Freitag, 5. August 2011

Nazigespenst ist wieder da

Lange dachte ich, das Schreckgespenst Nazifaschismus sei mit dem Ende des 2. Weltkrieg endgültig Geschichte. Ich dachte, dass diese entsetzliche Erfahrung ausreichen würde, um etwas so unvorstellbar Grauenhaftes wie die Massenvernichtung von Menschen nie wieder zuzulassen. Auch nicht im Ansatz. Selbst in der unfassbaren Tragödie in Norwegen sah ich noch die Tat eines einzelnen Wahnsinnigen, der sich im Internet seine wirren, männlich-faschistoiden Machtphantasien aufgebaut hat, bis er seine persönliche virtuelle Welt nicht mehr von der Realität unterscheiden konnte und seinen Wahn schliesslich in die Tat umsetzte. Ich dachte, dass man die Wahnsinnstat eines Einzelnen nicht als Ausdruck einer wachsenden politischen Strömung begreifen sollte, auch wenn jetzt in differenzierten Kommentaren immer wieder zu Recht darauf hingewiesen wird, dass sie nicht zuletzt in einem Klima des Kulturkampfs entsteht, wie er in den letzten zehn Jahren von den rechten Parteien geschürt wird. Ich dachte, dass es trotz den zunehmenden Zeichen eine verhältnismässig kleine Gruppe von Unbelehrbaren bleiben würde, die im Internet ihren rechtsfreien Raum gefunden hat, wo sie ihren hasserfüllten Frust gegen alles richten kann, was nicht ihrer einfältigen, auf simplen Schlussfolgerungen aufgebauten Ideologie entspricht.
Seit gestern fürchte ich, dass meine Hoffnung, die Menschheit habe etwas aus der Geschichte gelernt, wohl ziemlich naiv war. In einem Beitrag (bei Arte) über die Naziszene in den USA und in Europa wurde aufgezeigt, wie sehr viel grösser diese ist, als man gemeinhin annimmt. Und nicht nur das: Sie ist untereinander bestens vernetzt und wird rasant grösser und selbstbewusster. Während es in den USA vor allem darum geht, den "Weissen" - von Rasse sprechen sie (noch) nicht - ihre Rechte "zurück zu holen", ist in Europa neben der wachsenden Zahl von Islamhassern alles zu finden: Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur, von kampfbereiten Nationalisten bis zu Naziideologen, die wieder davon sprechen, die Juden "auszumerzen". Eine besonders gewaltbereite Naziszene wächst in Russland heran, geduldet vom Staat und abgesegnet von der russisch-orthodoxen Kirche, was mich besonders schockiert hat. Dies, obwohl der Hitlerfaschismus in Russland 20 Millionen Tote forderte.
Viele denken, der Multikulturalismus sei schuld, er schüre die Ängste der Menschen vor Identitätsverlust und führe zu einer latenten Abwehrhaltung bis zum Fremdenhass. Sogar Angela Merkel hat offenbar gesagt, der Multikulturalismus sei am Ende. Aber was bedeutet das konkret? Sollen die Völker sich wieder in ihre nationalen Grenzen zurück ziehen, wo dann die Gesellschaften wieder "rein" werden? Von was? Oder sollen innerhalb eines Staats in sich geschlossene Untergesellschaften entstehen, in denen die Angehörigen unterschiedlicher Herkunft ihre Sprache und Kultur pflegen, auch wenn damit gewisse Gesetze des Gastlandes ausser Kraft gesetzt werden? Wer das sagt, müsste mir mal erkären, wie er sich das vorstellt.
Der Multikulturalismus entspricht einer historischen Entwicklung, die Globalisierung ist nur die jüngste Ursache. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen (auch die SVP nicht), diese liesse sich noch rückgängig machen. Also müssen wir so oder so lernen, damit umzugehen, ob wir die Auswirkungen nun mögen oder nicht. (Vorausgesetzt, wir erinnern uns der Erkenntnis, dass sich Probleme weder mit Gewalt noch mit Kriegen - nachhaltig - lösen lassen).
Mal abgesehen davon, dass die meisten Gesellschaften ohne ihre Immigranten ohnehin gar nicht mehr funktionieren würden, bringt uns der Multikulturalismus viele befruchtende Elemente. Ich bin sogar überzeugt: Erst durch den Multikulturalismus entwickeln wir uns weiter. Wie sonst sollen wir uns hinterfragen - was für jede Entwicklung eine zwingende Voraussetzung ist -, wenn wir uns nicht messen mit Andersdenkenden, mit "anders" Lebenden? Ohne intellektuelle Auseinandersetzung regrediert die Gesellschaft. Wollen wir das? Was wollen wir denn "bewahren"? Was sind sogenannt "schweizerische" Werte? Die Jodler in ihren Sennenchutteli und den Händen in den Hosensäcken?
Freiheit, ja. Das ist ein Wert, den es zu schützen gilt. Aber das ist keine schweizerische Erfindung, genauso wenig wie die freie Meinungsäusserung, die Gleichberechtigung der Geschlechter oder das Recht auf eine eigene Identität. Es sind die Menschenrechte, die die Menschen als Gesamtheit und als Individuen schützen, die es zu verteidigen gilt. In jeder Kultur. Werte, die die Menschen zusammen- und nicht auseinanderbringen. Für diese Werte gilt es einzustehen. Überall und in jeder Situation.
Für die ernst zu nehmenden, (wenn es diese überhaupt noch gibt) PolitikerInnen müsste das bedeuten, die positive Seite des Multikulturalismus nicht zu verneinen, sondern im Gegenteil, sich dazu zu bekennen (wie das Stoltenberg in Norwegen getan hat, chapeau!). Es würde auf der anderen Seite aber auch bedeuten, sich offen mit den negativen Auswirkungen auseinander zu setzen, statt sie zu negieren. Wenn jetzt Politiker der Mitte ihre Fahnen nach dem Wind der rechtsnationalen Szene richten, dann stärken sie diese. Und damit ein rückwärtsgerichtetes Weltbild, das uns letztlich in alte Denkschemata zurückführt, wo Kriege wieder als taugliche Konfliktlösung angesehen werden. Und wenn linke Politiker nicht endlich ihre beiden Augen öffnen und aufhören, die Probleme des Multikulturalismus zu verniedlichen, dann sind sie keinen Deut besser, dann stärken sie die rechtsnationale Szene mindestens in genau gleichem Masse wie das Gros der Gleichgültigen, das sich nicht zur Wehr setzt.
Ich vermisse in der Politik Persönlichkeiten, die sich nicht bloss von der Parteipolitik, von den Lobbyisten oder von den eigenen Wahlchancen leiten lassen, sondern von ihrem Verantwortungsbewusstsein für ein Staatswesen, das der gesamten Bevölkerung zugute kommt. Dazu bräuchte es - neben intellektueller Kompetenz, (die bei so einigen ganz zu fehlen scheint) - unter anderem eine ethische Grundhaltung, die diesen Namen verdient. Und eine Weitsicht, die über den Zeitpunkt der nächsten Wahl hinausreicht. Und es bräuchte den Mut, zu einer Überzeugung zu stehen, auch wenn man sich damit innerhalb der eigenen Reihen womöglich unbeliebt macht. Das, liebe Männer, das wäre mutig!

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