Mittwoch, 1. Mai 2013

Verantwortung IST teilbar!

Nur damit's am Tag der Arbeit nicht ganz vergessen geht: Das "Frauenthema" bleibt aktuell. Ich frage mich, warum es mich gerade jetzt wieder so beschäftigt, obwohl mich sehr viele Anliegen der Frauen, die noch mitten im Berufs- und Familienleben stehen, gar nicht mehr betreffen. Aber ich ärgere mich zunehmend über die Tatsache, wie viele junge Frauen heute noch immer bereit sind, selbstverständlich zurückzustecken, wenn es um Kinder und Familie geht.
Sehen diese Frauen nicht, dass die Gleichstellung erst erreicht ist, wenn die absolute Gleichwertigkeit der weiblichen und der männlichen Bedürfnisse im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist? Wenn die weibliche Sicht genauso zählt, wie die männliche. Auch in der Wirtschaft. Wenn beide - Frau und Mann - tatsächlich die freie Entscheidung haben, wie sie ihr privates Familienleben gestalten wollen?
Davon sind wir noch meilenweit entfernt, auch wenn die SVP-Politikerin Nadja Pieren im gestrigen "Club" das Gegenteil behauptet hat. Dabei wäre doch gerade die SVP daran interessiert, dass die Frauen der Wirtschaft nicht entzogen werden. Schliesslich möchte sie ja keine Ausländer im Land...
Sicher. Seit der Zeit, als ich jung war, ist viel erreicht worden. Frauen sind heute besser ausgebildet, sie sind  - oder wären - heute auch gesetzlich deutlich besser abgesichert, die Infrastrukturen haben sich - zumindest in den Städten - verbessert. Wie die Politologin Michelle Beyeler jedoch richtig bemerkt hat, ist gerade die Tatsache, dass vieles schon erreicht worden ist, so brandgefährlich, weil sie denjenigen als Ausrede dient, die keine weitere Veränderung mehr wünschen. Meistens sind es die gleichen, denen schon das Erreichte zu weit geht. Und weil zu den konservativen Kreisen auch noch ein Grossteil der Männer hinzukommt, dazu die Wirtschaft, wo nach wie vor ausschliesslich männliche Vorstellungen die Argumentation beherrschen, und die nicht an Strukturen interessiert ist, wie sie Frauen bräuchten.
Nur ein kleines Beispiel dazu: Vorgestern Abend hatte ich eine Lesung. Auf meine kurze Zusammenfassung des Inhalts meines Romans sagte einer der anwesenden Männer. "Ach so, ein Frauenbuch..." Tatsächlich sind die Hauptprotagonistinnen im Buch Frauen. Es geht - unter anderem - um ihre für meine Generation exemplarischen Leben. Die Bemerkung des Mannes hatte diesen typisch abwertenden Tonfall: NUR ein Frauenbuch. Ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hat es handle sich NUR um ein Männerbuch, wenn der oder die Hauptprotagonisten Männer waren.
Mit andern Worten, männlich ist relevant. In der konsequent weitergedachten Logik wäre weiblich also irrelevant.
Es macht mich wütend, dass diese Stereotypien nach wie vor tief verankert sind. Auch wenn das Gegenteil immer dann behauptet wird, wenn es um so genannt typisch weibliche Anliegen geht. Zum Beispiel, wenn es um Kinder geht. Frauen seien zur Kinderbetreuung besser geeignet. Das entspreche ihrer biologischen Disposition, heisst es. Aber die biologistische Theorie ist nicht nur eine Sackgasse, sie ist auch wissenschaftlich widerlegt. Und ausserdem: Männer kriegen auch Kinder! Sie tragen sie bloss nicht aus. Aber sie zeugen sie. Sie sind Väter. Und wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen, können sie genau die gleiche Verbundenheit zum Säugling aufbauen wie eine Mutter.
Immer mehr Väter möchten das auch, aber ihre Bemühungen werden überall behindert. Von der Wirtschaft, von konservativen PolitikerInnen und - ganz besonders - durch religiös geprägte Bilder. Man sollte den starken Einfluss der Religion in dieser Frage nie ausser Acht lassen. Religion ist eine heilige Kuh. Stellt man sie in Frage, rührt man an einem Tabu. Aber es ist nicht zuletzt die Religion - welcher Couleur auch immer - welche die tief verankterten Bilder aus einer Gesellschaft zementiert, die es nicht mehr gibt.
Aber mal angenommen, ein junges Paar ist stark und selbstsicher genug, sich gegen diese gesellschaftlich und religiös verankerten Bilder zu stemmen und entschliesst sich, die Verantwortung für die Kinder zu teilen. Die Beiden werden es schwer haben. Denn neben den ökonomischen und/oder Karriere-Überlegungen, die häufig dagegen sprechen, dass beide zurückstecken, kommt hier eine weitere, in der männlich geprägten Wirtschaftswelt ebenso tief verankerten Stereotypie zum Tragen: Verantwortung sei nicht teilbar.
Kürzlich hat der Politologe Michael Hermann ein Loblied auf die Manager gesungen und sie für ihren 150prozentigen Einsatz bewundert, der ihnen den Schlaf raube. Meiner Ansicht nach müsste das nicht so sein.
1978 hat Esther Vilar ein kluges, heiss diskutiertes, aber letztlich in Bausch und Bogen als unrealistisch abgetanes Buch geschrieben über die Fünfstunden-Gesellschaft, in der ALLE, also alle Männer und alle Frauen je fünf Stunden berufstätig sind und sich in der Wirtschaft und zu Hause die Verantwortung teilen. Eine Utopie, wie sie ihre Theorie selber genannt hat. Für die Feministinnen war Vilar damals ein rotes Tuch, weil sie mit den Frauen gnadenlos ins Gericht ging und ihnen - oft zu Unrecht - die Hauptverantwortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse zuschob. Vilars Bücher waren sehr polemisch. Bissig. Und jede Polemik enthält Schlagworte, die in ihrer Vereinfachung nicht stimmen. Aber im Grunde genommen wollte Vilar vor allem aufrütteln. Ihre Utopie einer Fünfstundengesellschaft mag idealistisch und naiv sein, aber sie wäre ein Ansatz, wie man die teilbare Verantwortung diskutieren könnte.
Heute ist die Wirtschaft gnadenlos. Das heisst, viele Männer hätten nicht nur Grund, sondern auch das Bedürfnis die Gesellschaft zu ändern. Männer, die die Verantwortung zu Hause und am Arbeitsplatz teilen möchten. Aber man lässt sie nicht. Weil Männer mit Teilzeitpensen nach wie vor benachteiligt sind und Teilzeitarbeit für die Karriereplanung ein Nachteil bedeutet.
So bleibt Vieles wie es ist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So bleibt auch der Grundsatz, Verantwortung sei nicht teilbar, eine Maxime, ohne dass sie ernsthaft hinterfragt würde. Weil sie vor allem dazu dient, Macht zu erhalten. Aber das ist ein anderes Thema. Das zwar ganz direkt mit dem Frauenthema zu tun hat, aber ein so grosses und umfassendes ist, dass ich es nur erwähnen kann, damit dieser Aspekt nicht vergessen geht.
Zurück zum "Club". Tatsächlich sind es hauptsächlich ökonomische Überlegungen, die dazu führen, dass meistens die Frau "zurücksteckt". Kommt hinzu, was Beyeler gestern gesagt hat: Es wird eben nicht von den Männern, resp. nicht - auch - von den Männern, sondern - nur - von den Frauen erwartet, dass sie sich zurücknehmen.
So lange die Ungleichheit bei den Löhnen nicht getilgt, so lange die nötigen Infrastrukturen nicht  genügend vorhanden sind, so lange vor allem die Männer ihre Karriere planen und so lange Mütter in der Wirtschaft nicht willkommen sind, so lange sind wir nicht am Ziel. Das Ziel wäre eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichwertig sind. In der es um Elternanliegen und nicht um Frauenanliegen geht, wenn ein Paar Kinder bekommt. Eine Gesellschaft, in der das Wohl der Kinder nicht davon abhängt, ob eine Frau zu Hause bleibt oder nicht, sondern davon, welche Bildungschancen eine Gesellschaft ihren Kindern und welche Chancen sie später ihren Erwachsenen bietet…
Es bleibt noch unendlich viel zu tun. Und wenn die Männer sich jetzt verunsichert fühlen, so bleibt auch für sie viel zu tun. Nicht im Sinne einer Rückeroberung, sondern im Sinne einer Weiterentwicklung zu einer Gesellschaft der geteilten Verantwortung, in der auch die Solidarität wieder Platz hat. Das wäre für mich die höchste Form der Demokratie…
Und weil das so ist, weil noch so viel zu tun ist, macht es mich auch wütend, wenn die Frauen ihre ureigensten Anliegen nicht sehen oder wenn sie nachgeben - des Friedens, der Liebe, der Familie oder worum auch immer. Denn wenn die Frauen nicht dran bleiben, besetzen sehr schnell die Männer wieder die Felder, die sie unfreiwillig abgegeben haben. Deshalb machen mich auch Frauen wütend, die über über feministische Anliegen auf eine unbedarfte Art polemisieren. Dazu mein Post zu einem Artikel von Brigit Schmid in einem TA-Magazin vom letzten Jahr: http://ladyc-unterwegs.blogspot.ch/2012/12/schluss-mit-dem-gequengel.html

Kommentare:

  1. Schade, dass ich diesen hervorragenden Artikel nicht flattrn kann. Kann nur beipflichten!
    In der Konsequenz ist (zumindest für mich) auch ein Steuerabzug, wie ihn die SVP vorbringt, abzulehnen.

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. … eigentlich wollte ich meine Antwort nicht löschen, sondern nur ergänzen…
    Also: Ich teile die Meinung, dass die Steuerabzug-Lösung in die falsche Richtung zielt. Zuerst müssen die Bedingungen geschaffen werden, dass tatsächlich alle die gleiche "freie" Wahl haben, wie sie ihr Familienleben organisieren wollen. Der Steuerabzug schafft aber nur neue Ungleichheiten.

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