Dienstag, 19. Juni 2012

Wahlen vom Wochenende

Ende September muss ich mein Buch abliefern, das bedeutet, dass ich meinen Blog schon wieder für längere Zeit vernachlässigen muss. Zwar gäbe es fast täglich Themen, zu denen ich mir auf diesem Weg ganz gerne Gedanken machen möchte. Manchmal bedaure ich es, dass ich mich nicht trotzdem dazu zwinge. Aber am nächsten Tag ist die Aktualität in der Regel schon wieder überholt und es macht keinen Sinn mehr, sich noch weiter damit aufzuhalten. Nach dem letzten Wochenende muss ich aber doch etwas loswerden. Immerhin waren es eine Art Schicksalswahlen, sowohl in Griechenland als auch in Aegypten und in Frankreich. Mit einer jeweils ganz anderen Bedeutung.
Als die ägyptische Revolution begonnen hat, dachten viele, sie würde scheitern. Ich war anderer Meinung. Und ich bin es immer noch. Auch wenn die Skeptiker vorerst Recht bekommen haben. Aber die Erfahrung, dass sie etwas bewegen können, werden die jungen Menschen nicht vergessen. Und sie werden aus ihrem Scheitern lernen. Denn eines ist für mich gewiss: die Würde des Menschen hängt direkt mit der Meinungsfreiheit zusammen. Das haben die jungen Menschen gelernt. Sie werden wieder aufstehen, dessen bin ich mir sicher. Nur nicht, wie lange es gehen wird, bis sie ihre Kräfte wieder gesammelt haben.
Bei den Griechen bin ich skeptischer. Das System der Günstlingswirtschaft ist in dieser Gesellschaft so tief verankert, dass die Mehrheit der Griechen sie als normal empfindet. Wie sonst wäre es möglich, dass ein Reeder, also ein Multimilliardär, der keine Steuern zahlt und darauf noch stolz ist, Bürgermeister werden kann. Bestimmt hat er sich seinen Posten erkauft. Und so reicht die Korruption bis ganz tief in die Gesellschaft, genauso wie die absurde Meinung, keine Steuern zu bezahlen sei so etwas wie Ehrensache. Griechenland wird für Europa wahrscheinlich immer ein Risiko bleiben, denn sollte es den Griechen entgegen allen Erwartungen gelingen, den Sparkurs durchzusetzen und als Folge davon weitere Hilfsgelder bekommen, so ist noch lange nicht gesichert, dass sie - sollte es ihnen etwas besser gehen - nicht wieder ins alte Fahrwasser geraten. Eigentlich müsste die griechische Jugend nicht gegen Europa, sondern gegen die eigenen Reichen protestieren, die dem Land Unsummen von Geldern entziehen, die es dringend bräuchte.
Auch die Franzosen werden wohl schon bald auf den Boden der Realität zurück geholt werden. Hollande wird seine Versprechungen nicht halten können und sich über kurz oder lang unbeliebt machen.
Da lobe ich mir - trotz allen Nachteilen - die direkte Demokratie. Auch wenn ich sie manchmal zähflüssig und mühsam finde, so bietet sie doch die beste Gewähr, dass eine - sagen wir mal "mittlere" - soziale Gerechtigkeit erreicht wird. Und sie garantiert, dass ein Staat mit seinen Ressourcen haushälterisch umgehen muss, weil das Volk in seiner Gesamtheit in der Regel vernünftiger und verantwortungsbewusster ist, als einzelne Politiker oder einzelne Machtzirkel, seien das nun Parteien oder das Militär oder irgendwelche Herrscherclans.
Gerade lese ich das unterhaltsame und wirklich empfehlenswerte Buch von Rolf Dobelli, worin er über unsere Denkfehler schreibt. Ein Kapital handelt von der Selbtüberschätzung. Männer neigen mehr dazu als Frauen, und auch die Experten sind davon überhaupt nicht ausgenommen. Das ist mir in den Sinn gekommen, als ich gestern im ARD eine Hintergrundsendung zur Zukunft Europas angeschaut habe. In der Podiumsdiskussion gabe es dazu so viele Meinungen wie Leute am Tisch sassen, und die Zuschauer blieben nach der Sendung genau so ratlos wie zuvor. Solche Podien - zu welchem Thema auch immer - sind absolut nutzlos. Sie dienen lediglich der Selbstdarstellung der einzelnen Exponenten. Aber ich bin ja frei, es mir anzuschauen oder es zu lassen... ;))

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