Dienstag, 23. März 2010

Bildung gegen Gewalt

Es wäre sicher naiv zu glauben, die Menschheit überwinde irgendwann die Gewalt. Gewalt wird wohl nie aussterben und die Decke der Zivilisation wird voraussichtlich nie sehr dick sein. Das ist eine Annahme, die vermutlich empirisch erhärtetet werden könnte. Andererseits enthält sie eine Prognose, die nicht bewiesen werden kann, ist also letztlich eine Spekulation.
Gewalt ist ein Überlebensmechanismus, der sich evolutionsgeschichtlich als Erfolgsrezept erwiesen hat. Der Stärkere besiegt den Schwächeren. Diese Formel hat sich zweifellos genetisch eingeprägt. Müssen wir deshalb davon ausgehen, dass alle Menschen unter gewissen Voraussetzungen zu Gewalttaten fähig sind, auch diejenigen, die Gewalt ablehnen? Dagegen sprechen die Beispiele von Menschen, die lieber sich selbst opfern, als jemandem Gewalt anzutun. Zudem gibt es kulturgeschichtliche Beispiele, wo nicht die Gewalt, sondern die Gewaltlosigkeit zum Erfolg geführt hat.
Gewaltlosigkeit ist zweifellos eine zivilisatorische Errungenschaft. In der zivilisierten Gesellschaft gibt es den moralisch-ethischen Konsens, dass unbegründete Gewalt durch nichts gerechtfertigt werden kann. Daraus leitet sich die Frage ab: Gibt es begründete Gewalt? Oder anders: Wann ist Gewalt begründet? Ist Gewalt beispielsweise dann begründet, wenn sie der Selbsterhaltung dient? Ist sie das in jedem Fall? Oder erst, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind? Haben wir überhaupt eine Wahl?
Unser nacktes Überleben wird heute nicht mehr durch Gewalt gesichert. Ausser im Krieg müssen wir unser Leben nicht mehr mit Gewalt verteidigen. Und selbst im Krieg spielt nicht mehr unbedingt die Gewalt die wichtigste Rolle, sondern die strategische und die taktische Überlegenheit, die im besten Fall Gewalt sogar verhindern kann.
Gewalt ist eine primitive Form der Stärke. Gewalt ist auch eine primitive Form der Machtausübung. Wobei die Macht natürlich über sehr viel subtilere Mittel verfügt, als bloss rohe Gewalt. Daher die Frage: Ist Macht bloss die sublimierte Form roher Gewalt? Der Mächtige ist in jedem Fall der Stärkere. Was, wenn er seine Macht missbraucht? Ist Gegengewalt möglich? Wenn ja, ab wann ist sie begründet?
Die Antwort auf solche Fragen lautet je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlich. In einer zivilisatorisch entwickelten Gesellschaft ist Gewalt als Mittel zur Selbsterhaltung meist kein taugliches Erfolgsrezept. Selbst wenn Gewalt theoretisch durch eine nachvollziehbare Begründung gerechtfertigt werden könnte, so wird sie trotzdem nicht akzeptiert, und bewusst ausgeübte Gewalt wird in der Regel geahndet. Das ist gut so. Denn wir sollten alles tun, Gewalt zu verhindern, resp. die dünne Eisdecke der Zivilisation am Zerbrechen zu hindern.
Die Hoffnung, die Ungeheuerlichkeiten des zweiten Weltkriegs seien ein so gewaltiger Schock gewesen, dass er nachhaltig wirken würde, haben sich längst zerschlagen. Heute stellen wir ernüchtert fest, dass Grausamkeit nicht zu besiegen ist. Gerade aus diesem Grund haben alle vernunftbegabten, einigermassen verantwortungsvollen und halbwegs guten Menschen auf dieser Welt ein ureigenes Interesse, alles dafür zu tun, der Gewalt ihren Nährboden und damit ihre Anziehungskraft zu entziehen.
Bildung und ein relativer Wohlstand hemmen das Gewaltpotential. Ich bin überzeugt, dass vor allem die Bildung die Grundlage für alles Verständnis ist. Nicht die Bildung im Sinne des Bildungsbürgertums, sondern die Bildung, die uns die Zusammenhänge bewusst macht. Mit andern Worten: Nicht auswendig gelernte Bildung, sondern verstandenes Wissen, aus Erfahrung Gelerntes und Offenheit für das Unbekannte.
Wenn das Wissen um die Zusammenhänge zunimmt und für alle zugänglich ist, kann sich daraus eine höhere Einsicht entwickeln. Ich glaube, es gibt diese – sehr, sehr langfristige – Evolution des Geistes im Sinne eines flach ansteigenden Trends zum Besseren. Oder besser, ich glaube daran. Es ist wie bei der Klimaentwicklung. Eine einzelne Periode kann im Widerspruch zum langfristigen Trend stehen, aber sie kann den Trend nicht aufhalten.
Also doch Glaube, Liebe, Hoffnung? Glaube, Nein, wenn er im religiösen Sinne verstanden wird, Ja, wenn damit der Glaube an das ethische Verhalten gemeint ist, das entsteht, wenn Menschen ihre Würde nicht genommen wird. Liebe, Nein im Sinne des Gutmenschentums, Ja, wenn damit die Liebe zum Leben gemeint ist, der Respekt vor dem Leben, der nicht nur die Menschen, sondern auch alle anderen Lebewesen, das heisst, die Natur als allgemeines Prinzip mit einschliesst. Hoffnung, nicht im Sinne eines naiven Glaubens an das Gute oder an die Hilfe eines Gottes, der nur im Geist der Menschen existiert, die daran glauben, sondern auf die Kraft des Wissens um die Zusammenhänge, die zunimmt, je bewusster wir uns werden, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind.

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