Donnerstag, 13. Februar 2014
Die EU ist auch gefordert
Mal abgesehen davon, dasss der Begriff "Diktatur" hier per definitionem nicht zutrifft, kann ich verstehen, dass es viele Menschen in der EU gibt, die bitter enttäuscht sind. Im Norden sind sie wütend, weil sie für den Süden bezahlen müssen, im Süden, weil sie durch die Sparmassnahmen leiden, die ihnen der Norden aufzwingt.
Dabei vergessen sie allerdings, dass die Probleme in den meisten Fällen hausgemacht sind: Korrupte Regierungen, mangelnde Reformbereitschaft, ganze Staaten haben über ihre Verhältnisse gelebt. Wenn man hier der EU etwas vorwerfen kann, dann die Tatsache, dass sie zu lange tatenlos zugesehen hat.
Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die EU schwerfällig und bürokratisch geworden ist. Und mit der Ausdehnung auf neue Staaten wird sie es immer mehr. Das heisst, auch die EU muss sich reformieren, muss neue Wege suchen, muss demokratischer werden, wenn sie überleben will.
Ihr Scheitern zu wünschen, was viele tun, ist meiner Ansicht nach jedoch fahrlässig.
Wir vergessen manchmal, warum die EU entstanden ist: Nicht zuletzt als Antwort auf die fatalen Folgen des Nationalismus, der zu zwei Weltkriegen geführt hat. In der Folge ist die ursprüngliche Idee jedoch immer mehr verwässert worden, bis die EU von den Generationen, denen das Kriegserlebnis fehlt, nur noch als Wirtschaftsraum gesehen wurde, von dem man profitieren kann. Als Topf, aus dem man sich bedienen kann. Die Schweiz macht da keine Ausnahme.
Der Tunnelblick auf die wirtschaftlichen Vorteile hat aber viel mehr mit dem Neoliberalismus und der Globalisierung zu tun, die einen Wertewandel erzeugt haben, dessen Auswirkungen sich als gravierender als angenommen erweisen könnten. Der Neoliberalismus, die Globalisierung und der damit verbundene Wertewandel sind die eigentlichen Ursachen für die heutige Situation, mit der alle Staaten weltweit konfrontiert sind.
Zu glauben, man könne die Globalisierung rückgängig machen, ist eine gefährliche Illusion, dazu ist sie schon zu weit fortgeschritten. Und gerade in dieser globalisierten Welt ist der gemeinsame Markt in der EU von zentraler Bedeutung. Davon bin ich überzeugt. Denn die Unternehmen wandern dorthin, wo sie die günstigsten Wettbewerbsbedingungen bekommen.
Es wundert nicht, dass jetzt vor allem rechtskonservative und rechtsnationale bis nationalistische Stimmen die Schweiz loben. Das Lob kommt von der falschen Seite. Der Rückschritt zu nationalistischen Staaten wäre eine Katastrophe, die EU ist noch immer die einzige Alternative. Ihr Scheitern würde tatsächlich die Armut beschleunigen.
Richtig ist: Alle müssen jetzt über die Bücher. Das Zeichen, das die Schweiz gesetzt hat, schreckte hoffentlich auch die Borniertesten in der EU auf, welche glauben, die Signale aus der Bevölkerung nicht ernst nehmen zu müssen. Denn die EU ist heute tatsächlich ein bürokratisches Mammutgebilde. Hauptursache: Die Staaten wollen ihre Kompetenzen nicht an eine Zentralregierung abgeben. Das ist verständlich, aber das macht den Apparat halt auch so schwerfällig. Und je mehr sich die EU auf weitere Staaten ausweitet, je mehr Vertragswerke einzeln ratifiziert und einstimmig angenommen werden müssen, desto mehr gleicht der Prozess einem Marathonlauf, bei dem nicht verwundert, wenn ab und zu mal der Atem ausgeht.
Aber wenn ein solches Vertragswerk schliesslich steht, dann ist es verbindlich. Ist das so verwunderlich? Und ist es verwunderlich, wenn die EU verlangt, dass ein verbindlich eingegangener Vertrag auch eingehalten wird?
Das ist auch mit der Personenfreizügigkeit so. Die EU betont zu Recht, dass der freie Zugang zum Markt den freien Personenverkehr beinhaltet. Eigentlich logisch.
Tatsache ist auch: Der Ausgang der Abstimmung in der Schweiz war hausgemacht:
Statt der angekündigten 8000 kamen 80'000. Entschlossen gehandelt hat niemand. Weder der Bundesrat, noch das Parlament, wo sich die Parteien lieber gegenseitig ausbremsen, als gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen. Schon hören wir wieder die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Es ist erbärmlich. Dabei sind alle beteiligt: Die Rechte, die sich gegen flankierende Massnahmen wehrt, die Linke, die jede Verschärfung verteufelt, die Wirtschaft, die sich nur um die eigenen Interessen kümmert.
Entschieden hat schliesslich die konservative Landbevölkerung, die nicht in globalen Zusammenhängen denkt, die alte Zustände herbeiführen will, die hofft, den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Unterstützt wurde sie von rechts bis links: von den grünen Oekofundis, den Globalisierungsgegnern, den Wirrköpfen, die das Asylwesen nicht von der PFZ unterscheiden können, von religiösen Fundis, und von ganz vielen, die der Wirtschaft und der Politik einen Denkzettel verabreichen wollten.
Sie haben damit dem Land keinen Gefallen getan. Denn wenn sich die Schweiz abschottet und isoliert, wenn sie nicht mehr profitieren kann von der EU - und das tut sie in hohem Masse-, dann wird es für sie sehr viel schwieriger, als es ohnehin schon ist, sich in einer globalisierten Welt zu behaupten.
Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Immer wenn es versucht wurde, endete es in einer Katastrophe. Sehr viel klüger ist es, sich den Herausforderungen zu stellen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Eine Zukunft, die immer globalisierter wird, ob wir das wollen oder nicht. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Ich weiss nicht, wie die EU reagieren wird. Sie betont, dass nun die Schweiz am Zug sei, sie betont aber auch, dass die PFZ nicht verhandelbar und eine Kontingentlösung ausgeschlossen sei. Die SVP - wie könnte es anders sein - laviert und meint, man könne ja für gut Ausgebildete den Familiennachzug erlauben. Eine Zweiklassenlösung also. Die EU schliesst eine solche zu Recht ebenfalls aus. Die Ausländer haben zu unserem Wohlstand beigetragen, ohne sie würde die Schweiz stillstehen. Sie haben auch unsere Kassen gefüllt: Zum Beispiel in die AHV, die jetzt wieder nicht mehr auf lange Zeit gesichert ist. Und, und, und…
Ich habe Nein gestimmt und bin zutiefst geschockt über das Ergebnis, auch wenn ich es habe kommen sehen. Ich schäme mich nicht für den Entscheid, denn er ist Ausdruck der direkten Demokratie, und die Beweggründe für das Nein waren längst nicht immer xenophob, wie jetzt manche Besserwisser aus dem Ausland behaupten. Dies zu glauben, ist nun wirklich zu simpel. Aber ich schäme mich immer mehr für die Mentalität der Schweizerinnen und Schweizer, die sehr gerne bereit sind, die illegalen Gelder aus dem Ausland entgegen zu nehmen, die selbstverständlich vom Zutritt zum Freien Markt und von den Ausländern im Land profitieren wollen, aber immer weniger bereit sind, die Konsequenzen dafür zu tragen. Und ich schäme mich für Christoph Blocher, der in seinem Triumph nur Worte der Häme und der Abschätzung findet für die Romandie und die andere Hälfte der Schweiz, die Nein gestimmt hat.
Die Skepsis gegenüber der EU hat nicht nur in der Schweiz, sie hat überall bedrohlich zugenommen. Sie ist meiner Meinung nach sehr ernst zu nehmen. Sie zwingt - hoffentlich - die EU, die eigene Legitimation zu überdenken und ebenfalls nach neuen kreativen Lösungen innerhalb der eigenen Reihen zu suchen.
Aber sie wird hart bleiben müssen in der Frage der PFZ, wenn sie nicht will, dass jetzt die Rechtsnationalen aller Länder Oberwasser erhalten.
Gegenüber der Schweiz ist sie deutlich am längeren Hebel. Dass sie nun die Verhandlungen für das institutionelle Abkommmen und für ein Stromabkommen ausgesetzt und die Forschungsgelder, von denen die Schweiz in hohem Masse profitiert hat, nicht mehr fliessen lässt, mag bloss eine Drohgebärde sein im Hinblick auf kommende Verhandlungen. Es kann gut sein, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie gekocht wurde. Aber es kann auch sein, dass es irgendwann ein böses Erwachen gibt. Für alle.
Warten wir ab.
Donnerstag, 19. Dezember 2013
Alles wäre möglich, so man wollte…
Der Banker sagt so manches, wozu man nur mit dem Kopf nicken kann. Zum Beispiel, dass man das System ändern könnte, wenn man nur wollte. Aber niemand - der könnte - will. Auch wundert er sich unter anderem darüber, wie problemlos die Staaten mehrere Milliarden locker machen können, fast von einem Tag auf den andern, wenn es darum geht, Banken zu retten, während jahrelang um (im Vergleich dazu) "läppische" 100 Millionen für die Kultur gestritten wird. Anstelle des Begriffs "Kultur" könnte man hier auch "Soziales" setzen.
Das Beispiel ist symptomatisch für unsere Zeit. Wir degenerieren langsam zum Homo oeconomicus, der nur noch in Zahlen denkt (denken kann), resp. nur noch den (persönlichen) Gewinn anstrebt. Wobei der Gewinn an sich selbstverständlich nichts Unmoralisches ist, genauso wenig wie der wirtschaftliche Erfolg, der allen zugute kommt. Mit Betonung auf den Nachsatz. Aber seit die Finanzwirtschaft sozusagen das Primat von der Politik übernommen hat (Goldman Sachs lässt grüssen), haben sich die Verhältnisse praktisch umgedreht. Es geht nicht mehr um das Wohl einer Gesellschaft, sondern nur noch um das Wohl derjenigen, die skrupellos genug sind, auf Kosten der Gemeinschaft zu profitieren.
Heute lese ich im TA über ein Buch, das Hans Widmer, der ehemalige Oerlikon-Bührle-Sanierer über eine menschengerechte Gesellschaft geschrieben hat. Unter dem Titel "Modell des konsequenten Humanismus", entwickelt er offenbar eine Theorie für eine humane Gesellschaft, wofür er neben Philosophie und Religion auch die Kultur, die Gentechnik und vor allem die Physik als Grundlage nimmt (2013, Rüffer und Rub). Im Interview im TA sagt er u.a., es brauche Verwaltungsräte, die sich selber konstituieren, keinerlei Gewinnbeteiligung haben, sondern als unabhängige Instanz von senkrechten Männern und Frauen (gibt es das noch??) die Aufsicht über das Treiben des Managements ausüben. Klingt logisch. Ich zweifle nicht an der Machbarkeit. Aber am Willen zur Umsetzung.
Während der Trauerfeierlichkeiten zum Tod von Mandela überschlugen sich die Redner wieder mal mit Ehrbezeugungen für einen Mann, der nicht nur mit Intelligenz, Durchhaltewillen und Pragmatismus, sondern vor allem auch mit viel Herz, Empathie und Versöhnungswillen sein Volk aus der Versklavung befreit hat. Würden sich die Verantwortlichen dieser Welt diese charismatische Persönlichkeit tatsächlich zm Vorbild nehmen, dann könnte so mancher Schritt getan werden, der heute noch unmöglich scheint. Und man könnte – müsste – so manches Ruder herumreissen, bevor es zu spät ist. Aber eben: Bescheidenheit ist eine Zier, gut leben tut sich's ohne ihr.
Eigentlich wollte ich nur über den Film berichten. Nun ist es wieder mal mit mir durchgegangen. Wenn ich wenigstens etwas Positives zu schreiben gehabt hätte. Schliesslich ist Weihnachtzeit, da fühlt man sich ja schon fast verpflichtet, nett zu sein und ein bisschen rosafarbene Hoffnung zu verbreiten (wobei Bischof Huonder die Farbe Rosa vermutlich als Genderismus ins ewige Fegefeuer verdammen würde. Er bevorzugt karminrote Schleppen…). Da fällt mir ein: Ein kleiner, wenn auch nicht rosafarbener, so doch schwarz-roter Hoffnungsschimmer kommt aus Deutschland, wo sich CDU und SP zwar nicht gerade überschwänglich, so doch pragmatisch gesittet - und dies ganz ohne Kavallerie - mit der Angela ins gemeinsame Bett gelegt haben. Also, wenn der Pragmatismus die Ideologie besiegt, besteht tatsächlich Anlass zur Hoffnung, und die Welt ist noch nicht ganz verloren. Halleluja!
Sonntag, 27. Oktober 2013
Biennale: Kunst oder bloss Kunstevent?
Am Canale Grande herrscht ein Verkehr wie zu Stosszeiten am Bellevue. Die Vaporetti fahren im Minutentakt, dazwischen tummeln sich die Wassertaxis, Gondeln, Polizeiboote, Transportboote, privaten Motorboote und kleinen Ruderboote. Die Vaporetti sind gestossen voll, Touristen und Italiener teilen sich geduldig den viel zu knapp bemessenen Platz.
Nach den vollgestopften Gassen nahe des San Marco sind die Giardini eine Wohltat. Dorthin verirren sich offenbar nur noch die Kunstinteressierten, es ist weniger gedrängt und sehr angenehm unter den alten Bäumen. Vielleicht habe ich auch nur Glück und den richtigen Zeitpunkt getroffen.
Gibt es hier die Antwort auf meine Frage: Was ist Kunst? Ist die Biennale von Venedig der richtige Ort, um es herauszufinden?
Im Vorfeld lese ich ein paar einschlägige Artikel. Sie widersprechen sich. Einer übertrifft sich mit sarkastischen Bosheiten über das reiche und versnobte Publikum, das in Yachten anreist und Partys feiert, ein Anderer freut sich, dass die kauffreudigen Kunstsammler dieses Jahr den Platz den weniger Begüterten, aber wahrhaft Kunstinteressierten überlassen mussten. Einer hat sich fast nur gelangweilt, ein Anderer sieht in der diesjährigen Biennale eine mögliche Revolution zugunsten der wahren Kunst. Und weil einer schreibt, man solle sich nicht um das «Kuratorengeschwafel» scheren, leiste ich mir die Freiheit, mich nicht um das «Kritikergeschwafel» zu scheren und mir mein Urteil selber zu bilden.
Die Länderpavillons haben einen schlechten Ruf, aber sie sind der leichteste Einstieg. Über Valentin Carrons Schlange wurde viel geschrieben. Nur Gescheites natürlich. Trotzdem lässt mich seine Kunst in der kühl-sachlichen Architektur des Schweizer Pavillons ratlos zurück. «Leblos» fällt mir dazu nur ein.
Ich hatte mir vorgenommen, nichts auszulassen, obwohl mir immer deutlicher klar wird, dass drei Tage dazu niemals ausreichen. Also scheide ich schon mal diejenigen aus, vor denen sich Schlangen bilden. Darunter der Pavillon der USA. Ein Blick durchs Fenster genügt mir, um zu wissen, dass Sarah Sze’s Kunst mich nicht sonderlich anspricht. Jedenfalls nicht das, was ich sehe. Zu wild, zu sehr ein Durcheinander.
Im russischen Pavillon stelle ich fest, dass mir auch die bedeutungsschwangere Kunst, die mir mit dem Holzhammer beibringen will, wie es um unsere Welt steht, eher auf den Geist geht, während das deutsche Ehepaar neben mir grossen Gefallen daran findet und sich im Übrigen beklagt, dass dieses Jahr zu wenig Sozialkritisches gezeigt werde. Im Laufe der zwei Tage gibt es aber dann doch noch ein paar Beispiele politischer Kunst, welche mich im Innersten treffen.
Gespannt bin ich auf einen der Wichtigen der diesjährigen Biennale, auf Ai Wei Wei, zu sehen im französischen Pavillon. Die aufgehängten, den ganzen Raum füllenden antiken Hocker Ai Wei Weis erinnern mich an eine DNS, die farbigen Plastikhocker dazwischen könnten als Krankheitskeime der Zukunft gedacht sein. Aber das ist nur meine ziemlich naive Interpretation angesichts einer Installation, die mich nicht sonderlich berührt.
Im venezianischen Pavillon erschliesst sich mir wenigstens ansatzweise das Thema der diesjährigen Biennale: Im ersten Raum alte venezianische Stoffkunst, im folgenden dekorative Stoffkunst der Gegenwart. «Il Palazzo enciclopedico» – Museum des Weltwissens – heisst denn auch das Werk, das der Biennale 2013 den Namen geliehen hat. Das Werk ist von Marino Auriti (1891 bis 1980), einem Autodidakten, der nie berühmt geworden ist.
Besinnung auf Vergangenes, wahrscheinlich auch Besinnung auf Wahrhaftiges, scheint das Anliegen des diesjährigen Biennale-Kurators Massimiliano Gioni zu sein, den nach eigenen Aussagen vor allem interessiert, was er nicht enträtseln kann. Von den rund 160 Künstlern sind mehr als ein Viertel bereits gestorben. Und so findet man denn auch wenige Künstlerinnen oder Künstler, die gerade besonders in Mode sind.
Zu meinen Favoriten gehört im italienischen Pavillon die gut zwei Meter hohe, leicht schräg gestellte Metallplatte, auf die ein steter Wassertropfen fällt. Man steht im Dunkeln davor und hört den monotonen, metallischen Klang des Tropfens, eine von der Decke hängende Glühbirne beleuchtet die Stelle, wo der Tropfen auftrifft, und man ahnt, wie der nach unten wachsende, ovale Korrosionsfleck mit der Zeit immer grösser wird, wie sich das weiche Wasser unaufhaltsam ins harte Material frisst, es dabei verändert, dessen Farbe, dessen Konsistenz, und es schliesslich zerstört. (Ja, klar, nichts Neues, steter Tropfen höhlt den Stein, oder der Zahn der Zeit, Redensarten mit all ihren möglichen nachvollziehbaren Interpretationen. Enträtselbar. Aber genial umgesetzt.)
Ich lasse mich treiben und bleibe hängen, wo mich etwas festhält, sei es, weil es mir einfach so gefällt, rein optisch, sei es, weil es mich fasziniert, mich überrascht, mich zu Nachdenken bringt, mich ärgert oder mich erstaunt. Irene hat gesagt, Kunst werde vermutlich erst dann zur Kunst, wenn jemand sie betrachte. Vielleicht DAS Geheimnis.
Urs Widmer hat gesagt, wenn ein Buch gelesen werde, würden daraus zwei. Genauso ist es. Es ist jedes Mal ein anderes Buch, je nachdem, wer es liest, und sogar je nachdem, wann – in welchem Alter, mit welchem Wissen, mit welcher Erfahrung, in welcher Stimmung – dieser Jemand es liest.
So ist es wohl auch mit der bildenden Kunst. Und mit der Musik. Entscheidend ist, was die Kunst mit uns macht, was wir darin sehen, lesen oder hören. Und deshalb bedeutet Kunst für jeden etwas Anderes.
Mit dieser Einsicht gehe ich weiter, sehe mich um, im zentralen Gebäude in den Giardini, am nächsten Tag im Arsenale. Ohne Eile und ohne den Druck, etwas zu verpassen.
Um auf meine anfängliche Frage «Was ist Kunst?» zurück zu kommen: Eine endgültige Antwort darauf finde ich nicht, weil es sie nicht gibt.
Aber die Biennale ist zweifellos ein geeigneter Ort, sich darüber Gedanken zu machen.
*
Am dritten Tag mag ich keine Kunst mehr sehen. Auch keine Menschenmassen mehr. Ich löse mich vom Gedanken, weitere Kunstschauplätze in der Stadt zu besuchen, stattdessen lasse ich mich durch die unbelebteren Hintergassen Venedigs treiben, suche Schauplätze auf, wo Donna Leons Commissario Brunetti seine Fälle löst, und verlaufe mich dabei ein paar Mal hoffnungslos. Aber ein Ausgang findet sich immer, ich kann mich durchfragen, die Stadt ist nicht sehr gross, deshalb mache ich mir keine Sorgen und geniesse es, weg vom touristischen ein bisschen das authentische venezianische Leben zu entdecken. Zum Beispiel im winzigen Laden mit den alten Postkarten, wo ich mich lange mit dem Inhaber unterhalte und erfahre, dass er bald aufhören wird, weil niemand mehr Postkarten verschickt. Wovon er danach leben soll, weiss er noch nicht.
*
Das andere, das touristische Venedig, quillt über, praktisch in jeder Jahreszeit, entsprechend wenig Bewegungsfreiheit gibt es überall da, wo die tägliche Schar abertausender Besucherinnen und Besucher durchgeschleust wird. Und doch: Bei allem Gedränge bleibt diese Stadt eine der faszinierendsten Destinationen auf dieser Welt. Sowohl die Biennale mit ihrer kreativen Energie als auch die Stadt in ihrer unvergleichlichen Schönheit sind einzigartig. Ich erlebe hier immer wieder Momente des Glücks und geniesse sie mit Freude und Lust, genauso wie die Tramezzini, den Wein und den guten Fisch.
***
Nachtrag: 2020 ist Venedig eine andere Stadt. Sie gehört den Einwohnern, das Wasser in den Kanälen ist so klar wie seit Jahrzehnten nicht mehr, die surrealen Kreuzfahrtschiffe sind stillgelegt. Corona hat der Stadt und der Natur eine Verschnaufpause gegönnt. Wenn wir Glück haben, werden neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft, kluge Innovationen aus der Wirtschaft, nötige Einsichten und entsprechendes Handeln aus der Politik und – last but not least – vernünftiges Masshalten der Bevölkerung die Entwicklung in eine positive Richtung lenken.
Ich denke: Die Menschen werden zurückkehren und weitermachen wie bisher.
Aber wer weiss schon, was wird?
Sonntag, 28. Juli 2013
Morgens am See
Bis ich zurück bin, will ich meinen ersten Satz im Kopf haben…
Herrlich! Diese Ruhe! Diese Luft! Diese Frische! Jetzt tieeeef durchatmen, tieef in den Bauch. So ist's gesund. Wird im Alter immer wichtiger, sagt der Hirzel. "Im Alter!" Da meint er wohl mich damit. Charmant!
Also los, der erste Satz. Konzentrier dich!
… Sieh da, der Typ mit der stinkenden Zigarre führt neuerdings einen Deutschen Schäferhund Gassi. Sein Rottweiler hat offenbar das Zeitliche gesegnet. Oder einen anderen Hund verschluckt und muss nun zur Strafe zu Hause bleiben. Der Alte war bestimmt mal bei der Polizei, einer dieser scharfen Hunde. Wie der Hund so der Meister. Oder umgekehrt. Immerhin weiss er, dass er seine Kampfmaschinen an der Leine führen muss.
Konzentrier dich jetzt auf deinen Satz!
Ja, ja, überholt mich nur, ihr Ehrgeizlinge. Ich muss mir nichts beweisen. Ich nicht! Ich mach das bloss zu meinem reinen Vergnügen. Na ja, ein bisschen auch für die Gesundheit eben. Und für die Linie. Auch wenn's nichts nützt. Fett verbrenne man nur beim Frieren, sagt der Küng. Wolle ich abnehmen, müsse ich im eiskalten Wasser schwimmen. Dann sind mir die paar Fettpolster doch noch lieber…
Wow, die hat einen super Arsch. Perfekte Figur - kein Gramm Fett versteht sich -, braungebrannt, kurzes hellblondes Haar. Sicher eine Deutsche mit eisig blauen Augen. So eine Disziplinierte. Sieht man ihr sogar von hinten an…
Ich könnte ja einfach mit dem zweiten beginnen, ha, ha…
… Erstaunlich, die Blatterwiese erkennt man ja heute sogar noch als Rasenfläche und nicht bloss als Abfallhalde. Häufig sieht's schlimmer aus. Alles lassen sie fallen und liegen, diese Säue. Widerlich. Was sind das bloss für Menschen!? Zu faul, sich zum Abfallcontainer zu bewegen. Oder zu besoffen. Oder zu dumm. Oder beides. Nimmt mich wunder, wie das bei denen zu Hause aussieht. Wahrscheinlich räumt Mutti hinterher alles auf.
Den Text will ich unbedingt noch schreiben, morgen komme ich nicht mehr dazu…
… Den mit dem Plastiksack, den sehe ich jedes Mal, der sammelt leere Flaschen. Bestimmt für das Rückgabepfand, das er dann gleich wieder in Alk umsetzt. Sieht von weitem eigentlich noch ganz gut aus. Schlank, gross, immer mit Jeans und schwarzem T-shirt. Gerader Gang. Vermutlich ausgesteuert. Schlimm, wenn's einen trifft. Was wohl aus der jungen Rothaarigen geworden ist? Die sah auch gut aus, richtig schön sogar. Jedenfalls nicht so, wie man sich jmanden vorstellt, der aus dem sozialen Netz gefallen ist. Hab mich damals schon gewundert.
Da kommt doch tatsächlich eine, die zum Joggen den Kinderwagen stösst. Dachte, so blöd sind nur Väter. Aber heute muss frau ja schlank und rank sein, Dicke haben das Nachsehen, sogar bei der Stellenbewerbung. Selbst wenn sie besser wären. Wissenschaftlich erhärtet. Die Kate muss jetzt wohl auch gleich anfangen, ihren Schwangerschaftsspeck abzutrainieren. Den Tarif hat Heidi Klum durchgegeben, dieses ewig lächelnde sadistische Biest. Jetzt messen sich die Promis im "Wer ist nach der Geburt sein Fett schneller los"-Wettbewerb. Und alle machen es nach. Und weil sie sich weder eine Nanny, noch eine Gesundheitsexpertin in der Küche, noch einen Personal Trainer leisten können, scheitern sie und sind frustriert. Dann müssen sie eben mit dem Wagen samt Kind drin joggen gehen. Vielleichts gefällts ja dem Nachwuchs. Vielleicht schreit er ja dann gerade mal nicht.
Geist, erfülle mich und schenk mir den ersten Satz! Also: worum geht es im Text? Kurz zusammengefasst um dies:…
… Die scharf begrenzten braunen Flächen sind wohl noch die Folgen des Zürifäschts. Da, wo die Imbissbuden gestanden haben. 'Wir leben schöne Gärten', heisst es auf dem Kleinlaster der Gärtnerei Matter. So ein abgeschmackter Werbefurz. Wir leben Zürich. Wir leben Kino. Wir leben was weiss ich. Hauptsache wir leben es, dieses Es. Ob die Matters auf die neuen Grasrollen warten? Die sitzen wie die Vögel in einer Reihe auf dem Bänkli. Kann um diese Zeit ja noch nicht die Znünipause sein. Der spricht ist ein Schweizer. Sicher der Chef. Nehme an, die andern sind aus Spanien oder Portugal. Die, die die schlecht bezahlte Arbeit machen. Die, die man holt fürs Grobe, um sie danach möglichst schnell wieder los zu werden. Die sprechen nie Schweizerdeutsch.
Du solltest joggen, nicht rennen, mein Lieber. Das bringt gar nichts, wenn Du Dich nasskeuchst. Männer! Nimm Dir ein Beispiel an der da, wie die leichtfüssig dahintrabt. Die kann's, Du nicht, da nützt kein Schwitzen nicht.
Irgendwie hab ich den Kopf nicht bei der Sache. Ich sollte mich nicht immer ablenken lassen…
… Scheusslich, diese klobigen Holzklötze vor dem zierlichen Glaspavillon. Passen wie die Faust auf's Auge. Ein einziges solchen Möbel mag ja noch originell sein. Aber schon zwei sind zuviel. Kitschiger geht's nicht. Aus alten Latten amateurhaft zusammen gezimmert und dann von den lieben Kinderchen bemalt. Ist ja nett. Wahrscheinlich soll das künstlerisch inspiriert sein. Holz isch heimelig, oder so… Überall machen sie idiotische Vorschriften, Strichli, wie weit man mit dem Stuhl aufs Trottoir hinausrücken darf. Aber so etwas lassen sie dann zu…
Oh je, der hatte Pech. Gleich zu dritt stehen sie um ihn rum und filzen ihn. Nicht die berittene New Yorker, aber die beradelte Züricher Polizei… miiir si mit em Veelo da, la, la… Passend zum rotweissen Velo der rotweisse Helm. Schick. Kurze Hosen. Weniger schick. Zu dritt. Einer der schreiben, einer der lesen.. hör auf, der stinkt schon, so alt ist er. Mit dabei eine Politesse. Nomen est omen. Ob sie tatsächlich höflich ist? Der Gefilzte sieht ganz nett aus, jedenfalls nicht wie ein Drögeler oder Dealer. Aber das sieht man denen ja nicht unbedingt an. Vielleicht hat er keine Papiere und wird jetzt abgeschoben…
Darüber müsste man eine Geschichte schreiben…
… Ob denen Spass macht, was die da tun müssen. Jeden Tag den Abfall der Andern einsammeln. Wo ich wohl gelandet wäre, wäre ich Afrikanerin? In einer Hütte in einem Slum, mit haufenweise Kindern, die ich nicht ernähren kann? Nachdem sie mich beschnitten haben. Unterträgliche Vorstellung. Vielleicht wäre ich auch nach Europa geflüchtet, wie die Wüstenblume, wie hiess sie noch… Das passiert mir immer häufiger. Dünkt mich jedenfalls. Hab mir allerdings Namen früher schon nicht gut merken können. Also nicht gleich in Panik verfallen…
Hoppla, das war knapp. Achtung Velofahrer! Gefahr im Verzug! Muss wohl etwas besser aufpassen. Am liebsten würde ich jetzt umkehren, aber bis zum Bellevue muss sein, das bisschen Lärm und Gestank überlebe ich. – He, schau, wo Du fährst, Du Idiot! Die Klingel an deinem Velo ist zum Klingeln da, verdammt nochmal! Was, wenn ich gerade hätte ausweichen müssen? Dann hättest du mich glatt überfahren, du Arsch! Aber wehe, euch sieht man mal nicht. Dann werde ihr gleich aggressiv! Führt euch auf, als ob ihr überall das Vortrittsrecht gepachtet hättet! Velopüffel!…
Vielleicht verschiebe ich den Text doch auf nächste Woche…
Der Kehrichtwagen da vorne stinkt zum Himmel. Ich geh die nächste Treppe zum Quai runter, das ist ja nicht auszuhalten…
Genau! Pumpstation heisst die Beiz… Hab's glaub ich gerade zum ersten Mal gelesen, dabei gehe ich doch fast täglich daran vorbe… Den Holzpferch haben sie zum Glück wieder abgebaut. Jetzt hat's doch gleich wieder viel mehr Charme, mit den alten Blechtischen und den wackligen Klappstühlen auf dem unebenen Alphalt. Jetzt müssten sie sich nur noch etwas ähnlich Passendes zum Glaspavillon einfallen lassen…
Puaahh, der Wagen stinkt! Schnell runter…
Das eben waren Amis. Eines dieser gut aussehenden ältenen Amipaare. Gross und schlank. Beneidenswert. Europa 5 Dollars a day. Die sehen allerdings nicht so aus…
Bellevue. Halbzeit. Uund meinen ersten Satz hab ich immer noch nicht.…
… Japaner. Unverkennbar. Die erkennt man an den Fotoapparaten. Weiss noch in Hongkong damals. Da haben sie carweise Japaer ausgekippt, die standen eine Weile da, haben fotografiert und sind wieder eingestiegen. Seltsames Volk!
Ich beginne doch einfach zu schreiben. Irgendwann fällt mir der Satz dann schon ein. Als göttliche Eingebung sozusagen…
Die da vorne reden bestimmt Deutsch. Wetten?!… Na also, was hab ich gesagt?! Deutsch ist ja jetzt die Landessprache hier, jedenfalls im Seefeld…
Eigentlich sollten wir froh sein. Man stelle sich vor, wir Schweizer wären immer nur unter uns geblieben. Dann hockten wir wahrscheinlich noch auf der Alp, jede mit jedem verwandt und verschwägert, holzklotzig ignorant und tumb. Kuhschweizer eben. Man stelle sich überhaupt ein Volk ohne jede Blutauffrischung vor. Der pure Inzest. Führt in die Verdummung, wie man weiss.
"Mein Name ist... " Ganz simpel und einfach. Aber darauf sind schon zu viele gekommen… "Mein Name sei Gantenbein" - war das eigentlich bloss der Titel?
Ich muss unbedingt mein Bruderherz anrufen und fragen, wie es Mam geht. Zum Glück wohnt er in der Nähe des Altersheims und nicht ich. Ich weiss nicht, ob ich sie so regelmässig besuchen würde wie er. Vorbildlich. Muss man ihm lassen. Ich könnte das glaub ich nicht. Der Altersheimmief ist fürchterlich deprimierend. Ich hoffe, mir bleibt das erspart. Alt werden ist so was von Zumutung! Vorher abtreten wär das Beste. Für alle. Aber ob ich den Mut dazu hätte?
Drei Viertel geschafft - oder sind's zwei Drittel, oder vier Fünftel?
Ich bin nicht Stiller. Aber der ist nicht von mir.
Der Weg hinter dem Pavillon ist schattiger, ich nehme besser den. Bin mir noch immer reuig, dass ich letztes Mal dem Typ nichts gesagt habe, der die Kacke seines Hundes einfach hat liegen lassen. Ob er eigentlich kein Hirn im Kopf habe, hätte ich sagen sollen, ob er sich nicht vorstellen könne, dass hier auch Kinder spielen. Aber wahrscheinlich hätte ihn das überhaupt nicht gekratzt. Wahrscheinlich hätte er nur gedacht, du blöde Kuh, halt dein Maul, und mich womöglich noch zusammengestaucht.
Bald geschafft! Nur noch das letzte Stück am Ufer…
Vielleicht fällt mir der Satz ja unter der Dusche ein…
Welche Wohltat diese Stille hier. Nur das Plätschern des Wassers, das über den Steinen zusammen schlägt und das leise Scheppern der Boote. Richtig idyllisch. Ich könnte stundenlang zusehen, wie die Enten und Schwäne sich auf den weichen Wellen wiegen lassen. Nur die Möven sind noch nicht da. Bloss vereinzelte. Wahrscheinlich, weil noch niemand zu sehen ist, der sie füttert.
Irgendwann werde ich einen dieser Steintürme anstossen und schauen, was passiert. Ist mir ein Rätsel, dass die stehen bleiben. Vielleicht ist ja doch ein Trick dahinter, vielleicht sind sie ja doch geleimt. Aber das hätte ich gesehen, als ich mal zugeschaut habe, wie einer sie aufgetürmt hat, einen grossen Stein zuunterst, darauf einen kleinen, schmalen, hoch gestellten, darauf wieder einen dicken, und so weiter. Unglaublich, dass das hält.
Der Rest ist Schweigen. Aber das ist ein letzter, kein erster Satz…
Am liebsten würde ich jetzt noch ein bisschen hier bleiben und Sonne tanken. Wäre gut für die Knochen. Aber ich muss unbedingt am Text arbeiten. Morgens kommen die besten Ideen…
Oder auch nicht.
"Ich habe einen schlechten Charakter und eine gute Figur. " Der würde mir gefallen. Aber den hat schon jemand erfunden.
Donnerstag, 11. Juli 2013
Scharia und Demokratie schliessen sich aus
Die Muslimbrüderschaft hat sich als unfähig zum demokratischen Kompromiss erwiesen und als unfähig, das Land in die Zukunft zu führen. Damit hat sie sich selber desavouiert. Jetzt auf dem Argument zu beharren, ein demokratisch gewählter Präsident sei illegal per Putsch gestürzt worden, ist nicht nur arrogant, sondern auch scheinheilig. Wer verfolgt hat, wie sich die Muslimbrüderschaft sukzessive alle Machtpositionen gesichert hat, wie sie mit der undemokratisch zustande gekommenen Verfassung die Scharia einführen wollte, ein religiöses Gesetz, dem sich alle zu unterwerfen gehabt hätten, also auch die Kopten und die säkularen Aegypter, für den ist es keine Frage, dass es richtig war, diese Entwicklung noch rechtzeitig zu stoppen.
Ich bin weder Politik- noch Nahost-Expertin, ich kenne die Rolle der Muslimbrüderschaft im heiklen Umfeld des Nahen Ostens nicht. Wenn ich hier Stellung beziehe, dann aus der Überzeugung, dass alle Menschen das Recht auf Freiheit in einer demokratisch organisierten Gesellschaft haben. Und aus dieser Sicht war es richtig, Mursi abzusetzen. Obwohl er demokratisch gewählt wurde, von 52 Prozent, das heisst von der grösseren Hälfte der Bevölkerung. Aber das Vertrauen der andern Hälfte besass er nie wirklich, und den Kredit, den sie ihm trotzdem gab, hat er in kurzer Zeit verwirkt. Sogar das Vertrauen eines Teils derjenigen, die ihn gewählt haben. Tatsache ist: Das Kräfteverhältnis hat sich immer mehr zugunsten der Mursigegner verschoben. Denn eine demokratisch erfolgte Wahl ist noch lange kein Freischein, der es dem Präsidenten erlaubt, danach alle demokratischen Grundsätze zu missachten mit dem Ziel, die Scharia als Staatsdoktrin einzusetzen und dabei den Willen der Andersdenkenden zu ignorieren. Auf diesem Weg war Aegypten. Das hat jetzt das Volk mit Unterstützung des Militärs vorerst einmal verhindert.
Wie es weitergehen wird, ist offen. Das ist mir bewusst. Aber ich wünschte mir, dass der Westen nicht einfach abwartet, wie es ausgehen wird, um sich dann auf die Gewinnerseite zu schlagen, sondern dass er die Demokratiebewegung aktiv unterstützt, indem er ihre offiziellen Vertreter anerkennt.
Die Situation bleibt brandgefährlich. Auch weil noch nicht klar ist, was die ideologisch noch viel gefährlicheren Salafisten anrichten werden. Mein Bekannter sagt, dass sich trotzdem ein neuer Optimismus breit macht. Weil Armee und Polizei auf der Seite der Demokratiebewegung stehen. Das ist zumindest ein gutes Zeichen.
Sonntag, 30. Juni 2013
Fremdwörter sind oft ungenau
Sonntag, 16. Juni 2013
Unser täglich Lärm gib uns heute...
Kaum habe ich mich gemütlich eingerichtet, die ersten aggressiven Bässe aus einem langsam vorüber ziehenden, voll aufgedrehtem Kassettenrecorder… diese unangenehm aggressiven Bässe, die meinen gefühlten Blutdruck jedes Mal gefährlich steigen lassen… Nicht aufregen, denke ich, gleich sind sie weg, Richtung See…
Denkste! Ein paar Minuten später schon der nächste Sound… diesmal irgendwas Hardrockiges, selbstverständlich ebenfalls volle Pulle aufgedreht… als nächstes ein Auto mit geöffnetem Dach, arabischer Singsang erfüllt jetzt die Gegend… und so weiter…
Ich nehme an, sie sind alle jung, in Gruppen, ich kann sie nicht sehen nur hören, ihre Musik, ihre Stimmen, die den Lärm übertönen müssen, ihr Gelächter. Und sie mir vorstellen: Je nach Aggressivitätsgrad der Musik anders gekleidet, mal mit langen Haaren, mal kahl geschoren bis auf den stehen gelassenen, lächerlichen kleinen Büschel auf dem Kopf. Die Welt gehört ihnen, sie sind im Recht, was immer sie tun, wo immer sie stehen und gehen und ihre Duftmarke hinterlassen. Ob als Lärm oder als liegen gelassener Abfall. So scheint es mir jedenfalls manchmal und ich frage mich, ob ich langsam zu alt werde oder ob Rücksichtnahme tatsächlich nicht mehr zum Wortschatz der jungen Generation gehört.
Es ist nicht der alltägliche Lärm, der mich stört, weder die Autos, die vorbei fahren, noch das übliche Stimmengewirr, auch nicht das Schreien der Kinder, das ja manchmal auch ganz schön laut sein kann. Sogar die sporadischen Motorengeräusche eines Helikopters oder eines Lasters bringen mich nicht aus der Ruhe, denn dieser Lärm ist in der Regel unvermeidbar.
Mich stört ein ganz bestimmter Lärm, jener, der aus Gedankenlosigkeit entsteht, der sich mit ein bisschen mehr Rücksicht auf die Mitmenschen vermeiden liesse. So man denn wollte...
Aber eben: Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ...!
So habe ich mich mittlerweile an die langen und meist lautstarken Verabschiedungen nach Beizenschluss gewöhnt. Sogar an das Gekreisch der Teenies unter meinem Schlafzimmerfenster. Irgendwann verschwinden sie in die nächste Location oder nach Hause, denke ich dann. Aufregen nützt nichts, ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich in die Stadt zog. Also gehe ich jetzt einfach später ins Bett, stecke Pfropfen in beide Ohren und schliesse das Fenster, auch wenn’s noch so heiss ist draussen. Gegen Morgen lasse ich dann die frische Luft herein und schlafe noch eine Weile weiter. Vorausgesetzt ich habe Glück und es fährt gerade kein getunter Töff vorbei, dessen Lärm im umgekehrten Verhältnis zur Hirnmasse seines Fahrers stehen muss, und auch kein schnittiger BMW mit Turbomotor, an dessen Steuer ein Möchtegern-Macho sitzt, der sich bei seiner Begleiterin wichtig machen muss, weshalb die aufgedrehten Bässe schon zu hören sind, wenn das Auto noch kilometerweit entfernt ist.
Aber selbst daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Mein Schlaf wird zwar immer häufiger gestört, und das nicht nur in den Sommermonaten, aber ich hab’s ja so gewollt, ich wollte ja unbedingt in die Stadt, ich blöde Kuh. Ich könnte ja ausziehen und mir eine ruhige Wohnung auf dem Land suchen, wo ich mich dann über die Grillen, das frühmorgendliche Vogelkonzert oder das Kuhglockengebimmel ärgern kann…
Aber ich bin nun mal ein Stadtmensch. War es schon immer.
In letzter Zeit hat sich eingebürgert, bei offenem Fenster Wohnungspartys zu feiern. Mal in dem einen, dann wieder in einem andern Haus in der Nachbarschaft. Obwohl ich in einen Wohnquartier lebe und nicht etwa in der Ausgehmeile von Zürich. Diese Feste dauern selbstverständlich über die Polizeistunde hinaus bis in die frühen Morgenstunden, und wie bei Partys so üblich, wird die Stimmung von Stunde zu Stunde etwas ausgelassener und entsprechend lauter. Ich glaube nicht, dass sich die Feiernden bewusst sind, dass sie eine ganze Nachbarschaft belärmen. Ich bin sogar überzeugt, dass bei ihnen dieser Gedanke überhaupt gar nicht erst aufkommt.
Das bringt mich jedes Mal in einen Konflikt. Soll ich aufstehen, rüber gehen und denen sagen, dass sie doch so nett sein und das Fenster schliessen sollen, damit ich wieder schlafen kann. Aber ehrlich gesagt, da stinkt mir. Und ausserdem fehlt mir der Mut. Was ist, wenn ich die Einzige bin, die nicht schlafen kann? Ausserdem, würden sie mich überhaupt ernst nehmen? Wohl kaum. Sie würden mir vermutlich versprechen, dass es nicht wieder vorkommen wird, und dabei denken, die blöde Alte soll doch wegziehen, wenn es ihr nicht passt.
Ich gebe zu, ich hab schon daran gedacht, die Polizei zu rufen. Denn eigentlich wäre ich im Recht: Ab 22 bis 7 Uhr gilt laut Polizeiverordnung eigentlich Nachtruhe. Aber irgendwie halte ich mich dann doch nicht dafür. Ziemlich spiessig, die Polizei zu rufen, oder nicht? Und wer will schon als Spiesser gelten? Oder als nörgelnde Alte?
Wahrscheinlich werde ich mich auch noch an die Partys gewöhnen. Als ausgesprochen friedlicher und toleranter Mensch, der gerne alle so leben lässt, wie sie möchten, begnüge ich mich damit, meinen Ärger aufzuschreiben. So wie jetzt. Als Trost bleibt mir die Hoffnung, dass mit zunehmendem Alter auch mein ausgezeichnetes Hörvermögen abnehmen wird, über das ich zumindest jetzt noch verfüge und das ich besonders schätze, wenn ich beispielsweise Musik höre - auch mal laut, aber dann bei geschlossenem Fenster und sicher nicht mitten in der Nacht - oder im Wald den verschiedenen Lauten der Natur nachlausche.
Grüne Parteien beklagen den Privatverkehr und den Fluglärm, die SP verlangt mehr Freiraum für die Jungen und findet verständnisvolle Worte für jede noch so idiotische neue Mode, etwa den Botellon, die wohl eher aus Langeweile und zu viel als zu wenig Freiheit heraus entsteht. Denn die Jungen sind die zukünftigen Wähler. Mit ihnen will es sich keine Partei verderben.
Das ist mir natürlich bewusst. Trotzdem frage ich mich, ob eine Partei – es dürfte selbstverständlich auch eine so genannt bürgerliche sein - tatsächlich den Mut hätte, sich dem Schutz der städtischen Wohnbevölkerung vor dem ständig zunehmenden Lärm unserer überbordenden Spassgesellschaft anzunehmen. Auch wenn sie sich damit beim Gewerbe mit grosser Wahrscheinlichkeit und bei den Jungen garantiert unbeliebt machen würde.
Ist wohl bloss eine rhetorische Frage.