Sonntag, 8. April 2012

Wien, Januar 2009, Teil 2

17.1.09: Kaffe Griensteidl: Angenehmer Ort um zu schreiben. Nicht zu viele Gäste, hell. Das Gepäck ist eingecheckt, ich habe den Nachmittag vor mir, das Wetter ist strahlend schön, aber eiskalt.
Auf dem Nachhauseweg ins Hotel habe ich mich gestern buchstäblich verlaufen. Ich war zuvor noch im Demel, wo ich mir einen Apfelstrudel genehmigt habe und ging von dort erst einmal in die Richtung, in der ich dachte, dass der Fleischmarkt liege. Irgendwann realisierte ich, dass ich vermutlich in die falsche Richtung gelaufen bin und kehrte um. Aber ich fand den Ausgangspunkt nicht mehr und verlor mich immer mehr in den Gassen der Altstadt. Den Stadtplan konnte ich nicht aufschlagen, es war schon dunkel. Hätte auch nichts genützt, denn die kleinen Strassen und Gassen sind auf dem Plänchen gar nicht mehr bezeichnet. Also suchte ich ein Lokal und landete per Zufall im berühmten Café Central, so typisch wienerisch, wie man es sich nur vorstellen kann - samt Barpianist, der schmalzige Lieder spielt. Rund 40 Minuten später als kalkuliert traf ich im Hotel ein und musste mich beeilen, noch rechtzeitig ins Kabarett Brennesseln zu gelangen, wo ich per Internet einen Platz reserviert hatte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde: Kabarett vom Feinsten! Bitterböse Satire, Wortwitz, Kalauer, geistreiche Dialoge, gut gespielt. Anstrengend, aber von Anfang bis zum Schluss ein Feuerwerk an unterhaltsamer, bissiger Ironie. Empfehlenswert!
***
Flughafen: Den Nachmittag habe ich ganz den beiden wichtigsten Wiener Vertretern der Jahrhundertwende gewidment und dabei sehr viel Interessantes erfahren. So zum Beispiel, dass Egon Schiele bereits mit 28 Jahren an der Spanischen Grippe gestorben ist, im gleichen Jahr, als er endlich die Anerkennung fand, die ihm zustand. Er hinterliess ein Werk von mehreren tausend Bildern, Zeichnungen, Grafiken. Zur gezeigten Dokumentation gehörten auch viele Briefe. Alles zusammen ergibt ein äusserst komplexes und umfassenden Bild dieses Künstlers, den ich jetzt mit ganz anderen Augen sehe. Nicht auszudenken, was noch alles hätte werden können, wenn er nicht so früh gestorben wäre.
Gustav Klimt hat mich weniger fasziniert. Allerdings war es interessant über den Streit zu erfahren, den die über die traditionelle Kunst wachenden Bürokraten gegen seine Wandbilder anzettelt hatten. Die Wandbilder sind verbrannt, man sieht nur die in Schwarz/Weiss kopierten Bilder in Originalgrösse. Klimt befand sich im Aufbruch, wollte etwas Neues schaffen und wurde durch die Kritik offenbar sehr verletzt.
Gegessen habe ich danach im Palmhaus. Nicht sonderlich gut, aber auch nicht schlecht. Scheint auch ein Treffpunkt der Wiener zu sein, jedenfalls hört man nicht nur fremde Sprachen wie in der Nähe des Steffels oder in den Museen. So oder so war's originell im Gewächshaus zu speisen.
Meine Aufnahmefähigkeit ist erschöpft. Ich habe zu viel aufs Mal gewollt. Jetzt sitze ich am Gate und bin nur noch müde. Das nächste Mal (hoffentlich) werde ich es mit etwas mehr Bedacht angehen. Aber immerhin, ich habe einen Eindruck.

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