Samstag, 1. Dezember 2012

„Schluss mit dem Gequengel“…

…schreibt Birgit Schmid in ihrer Polemik über den Lifestyle-Feminismus - gross aufgemacht auf der Titelseite des heutigen TA-Magazins, illustriert mit einer schönen, jungen Frau, Typ Männertraum, samt dem perfekt geformten, mit dem langen, blonden Haar leicht verhüllten, nackten Busen. Vermutlich ein Mitglied der Femen, den ukrainischen Feministinnen, die öffentlichkeitswirksam gegen Sexismus protestieren und sich politisch für mehr Freiheit und Demokratie einsetzen.
Die Illustration ist wohl zur Untermalung gedacht… Moment... zu welcher Aussage denn jetzt…???
Nun ist eine Polemik explizit dazu da zu provozieren. Deutlich angekündigt im Untertitel:  „Warum das Gerede über benachteiligte Frauen nur noch nervt“. Also deute ich die seltsame Verknüpfung der optischen und der verbalen Aussage erst mal als gekonnten redaktionellen Trick, die Aufmerksamkeit sowohl der weiblichen als auch der männlichen Leserschaft zu gewinnen, und beschliesse, mich vorerst nicht zu ärgern.
Während des Lesens frage ich mich allerdings, wie alt Birgit Schmid wohl sein könnte. Ich schlage nach und erfahre - sofern ich sie richtig gegoogelt habe - dass sie vermutlich einer Generation Frauen angehört, die tatsächlich nicht mehr um ihre Rechte kämpfen musste, jedenfalls diejenigen unter ihnen nicht, für die alle Voraussetzungen schon da waren: Das Umfeld, in das sie geboren wurden, die Bildungschancen, die ihnen schon im Kindesalter zur Verfügung standen, die Branche, in der sie heute arbeiten und womöglich sogar den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit erhalten. Vielleicht steht ihnen eine Karriere in die oberste Etage offen und dazu noch ein Mann zur Seite, der bereit ist, die Arbeit im Haushalt und die Kindererziehung gleichverpflichtet zu übernehmen, sofern man diese Aufgaben nicht sowieso outsourced. Wo das alles zutrifft, kann man mit Fug und Recht behaupten, diese Frauen seien nicht benachteiligt. Es gibt sie tatsächlich. Aber: für wie viele gilt das?
Ich bin weder benachteiligt, noch zähle ich mich zu den Feministinnen. Jedenfalls nicht zu den Hardcore-Feministinnen, die jegliches Übel auf genderbedingte Ungerechtigkeiten zurückführen. Auch ich habe mich schon oft genervt über feministische Larmoyanz und Humorlosigkeit, über Klagen auf allzu hohem Niveau, über lächerliche Empfindlichkeiten, über unrealistische Forderungen auf der einen und die Verweigerung von Pflichten auf der andern Seite, über die einseitige Sichtweise mancher Feministinnen, die ausklammern, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer mit den Ungerechtigkeiten dieses Lebens konfrontiert sind. Und ich ärgere mich über die zunehmende Zahl von infantilisierten Frauen, denen Aussehen und Highheels wichtiger sind als Wissen und Verstehen. Die Liste liesse sich verlängern…
Es ist richtig, dass die Klagen westlicher Frauen lächerlich tönen im Vergleich zu den Ungeheuerlichkeiten, denen Frauen in vielen anderen Kulturen ausgesetzt sind. Es ist richtig, dass weder Gleichmacherei noch die Umkehrung ins Gegenteil der richtige Weg sein können. Und es ist auch richtig, dass es unter anderem eine Frage der Persönlichkeit ist, ob eine Frau sich für eine Karriere entscheidet oder eben lieber zu Hause bleibt und sich den Kindern und der Familie widmet… sofern sie die Möglichkeit dazu hat.
Was Birgit Schmid ausklammert: Wir Frauen bewegen uns nach wie vor auf dünnstem Eis. Das bisher Erreichte lässt sich zwar sehen, aber es ist längst noch nicht so verankert und gefestigt, dass es zur Selbstverständlichkeit geworden wäre. Nach wie vor fehlen vielerorts die infrastrukturellen Voraussetzungen, die es beiden Ehepartnern ermöglichen, wirklich frei zu entscheiden, wie sie sich nach der Geburt eines Kindes organisieren, nach wie vor ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit längst nicht überall gültig, nach wie vor werden Männer den Frauen vorgezogen, wenn es um Führungsaufgaben geht. Nach wie vor werden die Machtstrukturen dieser Welt von Männern gebaut. Nach wie vor prägt die männliche definierte Vorstellungswelt die Strukturen der Wirtschaft. Ein Beispiel dafür ist etwa die Behauptung, Führungsaufgaben liessen sich nicht teilen. Auch hier liesse sich die Liste verlängern.
Frauen und Männer sind anders. Sie werden in der Regel unterschiedlich sozialisiert und haben entsprechend unterschiedliche Sichtweisen. Zum Glück. Ich bestreite jedoch die evolutionspsychologische Theorie von der genetisch bedingten typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweise. Wir alle haben männlich und weiblich definierte Anlagen. Unsere Verhaltensweise ist nur zum Teil genetisch bedingt, zu einem grossen Teil ist sie anerzogen, und wahrscheinlich zum grössten Teil kulturbedingt. Und in unserer Kultur prägt nach wie vor die als männlich definierte Vorstellungswelt sowohl die Politik als auch die daraus resultierende gesellschaftliche Norm.
Die Frauen in der westlichen Welt haben gelernt, sich ihre Rechte zu erkämpfen. Das ist gut so. Aber von einer Gleichberechtigung, die immer auch eine Gleichverpflichtung ist, sind wir noch weit entfernt. Auch bei uns.
Damit die Frauen nachhaltig mitgestalten können, brauchen sie den selbstverständlichen Zugang zur Macht - zur politischen und wirtschaftlichen. Und zur institutionellen Macht, ganz besonders der kirchlichen, denn diese prägt die Moralvorstellung der jeweiligen Zeit, die sich wiederum in der gesellschaftlichen Norm festsetzt.
Politisch artikulierter Feminismus nervt nicht, nur falsch verstandener. Vielleicht meinte Birgit Schmid mit ihrer Kritik am modischen ,Lifestyle-Feminismus‘ ja genau das.

Montag, 19. November 2012

Offener Brief an Roger Köppel

Lieber Roger Köppel
Im heutigen Tagi schreiben Sie: „Das Geschäftsmodell der ,Weltwoche‘ ist die Wirklichkeit.“
Ich dachte, ich lese nicht richtig. Wie kann ein gebildeter, intellektueller Mensch wie Sie im Ernst eine so unbedarfte Äusserung machen, die den Widerspruch geradezu herausfordert, und das nicht nur im philosophischen Sinne?
Wenn Sie geschrieben hätten: die Weltwoche beschreibt eine Wirklichkeit, wie wir Journalistinnen und Journalisten der ,Weltwoche‘ sie als richtig befinden,  oder: die ,Weltwoche‘ beschreibt eine Wirklichkeit, wie ein grosser Teil der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land sie sieht, dann hätte man ihre Replik auf den Essay von Constantin Seibt ernst nehmen können.
Aber mit diesem letzten Satz disqualifizieren Sie sich selber.
Sie wissen also, was Wirklichkeit ist? Tatsächlich?
Dann gehen wir doch dieser „Wirklichkeit“ mal auf den Grund, indem wir Ihre Äusserungen Punkt für Punkt betrachten, im Sinne einer „verständnisorientierten Diskussion“, wie das so schön heisst.
Sie schreiben, die Weltwoche setze auf Fakten, und als Beweis listen Sie auf, was die Weltwoche „aufgedeckt“ habe. Ich will Ihre Meriten im einen oder anderen Fall gar nicht anzweifeln. Sie machen, was jede andere Zeitung auch macht: Sie recherchieren und decken Missstände auf, dort wo sie Sie vermuten. Sie vermuten sie allerdings auffällig oft genau dort, wo ausgerechnet die SVP sie auch vermutet. Zufall?
Ich unterstelle Ihnen nicht, Sie würden nicht recherchieren, aber wie das bei anderen Zeitungen eben auch so ist, basieren viele dieser sogenannten Recherchen letztlich auf Indiskretionen einer bestimmten Seite, die daran interessiert ist, dass über einen tatsächlichen oder angeblichen Missstand geschrieben wird. In dieser Beziehung sind Sie absolut keine Ausnahme.
Sie erwähnen den Fall Zuppiger. Wahrscheinlich um zu zeigen, wie unabhängig sie von der SVP sind. Für mich ist aber gerade dieses Beispiel ein Hinweis auf meine Vermutung, wie sehr die Weltwoche sich von der SVP instrumentalisieren lässt. Als bekannt wurde, dass Zuppiger für den Bundesrat kandidiert, habe ich einen Moment die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass der nach wie vor übermächtige Christoph Blocher dies zulässt. Einen Mann wie Zuppiger, der nicht unbedingt Blochers Gusto entsprach, wie man weiss, und von dem dieser mit Sicherheit wusste, dass die Medien irgendwann die Unterschlagungs-Geschichte aufgreifen würden, die ja früher bereits mal Thema in den Medien war. Was konnte also der Grund sein? Für mich gibt es nur eine Möglichkeit. Zuppiger war das Bauernopfer, mit dem man gleich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen konnte. Erstens war der ungeliebte Zuppiger ein für allemal ausgeschaltet und zweitens bekam die Weltwoche damit ihr weisses Mäntelchen verpasst.
Das entspreche nicht der Wirklichkeit, werden Sie jetzt sagen. Sind Sie sich so sicher?
Sie schreiben, wenn Seibt von „Fakten“ schreibe, meine er sich selbst. Gilt das nicht mindestens im gleichen Mass auch für Sie?
Sie bezeichnen Seibt als den Gralshüter des „Mainstreams“, unter dem Sie die „zufällig von einer Mehrheit der Journalisten für wahr gehaltene Beschreibung aktueller Themen“ verstehen. Mal abgesehen davon, dass der Begriff „Wahrheit“ in diesem Zusammenhang arg strapaziert wird, so stört mich in dieser Äusserung vor allem die Selbstgefälligkeit, mit der Sie offenbar für sich in Anspruch nehmen, im Besitz dieser sogenannten Wahrheit zu sein.
Sie schreiben: „Sie (die Journalisten) sind für Obama und gegen Romney, für Widmer-Schlumpf und gegen Blocher, für den Atomausstieg und gegen den menschengemachten Klimawandel, wobei sich die letzteren beiden Ansätze widersprechen, was aber keine Rolle spielt, weil es die Mehrheit ähnlich sieht und deshalb nicht so genau hinschaut.“
Mit andern Worten: Man muss gegen Obama und für Romney sein, gegen Widmer-Schlumpf und für Blocher, gegen den Atomausstieg und für den menschengemachten Klimawandel (sic!), (sagen Sie mir mal, wie Sie das genau meinen...).
Wer die Wirklichkeit so sieht, wie Sie, ist also auf der Seite der Wahrheit?
Es sei Ihnen unbenommen, Romney als den besseren Präsidenten zu sehen oder Widmer-Schlumpf zum Feindbild zu machen. Sie können gerne gegen den Atomausstieg sein und den Klimawandel als Tatsache anerkennen oder nicht. Aber bitte, nehmen Sie nicht für sich in Anspruch, Sie seien im Besitz der Wahrheit. Was Sie vertreten ist eine politische Meinung  - und zwar eine eindeutige, zumindest das muss man Ihnen lassen. Richtig ist, dass guter Journalismus nicht darin besteht, immer das zu bestätigen, was die Mehrheit, was das journalistische und politische Establishment für die Wahrheit halten. Aber wenn Sie gleich darauf schreiben, ein Journalist, der seinen Job gut mache, müsse die Einsamkeit aushalten, in der er sich manchmal hineinschreibe, dann kommen wir doch tatsächlich die Tränen.
Das erinnert mich ganz stark an die Mission vom rechten und falschen Weg auf dem Wandbild der Familie Blocher. Wissen Sie eigentlich, dass Sie auf dem besten Weg sind, Mitglied einer Sekte zu werden?
Sie rollen weiter den Fall Hildebrand auf und brüsten sich mit den Fakten, welche die „Weltwoche“ aufgedeckt habe. Mit Verlaub. Die „Weltwoche“ war das Sprachrohr für einen Coup, der längst vorbereitet gewesen war. Brüsten Sie sich also nicht mit einer Leistung, die - genau besehen - keine besondere war. Nicht einmal in publizistischer Hinsicht. Denn mit der Veröffentlichung haben Sie wiederum ihr eigenes Publikum bestens bedient. Dafür braucht es keinen Mut.
Sie bezeichnen Constantin Seibt als „Meinungsjournalist“. Ja Herrgott! Was sind SIE denn???
Dann schreiben Sie, die „Weltwoche“ verfolge keine politische Mission, sondern pflege das journalistische Handwerk der Recherche und des kritischen Hinterfragens usw. Lieber Roger Köppel, das machen alle ernsthaften Journalisten in allen Medien. Dass es die Anderen auch gibt, darin sind wir uns einig. Trotzdem hat ihr Selbstlob in diesem Zusammenhang schon fast etwas Lächerliches, wäre es nicht so anmassend.
Sie schreiben, die „Weltwoche“ setze sich, auf der Grundlage von Fakten, bewusst für die urdemokratische Tugend der Meinungsvielfalt ein, weil es in einer Demokratie schlecht herauskomme, „wenn alle das Gleiche schreiben, denken und sagen“.
In diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Schreiben Sie in der Weltwoche, was Sie für richtig empfinden. Das trägt zur politischen Diskussion und zur Meinungsbildung bei. Es ist dabei Ihr gutes Recht, eine politische Haltung zu vertreten, die ganz offensichtlich nicht derjenigen der Mehrheit dieses Volkes, sondern laut Wahlen bloss rund 30 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung entspricht.
Und schliesslich noch zum politischen Journalismus. Sie schreiben, dieser bedeute Skepsis, Misstrauen und die Kunst des fundierten Zweifels in Gestalt der Recherche. Richtig. Dann zweifeln Sie aber bitte auch an der eigenen Sicht der Dinge. Erst das macht Sie wirklich glaubwürdig.
Das Geschäftsmodell der „Weltwoche“ sei die Wirklichkeit, schreiben Sie. Lieber Herr Köppel, es handelt sich dabei lediglich um IHRE Wirklichkeit. Meine ist eine andere.

Sonntag, 11. November 2012

More than Honey

„It sounds money“, kommentiert der amerikanische Imker genüsslich das Summen der Bienen. Treffender hätte er sein Verhältnis zu seiner industriell betriebenen Imkerei nicht beschreiben können. Dass dabei ganze Bienenvölker elendiglich zu Grunde gehen, dass ihr Immunsystem durch Stress, Viren und andere Krankheiten geschädigt wird, was irgendwann zum Aussterben der Bienen führen wird, wenn kein Umdenken passiert, das nimmt er bedauernd in Kauf. Schliesslich geht‘s um Geld.
Um Geld geht es auch dem Mandelzüchter, der seine Monoplantagen tagsüber mit Gift spritzen lässt, genau dann, wenn die Bienen von Blüte zu Blüte fliegen und für seine reiche Ernte sorgen. Würde er sein Gift nachts versprühen, wären die Bienen wenigstens nicht unterwegs, das Sterben wäre nicht so brutal und ein Teil der Bienen könnte gesund überleben. Zum Segen der Menschen. Aber so weit zu denken ist offenbar eine zu grosse intellektuelle Herausforderung. Wahrscheinlicher ist jedoch die Annahme, dass diesen beiden erfolgreichen Geschäftsherren die Welt egal ist, die sie hinterlassen werden. Hauptsache, sie verdienen gutes Geld. Jetzt. „We are capitalists“, sagt der Imker. Lachend.
Was passiert, wenn die Bienen von Pestiziden und Isektiziden ausgerottet sind, zeigt die Sequenz über eine Gegend in China. Die Blüten werden dort von Hand gesammelt, deren Pollen extrahiert, in Päckchen verpackt und an die Landwirtschaft verkauft, wo wiederum ganze Armeen von LandarbeiterInnen unterwegs sind mit ihren Pollenpäckchen, in die sie ein Stäbchen eintauchen um es in danach an jeder einzelnen Blüte der Baumkulturen abzustreifen. Denn ohne befruchtete Blüte keine Nahrung. Die Universität in Peking hat herausgefunden, dass die Bienen im Bestäuben effizienter sind als die Menschen. Man staune…
Es gibt auch Hoffnungsvolles. Vom (ebenfalls amerikanischen) Imker, der sich auf Killerbienen spezialisiert hat, über diese Tiere mit dem grössten Respekt spricht und sie entsprechend behandelt. Und der bewundernd akzeptiert, wenn eines seiner Bienenvölker eines Morgens davon gezogen ist und sich einen Ort gesucht hat, wo kein Mensch mehr hinkommt. Oder Rührendes. Vom Ätti aus dem Berner Oberland, der seine Landbienen gerne rassenrein halten möchte und einsehen muss, dass er seine heile Bergwelt nicht vom Eindringen „fremder Fötzel“ bewahren kann. Und der die schmerzliche Erfahrung machen muss, dass er auch seine rassenreinen Bienen nicht davor schützen kann, krank zu werden.
Man sagt, dass zuerst die Bienen und dann die Menschen sterben. Das kann man wörtlich nehmen oder als Aussage zum Zustand unserer Welt. Ein eindrücklicher Film, der sehr, sehr nachdenklich stimmt.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Mein erster Roman!

Das Buch liest sich wie ein Krimi und ist doch keiner. Denn alles könnte ganz anders sein, als man denkt. Auch die weisse Gestalt im Bild, aus dem Nichts kommend ins Nichts verschwindend…
"Das Bild" ist ein Buch über die Ambivalenz des Lebens und der Liebe. Über Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Über Beziehungen. Zwischen Paul, dem Maler des Bildes, und drei Frauen: Alma, seiner Lebenspartnerin, Lisa, seiner ersten Liebe, und Mona, mit der er eine leidenschaftliche Affäre hatte. Und zwischen den drei Frauen, die so verschieden sind und doch untrennbar miteinander verbunden.
Es ist die Geschichte dreier Lebensentwürfe von Frauen, denen Möglichkeiten offenstanden, die ihre Mütter für sie nicht vorgesehen hatten. Die jetzt zurückblicken, kurz vor der Pensionierung, an der Grenze zum Altwerden. Sie erinnern sich an Brüche in ihrem Leben. Brüche, die nicht nur das Leben verändern, sondern sich prägend auf die Vorstellungswelt auswirken. Eine Vorstellungswelt, die manchmal so ganz anders aussieht als die Realität. Oder die vermeintliche Realität.
Und es ist die Geschichte der Selbstfindung von Alma, von der Paul das Bild "Die Göttin" zurückhaben will. "Die Göttin", von der sie glaubt, sie sei ihre Idee gewesen… Das Buch erscheint am 1. März 2013 im Xanthippe-Verlag in Zürich. www.xanthippe.ch

Dienstag, 18. September 2012

Ein Hype der Schadenfreude

Wer mag schon Christoph Mörgeli? Wahrscheinlich ist er nicht einmal in seiner eigenen Partei besonders beliebt. Das ist auch kein Wunder, denn ein Mensch wie er, der so keine Hemmungen kennt, Andere zu verletzen und öffentlich zu beleidigen, muss sich nicht wundern, wenn er selber auch nicht geschont wird.
Ich gebe zu, Christoph Mörgeli ist für mich ein rotes Tuch. Nicht, weil er vollkommen entgegengesetzte politische Ansichten vertritt. Nicht, weil er zu den Vordenkern einer Partei gehört, die sich als Vertreterin des „Volkes“ bezeichnet und die Anderen, die nicht der gleichen Meinung sind, d.h. eigentlich die Mehrheit dieses „Volkes“, immer wieder diffamiert. Das ist Politik. Es ist Mörgelis Art der herablassenden Häme, die ich nicht goutiere. Und ganz bestimmt geht es nicht nur mir so. Deshalb ist die Schadenfreude nicht verwunderlich, wie sie sich kurz nach der Veröffentlichung des vernichtenden Berichts über seine Arbeitsleistung breit machte. Sie gehört zu den menschlichen Reaktionen, für die man sich im Nachhinein schämt.
Aber richtig ist auch - und das wissen wir alle: Die Art, wie dieser Bericht an die Öffentlichkeit gelangt ist, wirft Fragen auf. Zum Beispiel, wie und warum der Bericht vorzeitig aus dem Kreis gelangt ist, der ihn eigentlich vertraulich hätte behandeln müssen. Eine Mitarbeiterbeurteilung gehört nicht an die Öffentlichkeit, auch wenn es sich um eine öffentliche Person wie Christoph Mörgeli handelt. Seine Persönlichkeitsrechte wurden damit verletzt und das ist nicht korrekt. Ausserdem untergräbt es die Glaubwürdigkeit und wirft ein schiefes Licht auf alle, die daran beteiligt sind.
Wer trägt die Verantwortung? Der Whistleblower - wie ein Informant, der eine Indiskretion begeht, heute neudeutsch heisst? Was meint dazu die SVP, die den Whistleblower im Fall Hildebrand verteidigt? Oder die Presse, die von der SVP immer wieder dazu aufgerufen wurde, ungeschönt aufzudecken - wenn es um die Andern ging? Muss ein Bericht, der der Presse zugespielt wird, unbedingt veröffentlicht werden? Trägt die Presse die Verantwortung, die Persönlichkeitsrechte zu schützen?
Was nach Veröffentlichung im TA geschah, war ein ausgewachsener Medienhype - mit allem Drum und Dran - auch den Spekulationen wie etwa der Meldung im "Sonntag" über die bevorstehende fristlose Entlassung, die ohne Quellenangabe nicht hätte erfolgen dürfen. Solche Hypes sind immer fragwürdig. Auch wenn man ihnen - im ersten Moment - nur zu gerne erliegt. Viele müssen sich da wohl an der Nase nehmen. Auch ich.
Neben aller Selbstkritik: Ein neuer Chef, der eine Mitarbeiterbeurteilung anordnet ist grundsätzlich im Recht. Unter der Voraussetzung, dass die in der Beurteilung beschriebene massive Kritik zutrifft wäre für mich unverständlich, wenn Christoph Mörgeli nicht entlassen würde. Und ich spreche jetzt auch mal „im Namen des gewöhnlichen Volkes“, das heisst im Namen aller gewöhnlichen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich nicht leisten können, ihre Arbeit zu vernachlässigen, weil sie sonst ohne Wenn und Aber entlassen werden.
Trotz aller Vorbehalte, wie es gelaufen ist: Mein Mitleid mit Christoph Mörgeli hält sich in Grenzen. Denn dass er jetzt nicht geschont wird, ist unschön, aber auch selbst verschuldet. Er ist in eine Situation geraten, die er - würde es sich um einen politischen Gegner handeln -, ohne Zweifel gnadenlos ausnützen würde. Es ist schlimm, wenn der Ruf eines Menschen zerstört wird, aber noch schlimmer ist es, wenn eine Existenz damit zugrunde geht. Das ist bei Mörgeli ganz bestimmt nicht der Fall. Dazu hat er zu viele einflussreiche Gönner.
Deshalb: Das Mitleid behalte ich mir vor für Menschen, die für ihr Leid nichts können und denen in der Regel nicht geholfen wird.

Freitag, 14. September 2012

Wir alle sind Doppelmoralisten

Kürzlich hat sich Markus Gisler in der AZ über die Doppelmoral der Amerikaner ausgelassen, die den „Verräter“ Bradley Birkenfeld per Gerichtsurteil zum Millionär machte, (wenn er es nicht schon war, denn „Wer da hat, dem wird gegeben“, nicht wahr..?).
Wir empören uns: über die ganz grossen und die kleinen „Ungerechtigkeiten“, manchmal zu Unrecht über bloss vermeintliche Skandale und manchmal zu Recht über unfassbare Dinge, wie zum Beispiel die religiös motivierte Gewalt. Rollt die Welle der Empörung an, sind wir alle irgendwie mittendrin, die einen am Stammtisch, die andern zu Hause am Familientisch oder allein vor dem Fernseher, unter Kollegen bei der Arbeit und ganz besonders und vor allem in den Social Media. Einen Tag lang flattern dann die Twitter wie aufgeschreckte Hühner im Stall herum, bis sich die Aufregung legt, so lange, bis das nächste Skandälchen wieder etwas Leben in die Bude bringt.
Ich empöre mich auch - manchmal völlig unnötigerweise, manchmal zu Recht. Und dann ärgere ich mich über all diese Doppelmoralisten, die ihren Senf dazu geben. Und vor allem ärgere ich mich über mich, weil ich genauso dazu gehöre. Wie gerade jetzt. Denn ich schreibe ja nicht, weil ich gerade nichts anderes zu tun habe, ich schreibe es auf, weil ich meine Meinung kund tun will. Irgendwie. Obwohl mir vollkommen bewusst ist, dass im Grunde genommen niemand auf meine Meinung gewartet hat. Oder vielleicht gerade deshalb? Legitimiere ich meine virtuelle Existenz, indem ich mich immer wieder mal bemerkbar mache?
Es wäre zutiefst beunruhigend, wenn Menschen sich nicht über die Ungerechtigkeit empörten. Das würde bedeuten, dass es keine Empathie gäbe. Doch es gibt die Empathie, wissenschaftlich erwiesen, also kann man davon ausgehen, dass die Empörung in den meisten Fällen echt ist. Im Moment. Aber wenn die Empörung nur so lange dauert, bis sie getwittert ist, dann ist das eben keine Empörung, dann ist das bloss das übliche „Dampf ablassen“. Sozusagen die tägliche Seelenhygiene. Oder das Buhlen um Aufmerksamkeit. Oder ein Spiel, ein durchaus lustvolles manchmal, wie ich zugeben muss.

Um auf den Ärger von Markus Gisler zurück zu kommen: Er wirft der amerikanischen Justizbehörde vor, sie setze ein falsches Signal. Wenn der Staat schon ein solches Unrecht begehe, weil es ihm nütze, dann werde auch jeder Bürger und jede Bürgerin genau so handeln, nach dem Prinzip, „erst mein Vorteil, dann die Moral“. Ja, sagen Sie mal, Herr Gisler, ist es denn irgendwo auf der Welt anders?? „Der Staat“, resp. seine Vertreter, handeln Verträge aus, die dem „Staat“ nützen, Unternehmen, resp. deren Vertreter, planen, was dem Unternehmen nützt, die „Kirchen“ behaupten im Namen ihrer Religionen, was ihnen nützt, Parteivertreter erzählen, was der Partei nützt, usw. Die Menschen machen (und glauben), was ihnen nützt - (mal abgesehen von den wenigen wahrhaften Altruisten, die nie zuerst an sich denken.) Beinahe alles, was wir tun, geht auf Kosten von irgend jemand oder irgend etwas Anderem. Also sind wir alle irgendwie Doppelmoralisten.
Wo zu also die Empörung? Ich denke schon, dass sie wichtig ist. Ihr Gegenteil wäre die Gleichgültigkeit, und die wäre noch fataler. Das Problem ist nur, dass Empörung allein noch keine Wirkung hat. Auch nicht die getwitterte. Trotzdem ist das „Dampf ablassen“ manchmal richtig. Es zeigt uns, dass wir mit unserer Empörung nicht allein sind.
A propos. Ich empöre mich gerade über diesen scheissdummen Film, über die Tatsache, dass ein koptischer Christ, offenbar ein Ägypter, sich als Jude ausgibt, um noch ein bisschen zusätzlich zu schüren, über die Tatsache, dass auch ein evangelikaler Pastor mitgemischt hat - auch wenn es mich nicht erstaunt... Aber ich empöre mich auch über diese unsäglichen religiösen Fanatiker, die jetzt dieses schmierige Filmchen zum Anlass nehmen, einen Flächenbrand in Gang zu setzen. Und ich empöre mich darüber, dass sich viel zu wenig auch darüber empören. Und ich empöre mich darüber, dass man nicht darüber sprechen kann, dass die Welt ohne Religion wahrscheinlich besser würde.

Dienstag, 11. September 2012

Bloss eine Frage des Alters?

Ich mag keinen Lärm. Schon als Kind nicht. Wenn es mir zu bunt wurde, flüchtete ich auf die Treppe des Hühnerstalls, wo mich niemand störte. Als Teenager liebte ich die Beatles und die Rolling stones - ja, beide -, aber damals ging es auch noch um Musik, und man drehte die Bässe noch nicht so auf, bis die Gedärme zittern.
Ich weiss nicht, wie das Andern geht. Ich hasse diese lauten Bässe. Ich werde wütend, wenn ein selbstverliebter Gockel mit geöffnetem Fenster und aufgestützten Ellbogen im Auto heranfährt und ich die Bässe kilometerlang vorher schon hören muss - unfreiwillig, versteht sich. Die Bässe schlagen gegen meinen Herzrhythmus, sie stören meinen Lebensfluss, irritieren mich, besonders nachts, sie machen mich irgendwie krank. Merke nur ich das?
In letzter Zeit macht sich ein neuer Trend bemerkbar: Junge Leute ziehen ihre riesigen Verstärker auf Rädern wie einen Rollkoffer hinter sich nach. Dazu lassen sie ihre für meine Ohren ziemlich einfältige Pum-pum-Musik auf voller Lautstärke dröhnen - auch nachts. Ich finde das, gelinde gesagt, eine Zumutung. Bin ich die Einzige? Bin ich bloss zu alt, die Jugend zu verstehen?
Bin ich die Einzige, die manchmal denkt, dass viele Jugendliche in der Schweiz verwöhnt sind und nicht mehr gelernt haben, Rücksicht auf die übrigen Mitglieder der Gesellschaft zu nehmen? In Bern demonstrieren junge Leute für mehr Partyräume. Ist das zu fassen? Ist denn ihr Leben so armselig geworden? Haben sie nichts anderes mehr, wofür sie sie sich einsetzen können?
Zugegeben, meine Generation war wohl die glücklichste aller Zeiten. Als wir jung waren, dachten wir, wir könnten die Welt verändern. Wir gingen auf die Strasse, politisierten für eine bessere Welt - selbstverständlich, was wir darunter verstanden. Wir waren wild und unsere Rebellion schoss häufig übers Ziel hinaus, aber wir nahmen teil, engagierten uns und fühlten als wichtige Mitglieder der Gesellschaft. Unsere Motivation, auf die Strasse zu gehen, war eine ganz Andere als heute. Besonders von uns Frauen. Aufgewachsen sind wir häufig in Elternhäusern, wo vor allem Verbote herrschten, in einer Gesellschaft, wo tradierte Wertvorstellungen galten mit klaren Rollenverteilungen. Die Freiheit, die heute so selbstverständlich ist, mussten wir uns erst erkämpfen. Eine gesellschaftliche Freiheit, deren Wert und Bedeutung viele junge Menschen heute kaum noch erahnen.
Es ist nicht die Schuld der jungen Menschen, die denken, sie hätten das Recht, sich alles zu erlauben. Es ist die Schuld der Eltern, die keine Grenzen mehr setzen. Und ein bisschen ist es auch die Schuld meiner Generation, die ihre Kinder zu solchen Eltern erzogen hat. Zu egoistischen Eltern, die sich nur noch um das individuelle Fortkommen und nicht um ihre Verantwortung in der Gesellschaft kümmern. Woher sollten es ihre Kinder lernen?
Wenn ich lese, wie viele Schüler in Deutschland heute glauben, unter Hitler sei Deutschland eine Demokratie gewesen, wenn ich lese, dass in islamischen Ländern Hitler als grosser Staatsmann verehrt wird und wenn ich an die rassistischen Entgleisungen von SVP-Mitgliedern denke, erschrecke ich. Wenn im Zeitalter der überall zugänglichen Informationen das allgemeine Wissen derart dramatisch abnimmt, bekomme ich Angst. Es gäbe so viel, wofür sich die jungen Menschen heute einsetzen könnten, nicht nur in den Nahost-Staaten, wo die ersten zaghaften Versuche für eine demokratischere Gesellschaft schon wieder zu scheitern drohen.
Es ist eine banale Tatsache: Die eigene Freiheit darf nur soweit gehen, als sie die Freiheit des Andern nicht einschränkt. Eine Gesellschaft braucht eine kritische Jugend, die sich für ihre Anliegen einsetzt. Aber nicht für Partys. Oder für Botellóns.
Und jetzt bin ich wieder beim Lärm. Muss es wirklich immer so laut sein? Ist meine Überempfindlichkeit auf unnötigen Lärm, den ich als Respektlosigkeit mir gegenüber empfinde - mir und allen andern, die den Lärm auch nicht mögen -, ist das bloss eine Frage des Alters?