Sonntag, 8. Juli 2012

Twittern macht Spass - mit Mass

Lieber I. Wer hätte das gedacht! Ich twittere und habe Spass daran. Während ich den Nutzen von Facebook noch nicht richtig erkannt habe, sehe ich im Twittern tatsächlich einen Gewinn.  Was ich nicht wusste: Redaktionen twittern ihre neuesten Artikel samt Link, den ich dann öffnen und lesen kann. Eine Selektion zwar, aber immerhin. Den Spiegel kaufe ich nicht mehr, ist mir zu dick, immer alles online durchzuchecken, ist mir zu zeitaufwändig, aber auf diese Weise komme ich wieder an den intelligenten, bitterbösen, sprachwitzigen und gnadenlos sezierenden Blog von Sybille Berg. Zum Beispiel. Oder ich kann - wenn ich will - die breaking news von CNN (ver)folgen - und wenn es mir zuviel wird, auch wieder "entfolgen". Oder ich kann mir Journalisten aussuchen, die ich schätze und deren Artikel oder auch Empfehlungen zu einem Thema, das mich interessiert, via Twitter lesen. Sollte ich das Bedrüfnis haben, ihn weiter zu empfehlen, weil ich ihn so hervorragend oder so treffend oder so wichtig finde, kann ich diesen Artikel dann an meine "Followers" - sofern ich welche habe - twittern. So funktioniert das also.
Aber es ist noch viel spannender: Vorgestern und gestern war ich sozusagen an den Klagenfurter Literturtagen dabei, ohne dass ich mir die selten wirklich fesselnden Texte der Autoren anhören musste, die sich erhoffen, von der erlauchten Jury in den literarischen Bedeutungsolymp aufgenommen zu werden - samt eternem Ruhm, versteht sich. Und das funktioniert dann so: Unter dem Namen @literaturclub hat jemand - wer das ist, weiss ich nicht, aber er ist offensichtlich ein Literaturkenner - laufend kommentiert, was gerade gelesen oder von der Jury diskutiert wurde - und zwar auf eine ausgesprochen launige und witzige Art. Das reichte von Einschätzungen zum Text, über Stellen, die der Twitterer in positivem oder negativem Sinn kommentierte, über Zitate von Jurymitgliedern während der Diskussion bis zur Beschreibung der Bluse der Frau Strigl... ;)) Richtig witzig und unterhaltend. Statt dass ich den lieben, langen Tag am Fernsehen zugeschaut - wenn ich denn gewollt  - und mich dabei mit grösster Wahrscheinlichkeit gelangweilt hätte, konnte ich über Mittag schnell das Live-Gezwitscher lesen und war auf höchst vergnügliche Weise aufdatiert, was so gelaufen ist. Toll!!!
Wie sehr man doch in seinen Vorurteilen festgefahren ist. Kürzlich hat mich eine ehemalige Kolleging besucht und mir vom Twittern geschwärmt. Ich dachte, soll sie doch, für mich ist das nichts. Was interessiert es mich, welches Mitteilungsbedürfnis Promi X oder Politikerin XY gerade so plagt. Aber mich hat dann doch der Gwunder gestochen und ich habs einfach mal ausprobiert. Ich ar ohnehin neugierig, wie es funktioniert. Vor allem, weil Twitter in den arabischen Jugendbewegungen eine so grosse Rolle spielt. Ausserdem sollte man, oder besser frau, sich sowieso für diese Dinge interessiren, wenn sie im Pensionsalter noch einigermassen à jour bleiben und nicht plötzlich den Draht zur (sogenannten, ich weiss) Welt verlieren will. Immerhin kann ich jetzt von mir behaupten zu wissen, wovon ich rede. Im Gegensatz zu den meisten, die über Twitter lästern.
Zufälligerweise war dann am folgenden Sonntag ein Interview mit Sherry Turkle, Professorin am MIT und "Cyber-Diva" im Tagi-Magazin. Sie warnt - zu Recht - vor der Vereinsamung und vor der Verdummung durch Social Media. Tatsächlich sind wir dabei, den direkten Zugang zu unseren Mitmenschen zu verlieren. Und da denke ich eben nicht nur an die Kinder, die nur noch via iphone kommunizieren, sondern noch viel mehr an die Erwachsenen, die sich in der individualisierten Gesellschaft nur noch um sich selbst kümmern (mich nicht ausgenommen). Wir sind von den rasend schnell sich erneuernden und weltweit verbreitenden Möglichkeiten, die sich uns bieten, überrollt worden und haben nicht mit der gleichen Geschwindigkeit gelernt, damit umzugehen. Es gibt immer mehr und immer Neues - und tatsächlich auch Spannendes - zu entdecken, aber wir geraten so immer mehr in Zeitnot, die uns davon abhält, das reale Leben zu leben oder zu tun, was wir eigentlich tun wollten oder tun sollten (so, wie ich jetzt, ich sollte an meinem Buch weiterschreiben...).
Ich weiss nicht, ob wir, d.h. unsere Generation die überforderte ist oder die unserer Kinder und Enkel. Ich weiss nur, dass wir wieder lernen müssen, uns auf die wichtigen Dinge zu fokussieren. Und das bedeutet, eine Auswahl zu treffen. Gerade das fällt schwer bei der unendlichen Angebotsvielfalt. Ich weiss aber auch: Rückzug ist nicht die Lösung. Ich für mich habe es, so glaube ich wenigstens, einigermassen im Griff. Ich beschränke mich auf die Dinge, die mir wichtig sind, meistens jedenfalls, und bleibe trotzdem offen für Neues. Aber ich bin in einem Alter, in dem ich es mir leisten kann. Das Gestalten der Zukunft muss ich den Jungen überlassen. Und das ist gut so.

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