Da meint er wohl mich damit. Charmant!
Also los, der erste Satz. Konzentrier dich!
… Sieh da, der Typ mit der stinkenden Zigarre führt neuerdings einen Deutschen Schäferhund Gassi. Sein Rottweiler hat offenbar das Zeitliche gesegnet. Oder einen anderen Hund verschluckt und muss nun zur Strafe zu Hause bleiben. Der Alte war bestimmt mal bei der Polizei, einer dieser scharfen Hunde. Wie der Hund so der Meister. Oder umgekehrt. Immerhin weiss er, dass er seine Kampfmaschinen an der Leine führen muss.
Konzentrier dich jetzt auf deinen Satz! 
 Ja, ja, überholt mich nur, ihr Ehrgeizlinge. Ich muss mir nichts beweisen. Ich nicht! Ich mach das bloss zu meinem reinen Vergnügen. Na ja, ein bisschen auch für die Gesundheit eben. Und für die Linie. Auch wenn's nichts nützt. Fett verbrenne man nur beim Frieren, sagt der Küng. Wolle ich abnehmen, müsse ich im eiskalten Wasser schwimmen. Dann sind mir die paar Fettpolster doch noch lieber…
Wow, die hat einen super Arsch. Perfekte Figur - kein Gramm Fett versteht sich -, braungebrannt, kurzes hellblondes Haar. Sicher eine Deutsche mit eisig blauen Augen. So eine Disziplinierte. Sieht man ihr sogar von hinten an…
Ich könnte ja einfach mit dem zweiten beginnen, ha, ha…
… Erstaunlich, die Blatterwiese erkennt man ja heute sogar noch als Rasenfläche und nicht bloss als Abfallhalde. Häufig sieht's schlimmer aus. Alles lassen sie fallen und liegen, diese Säue. Widerlich. Was sind das bloss für Menschen!? Zu faul, sich zum Abfallcontainer zu bewegen. Oder zu besoffen. Oder zu dumm. Oder beides. Nimmt mich wunder, wie das bei denen zu Hause aussieht. Wahrscheinlich räumt Mutti hinterher alles auf.
Den Text will ich unbedingt noch schreiben, morgen komme ich nicht mehr dazu…
… Den mit dem Plastiksack, den sehe ich jedes Mal, der sammelt leere Flaschen. Bestimmt für das Rückgabepfand, das er dann gleich wieder in Alk umsetzt. Sieht von weitem eigentlich noch ganz gut aus. Schlank, gross, immer mit Jeans und schwarzem T-shirt. Gerader Gang. Vermutlich ausgesteuert. Schlimm, wenn's einen trifft. Was wohl aus der jungen Rothaarigen geworden ist? Die sah auch gut aus, richtig schön sogar. Jedenfalls nicht so, wie man sich jmanden vorstellt, der aus dem sozialen Netz gefallen ist. Hab mich damals schon gewundert.
Da kommt doch tatsächlich eine, die zum Joggen den Kinderwagen stösst. Dachte, so blöd sind nur Väter. Aber heute muss frau ja schlank und rank sein, Dicke haben das Nachsehen, sogar bei der Stellenbewerbung. Selbst wenn sie besser wären. Wissenschaftlich erhärtet. Die Kate muss jetzt wohl auch gleich anfangen, ihren Schwangerschaftsspeck abzutrainieren. Den Tarif hat Heidi Klum durchgegeben, dieses ewig lächelnde sadistische Biest. Jetzt messen sich die Promis im "Wer ist nach der Geburt sein Fett schneller los"-Wettbewerb. Und alle machen es nach. Und weil sie sich weder eine Nanny, noch eine Gesundheitsexpertin in der Küche, noch einen Personal Trainer leisten können, scheitern sie und sind frustriert. Dann müssen sie eben mit dem Wagen samt Kind drin joggen gehen. Vielleichts gefällts ja dem Nachwuchs. Vielleicht schreit er ja dann gerade mal nicht.
Geist, erfülle mich und schenk mir den ersten Satz! Also: worum geht es im Text? Kurz zusammengefasst um dies:…
… Die scharf begrenzten braunen Flächen sind wohl noch die Folgen des Zürifäschts. Da, wo die Imbissbuden gestanden haben. 'Wir leben schöne Gärten', heisst es auf dem Kleinlaster der Gärtnerei Matter. So ein abgeschmackter Werbefurz. Wir leben Zürich. Wir leben Kino. Wir leben was weiss ich. Hauptsache wir leben es, dieses Es. Ob die Matters auf die neuen Grasrollen warten? Die sitzen wie die Vögel in einer Reihe auf dem Bänkli. Kann um diese Zeit ja noch nicht die Znünipause sein. Der spricht ist ein Schweizer. Sicher der Chef. Nehme an, die andern sind aus Spanien oder Portugal. Die, die die schlecht bezahlte Arbeit machen. Die, die man holt fürs Grobe, um sie danach möglichst schnell wieder los zu werden. Die sprechen nie Schweizerdeutsch.
Du solltest joggen, nicht rennen, mein Lieber. Das bringt gar nichts, wenn Du Dich nasskeuchst. Männer! Nimm Dir ein Beispiel an der da, wie die leichtfüssig dahintrabt. Die kann's, Du nicht, da nützt kein Schwitzen nicht.
Irgendwie hab ich den Kopf nicht bei der Sache. Ich sollte mich nicht immer ablenken lassen…
… Scheusslich, diese klobigen Holzklötze vor dem zierlichen Glaspavillon. Passen wie die Faust auf's Auge. Ein einziges solchen Möbel mag ja noch originell sein. Aber schon zwei sind zuviel. Kitschiger geht's nicht. Aus alten Latten amateurhaft zusammen gezimmert und dann von den lieben Kinderchen bemalt. Ist ja nett. Wahrscheinlich soll das künstlerisch inspiriert sein. Holz isch heimelig, oder so… Überall machen sie idiotische Vorschriften, Strichli, wie weit man mit dem Stuhl aufs Trottoir hinausrücken darf. Aber so etwas  lassen sie dann zu…
Oh je, der hatte Pech. Gleich zu dritt stehen sie um ihn rum und filzen ihn. Nicht die berittene New Yorker, aber die beradelte Züricher Polizei… miiir si mit em Veelo da, la, la… Passend zum rotweissen Velo der rotweisse Helm. Schick. Kurze Hosen. Weniger schick. Zu dritt. Einer der schreiben, einer der lesen.. hör auf, der stinkt schon, so alt ist er. Mit dabei eine Politesse. Nomen est omen. Ob sie tatsächlich höflich ist? Der Gefilzte sieht ganz nett aus, jedenfalls nicht wie ein Drögeler oder Dealer. Aber das sieht man denen ja nicht unbedingt an. Vielleicht hat er keine Papiere und wird jetzt abgeschoben…
Darüber müsste man eine Geschichte schreiben…
… Ob denen Spass macht, was die da tun müssen. Jeden Tag den Abfall der Andern einsammeln. Wo ich wohl gelandet wäre, wäre ich Afrikanerin? In einer Hütte in einem Slum, mit haufenweise Kindern, die ich nicht ernähren kann? Nachdem sie mich beschnitten haben. Unterträgliche Vorstellung. Vielleicht wäre ich auch nach Europa geflüchtet, wie die Wüstenblume, wie hiess sie noch… Das passiert mir immer häufiger. Dünkt mich jedenfalls. Hab mir allerdings Namen früher schon nicht gut merken können. Also nicht gleich in Panik verfallen…
Hoppla, das war knapp. Achtung Velofahrer!  Gefahr im Verzug! Muss wohl etwas besser aufpassen. Am liebsten würde ich jetzt umkehren, aber bis zum Bellevue muss sein, das bisschen Lärm und Gestank überlebe ich. – He, schau, wo Du fährst, Du Idiot! Die Klingel an deinem Velo ist zum Klingeln da, verdammt nochmal! Was, wenn ich gerade hätte ausweichen müssen? Dann hättest du mich glatt überfahren, du Arsch! Aber wehe, euch sieht man mal nicht. Dann werde ihr gleich aggressiv! Führt euch auf, als ob ihr überall das Vortrittsrecht gepachtet hättet! Velopüffel!…
Vielleicht verschiebe ich den Text doch auf nächste Woche…
Der Kehrichtwagen da vorne stinkt zum Himmel. Ich geh die nächste Treppe zum Quai runter, das ist ja nicht auszuhalten…
Genau! Pumpstation heisst die Beiz… Hab's glaub ich gerade zum ersten Mal gelesen, dabei gehe ich doch fast täglich daran vorbe… Den Holzpferch haben sie zum Glück wieder abgebaut. Jetzt hat's doch gleich wieder viel mehr Charme, mit den alten Blechtischen und den wackligen Klappstühlen auf dem unebenen Alphalt. Jetzt müssten sie sich nur noch etwas ähnlich Passendes zum Glaspavillon einfallen lassen…
Puaahh, der Wagen stinkt! Schnell runter…
Das eben waren Amis. Eines dieser gut aussehenden ältenen Amipaare. Gross und schlank. Beneidenswert. Europa 5 Dollars a day. Die sehen allerdings nicht so aus…
Bellevue. Halbzeit. Uund meinen ersten Satz hab ich immer noch nicht.…
… Japaner. Unverkennbar. Die erkennt man an den Fotoapparaten. Weiss noch in Hongkong damals. Da haben sie carweise Japaer ausgekippt, die standen eine Weile da, haben fotografiert und sind wieder eingestiegen. Seltsames Volk!
Ich beginne doch einfach zu schreiben. Irgendwann fällt mir der Satz dann schon ein. Als göttliche Eingebung sozusagen…
Die da vorne reden bestimmt Deutsch. Wetten?!… Na also, was hab ich gesagt?! Deutsch ist ja jetzt die Landessprache hier, jedenfalls im Seefeld…
Eigentlich sollten wir froh sein. Man stelle sich vor, wir Schweizer wären immer nur unter uns geblieben. Dann hockten wir wahrscheinlich noch auf der Alp, jede mit jedem verwandt und verschwägert, holzklotzig ignorant und tumb. Kuhschweizer eben. Man stelle sich überhaupt ein Volk ohne jede Blutauffrischung vor. Der pure Inzest. Führt in die Verdummung, wie man weiss.
"Mein Name ist... " Ganz simpel und einfach. Aber darauf sind schon zu viele gekommen… "Mein Name sei Gantenbein" - war das eigentlich bloss der Titel?
Ich muss unbedingt mein Bruderherz anrufen und fragen, wie es Mam geht. Zum Glück wohnt er in der Nähe des Altersheims und nicht ich. Ich weiss nicht, ob ich sie so regelmässig besuchen würde wie er. Vorbildlich. Muss man ihm lassen. Ich könnte das glaub ich nicht. Der Altersheimmief ist fürchterlich deprimierend. Ich hoffe, mir bleibt das erspart. Alt werden ist so was von Zumutung! Vorher abtreten wär das Beste. Für alle. Aber ob ich den Mut dazu hätte?
Drei Viertel geschafft - oder sind's zwei Drittel, oder vier Fünftel?
Ich bin nicht Stiller. Aber der ist nicht von mir.
Der Weg hinter dem Pavillon ist schattiger, ich nehme besser den. Bin mir noch immer reuig, dass ich letztes Mal dem Typ nichts gesagt habe, der die Kacke seines Hundes einfach hat liegen lassen. Ob er eigentlich kein Hirn im Kopf habe, hätte ich sagen sollen, ob er sich nicht vorstellen könne, dass hier auch Kinder spielen. Aber wahrscheinlich hätte ihn das überhaupt nicht gekratzt. Wahrscheinlich hätte er nur gedacht, du blöde Kuh, halt dein Maul, und mich womöglich noch zusammengestaucht.
Bald geschafft! Nur noch das letzte Stück am Ufer…
Vielleicht fällt mir der Satz ja unter der Dusche ein…
Welche Wohltat diese Stille hier. Nur das Plätschern des Wassers, das über den Steinen zusammen schlägt und das leise Scheppern der Boote. Richtig idyllisch. Ich könnte stundenlang zusehen, wie die Enten und Schwäne sich auf den weichen Wellen wiegen lassen. Nur die Möven sind noch nicht da. Bloss vereinzelte. Wahrscheinlich, weil noch niemand zu sehen ist, der sie füttert.
Irgendwann werde ich einen dieser Steintürme anstossen und schauen, was passiert. Ist mir ein Rätsel, dass die stehen bleiben. Vielleicht ist ja doch ein Trick dahinter, vielleicht sind sie ja doch geleimt. Aber das hätte ich gesehen, als ich mal zugeschaut habe, wie einer sie aufgetürmt hat, einen grossen Stein zuunterst, darauf einen kleinen, schmalen, hoch gestellten, darauf wieder einen dicken, und so weiter. Unglaublich, dass das hält.
Der Rest ist Schweigen. Aber das ist ein letzter, kein erster Satz…
Am liebsten würde ich jetzt noch ein bisschen hier bleiben und Sonne tanken. Wäre gut für die Knochen. Aber ich muss unbedingt am Text arbeiten. Morgens kommen die besten Ideen…
Oder auch nicht.
"Ich habe einen schlechten Charakter und eine gute Figur. " Der würde mir gefallen. Aber den hat schon jemand erfunden.