Freitag, 23. September 2016

Wo liegt meine Toleranzgrenze?

Sollen Burka und Niqab verboten werden? Ist diese Frage überhaupt relevant?
Ich weiss, angesichts der wenigen Totalverschleierten in unserem Land scheint es müssig, darüber überhaupt nachzudenken. Und selbstverständlich weiss ich auch, dass ein solches Verbot die Probleme der Muslimas, die eine Burka unfreiwillig tragen, nicht lösen wird. Ich würde auch allen anderen Argumenten dagegen völlig zustimmen, gäbe es da nicht einen wesentlichen Punkt, der für ein Verbot spricht. Nämlich das fundamentale Menschenrecht auf die unverletztbare Identität eines jeden Menschen, ob Frau oder Mann, definiert im Artikel 1 und 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948:
http://www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/aemr/text/
Um allfällige Missverständnisse zu vermeiden: Es geht dabei weder um Burkinis, noch um Hijab oder Chador oder wie die Schleier alle heissen, sondern ausschliesslich um die Totalverschleierung des Gesichts, also um Niqab und Burka. Das heisst, es geht um ein Gebot, das nur muslimischen Frauen auferlegt ist, um eine Kleidervorschrift also, sei sie nun religiös oder gesellschaftlich begründet, die in einem liberalen, demokratischen Staat nichts zu suchen hat. Egal, ob diese Frauen ihr Gesicht freiwillig verhüllen oder nicht. Im einen Fall ist es eine Überstrapazierung meiner Toleranz, im andern Fall - und das ist der springende Punkt - ist es eine Verletzung der Grundrechte. Wer gezwungen wird, öffentlich sein Gesicht zu verschleiern, dem resp. der - denn es betrifft nur Frauen - raubt man(n) ihre Identität.
Ich weiss, es gibt Niqab- resp. Burkaträgerinnen, die sagen, dass sie damit glücklich seien und sie mit Stolz tragen würden. Mir kommt das ein bisschen vor, wie das Kind, das seinen Vater liebt, obwohl er es dauernd schlägt. Ausserdem: Den Burkabefürworterinnen stehen diejenigen Musliminnen gegenüber, die sich dagegen wehren, oft unter Lebensgefahr,
Ehrlich gesagt, wäre ich manchmal auch froh, ich könnte mein Gesicht verhüllen. Aber im Gegensatz zur Burkaträgerin kann ich meinen Schleier wieder abnehmen, wann und wo immer ich will. Das ist der ganz grosse Unterschied.
Die befohlene Totalverschleierung verletzt mich ganz konkret als Frau, als politische Feministin und als freie Bürgerin. Sie verletzt mich, weil das – wohlgemerkt: vorgeschriebene - Verleugnen der öffentlichen Identität des weiblichen Teils einer bestimmten Gesellschaft nicht meiner Vorstellung eines freien Lebens und einer selbstbestimmten Persönlichkeit entspricht.
Mit andern Worten: Ich will nicht vor lauter political correctness und wohlmeinender Toleranz die eigenen Werte verraten. Ich will für diejenigen Werte, die mir wichtig sind, einstehen dürfen. Toleranz gehört dazu. Aber es gibt auch Grenzen der Toleranz. Diese Grenzen zu ignorieren heisst, die Bedeutung der Toleranz insgesamt zu banalisieren.
Nicht alle westlichen Werte sind für mich schützenswert. Aber es gibt solche, die wir zwingend verteidigen müssen. Manche werden jetzt sagen: Religiöse Toleranz gehört dazu. Ja. Aber die von einer feudalistisch patriarchalen Männergesellschaft befohlene, totale Geschichtsverschleierung der Frauen hat mit Religion nichts zu tun, sondern mit männlichem Machtanspruch.
Ich bin Atheistin und Freidenkerin. Ich weiss, dass Freiheit und Demokratie relativ sein können, je nach historischem Hintergrund. Die Menschenrechte jedoch halte ich für die wichtigste Errungenschaft einer zivilisierten Gesellschaft. Ich will nicht zulassen, dass ausgerechnet sie auch nur noch relativ sein sollen. Da hat meine Toleranz ihre Grenze erreicht.
(Wikipedia)-Link zur Geschichte der Menschenrechte:
https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte








 











 

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