Sonntag, 28. April 2013

Was ist Literatur?

Ein Essay
„Was ist denn überhaupt Literatur?“ antworten mir die Leute, wenn ich ihnen sage, ich habe einen Roman geschrieben, ein belletristisches Buch, aber keine Literatur.
Ja, was ist Literatur? Als ehemalige Buchhändlerin bin ich durchschnittsgebildet, habe vieles richtig, manches nur oberflächlich gelesen. Was damals als „Literatur“ zu unserer Pflichtlektüre gehörte, war mir (damals) meistens zu anstrengend oder besser – zu langweilig. Also las ich es quer, dazu den Klappentext und ein bisschen Sekundärliteratur, die mich darüber aufklärte, worum es ging. Ich verliess mich auf das Urteil der Literaturgebildeten, die es ja wissen mussten. Ab und zu überraschte mich eines dieser Werke aus dem klassischen literarischen Olymp, weil es mich – wie man so schön sagt – plötzlich hineingezogen hat. Bei Kafka passierte mir das manchmal, bei Goethe nie. Ausser bei einzelnen Gedichten…
Nun weiss ich natürlich, dass Goethe DIE literarische Grösse der deutschen Literatur ist, ein Universalgelehrter seiner Zeit und ein Denker dazu. Ich beneide alle, die seine Werke tatsächlich und erst noch mit Genuss gelesen haben. Mir will das auch heute – 40 Jahre nach meiner Ausbildung als Buchhändlerin – noch immer nicht so recht gelingen. Wenn ich mir ab und zu wieder mal ein Werk aus dem klassischen deutschen literarischen Olymp vornehme, bleibt es meistens bei der selbst auferlegten Anstrengung zwecks Bildungsambitionen, die mir ein Leben lang als unerledigte Pendenz auf der Seele liegen. Noch viel mehr Mühe bekunde ich mit Thomas Mann, einem weiteren Gott der deutschen Literatur. In seinen Büchern langweile ich mich zu Tode. Obwohl ich die Buddenbrocks ein ganz grossartiges Werk finde und mir dessen Bedeutung vollkommen bewusst ist. Und obwohl ich den „Tod in Venedig“ noch immer als einen der schönsten Filme in Erinnerung habe, die ich je gesehen habe. Aber eben als Film…
Selbstverständlich liegt das an mir. Ich bin keine Intellektuelle, meine geistigen Fähigkeiten entsprechen dem Durchschnitt, meine Bildung ebenfalls. Aber ich lese vermutlich etwas mehr als – statistisch gesehen - die durchschnittliche Bevölkerung liest. Legitimiert mich das, über die Frage nachzudenken, was Literatur sei? Ich weiss es nicht. Trotzdem versuche ich es. Auch auf die Gefahr hin, mich zu irren.
Also, was ist Literatur? Goethe, Schiller, Kafka und all die andern Berühmten, die ins Pflichtprogramm gehörten…, ja klar, ihre Werke gehören dazu! Um das zu wissen muss ich nicht einmal gebildet sein. Und sonst? Was ist mit der heutigen Literatur? Was macht ein Buch zu einem literarischen Werk? Wann ist es Literatur, wann bloss Unterhaltung? Wobei ich „bloss“ vorerst einmal in Anführungszeichen setzen möchte. Denn was spricht eigentlich gegen Unterhaltung? Sofern sie gut ist. Aber was ist gut? Wer entscheidet, was gute und was schlechte Unterhaltung ist? Entscheidet die Masse des Publikums? Ist eine Unterhaltung bereits gut, nur weil sie ein grosses Publikum hat? Die Frage zu stellen, heisst hier natürlich, sie zu verneinen. Aber sind all die Andern, die sich dieser Masse nicht anschliessen, tatsächlich der Gradmesser für Qualität? Wenn ja, warum? Weil sie nach einmal aufgestellten Kriterien urteilen oder nach selber definierten Kriterien? Oder einfach entsprechend ihrem persönlichen Empfinden oder ihrem persönlichen Geschmack?
Es ist richtig und gut, sich auf festgelegte Kriterien verlassen zu können. Bildung ist so ein festgelegtes Kriterium. Aber bedeutet literarische Bildung auch, erkennen zu können, ob es sich bei einem noch nie da gewesenen Text um einen literarischen oder eben „bloss“ um Unterhaltung handelt. Genügt Bildung um zu wissen, was Literatur ist?
Bei Wikipedia heisst es: „Die öffentliche Literaturdiskussion ist auf Werke ausgerichtet, denen Bedeutung als „Kunst“ zugesprochen werden könnte, und die man im selben Moment von Trivialliteratur, von ähnlichen Werken ohne vergleichbare „literarische“, sprich künstlerische, Qualität, abgrenzt.“
Literatur im engen Sinne bedeutet also Kunst. Der Literat ist also – wie der Maler in der bildenden Kunst oder der Komponist in der Musik – ein Kunstschaffender. Das heisst, jemand, der die Sprache als Werkzeug benutzt, um Kunst zu schaffen. Und gleich drängt sich die Frage auf: Was ist Kunst?
Ist das Besetzen eines Schädels mit Diamanten Kunst??? Ich weiss es nicht. Aber ich bin ja auch keine Kunstsachverständige. Ich habe nicht das nötige Wissen, um diese Frage schlüssig beurteilen zu können. Aber kann man sie überhaupt schlüssig beurteilen? Wann wird eine Idee zur Kunst? Genügt dafür die originelle Idee? Entscheidet nur noch der Markt – oder besser das geschickte Marketing - was Kunst ist? Wird das, was der Markt zur Kunst erhebt, auf lange Sicht Bestand haben? Wenn nicht, war es dann überhaupt einmal Kunst? Wie wichtig ist das Handwerk noch, wenn alles digitalisiert hergestellt werden kann?
Auch wem Picasso nicht gefällt, der muss zugeben, dass dessen Werk einzigartig ist. Ist es also die Einzigartigkeit? Ist es Kunst, wenn das Werk die unverkennbare Handschrift des Künstlers trägt? Hier folgt die Frage, was macht seine Handschrift so einzigartig? Sicher, die Originalität, hier im Sinne der Authentizität. Niemand sonst, könnte es genau so und nicht anders ausdrücken. Aber ist das schon alles? Braucht es nicht noch etwas mehr, damit Malen, Komponieren, Schreiben zur Kunst wird?
Die Frage wird einfacher zu beantworten, wenn man an die Millionen von Menschen denkt, die malen, komponieren und schreiben. Die es gar nicht so schlecht machen. Manchmal sogar ganz gut. Oder vielleicht sogar sehr gut. Und die doch niemals dazu ausersehen sind, irgendwann einmal ein Kunstwerk zu schaffen. Eines, das Bestand hat.
Ein Kunstwerk enthält mehr. Ich versuche mal ein paar Punkte aufzuzählen, die meiner Ansicht nach zwingend sind, um aus einem Werk ein Kunstwerk zu machen:
- Ein Kunstwerk enthält die meisterliche Beherrschung des Werkzeugs, dessen sich der Künstler bedient. In der Literatur ist es die Sprache.
- Es enthält das Wissen über die Möglichkeiten des jeweiligen Werkzeugs und die Entscheidung, in welcher Form man sich dieses Werkzeugs bedient.
- Dieses Wissen kommt nicht nur von Können, es kommt auch von der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kunstgattung. Wenn ich mich als Autor nie mit der Sprache auseinandergesetzt habe, wenn ich diejenigen nicht kenne, die diese Sprache im jeweiligen Kontext meisterlich beherrscht haben, dann kenne ich auch die Qualitätsstandards nicht, die ich zu erfüllen habe, um als Literat ernst genommen zu werden.
- Also hat das Können auch mit Wissen zu tun. Mit dem Kennen und Verstehen derjenigen, die Literaturgeschichte geschrieben haben.
- Ein Kunstwerk muss relevant sein. Es muss sich mit den Anliegen und den Besonderheiten der Zeit auseinandersetzen. Grosse Dichter haben sich immer mit den grossen Fragen der Menschheit auseinandergesetzt. Das heisst, sie waren auch Denker.
- Mit andern Worten: Literatur muss Bestand haben, das heisst, sie muss allgemein gültig sein und dafür braucht sie gesellschaftliche und/oder philosophische Relevanz.
- Dann gibt es noch die Genies, denen es Gott im Schlafe eingegeben hat… Vielleicht war Mozart so eines. Ich weiss es nicht.
So. Und jetzt die Frage, was bleibt von all dem aktuell Geschriebenen in der Welt übrig? Herzlich wenig.
Und deshalb sage ich nochmals: Mein Roman ist keine „Literatur“. Aber die ihn gelesen haben, haben ihn gern gelesen, so sagen sie jedenfalls. Sie sagen mir, er sei sehr schön geschrieben und ausgesprochen spannend zu lesen. Einige sind sogar begeistert und empfehlen ihn weiter. Nur: Um von den Literaturredaktionen besprochen werden, müsste es sich eben um Literatur im eng gefassten Sinne handeln. Oder zumindest um eine kleine Sensation, in welcher Form auch immer. Vielleicht ist das eine Antwort?
http://www.xanthippe.ch/de/
Nachtrag: Eine Freundin hat mir auf meinen "Essay" (- was für ein hochtrabendes Wort für meinen Erguss, aber es handelt sich von der Form her tatsächlich um einen Essay-) per Mail geantwortet und geschrieben: "Ich denke, dass die Anerkennung als Kunstschaffender abhängig ist davon, dass man vernetzt ist mit Persönlichkeiten, die im Kunstbetrieb etwas zu sagen haben. Das ist sicher eine ernüchternde Feststellung, aber seien wir ehrlich, ist da nicht doch etwas dran?"... Ja natürlich, das auch. Aber das allein reicht noch nicht.

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