Sonntag, 8. April 2012

Tessin, Oktober 2008, Teil 2

16.10.08: Erste Lehren aus dem gestrigen Tag:
- Im Zug kann ich nicht schreiben.
- Wenn ich zu lange warte mit aufschreiben, vergesse ich es.
- Wo ich nicht schreiben kann, in Stichworten festhalten, was mir durch den Kopf geht.
-Um es rechtzeitig, also noch während der Reise aufzuschreiben, muss ich mehr Etappen einlegen, wo ich dann die Stichworte ausformulieren kann. So bleibt der Bericht aktuell. Das ist es eigentlich, was ich möchte.
Weitere Lehre: Ich muss weniger Geld ausgeben. Vor allem nicht zweimal essen. Das geht sonst zu sehr ins Geld.
Stichworte zum gestrigen Tag, die mir nachts in den Sinn gekommen sind:
Im Eurocity von Brig nach Domodossola: Ganz anderes Publikum. Romands, die von Genf nach Mailand fahren, vielleicht auch Französinnen, elegant, schlank, gut angezogen. Eie russische Familie, der man zwar das Geld, aber auch den noch nicht entwickelten Geschmack ansieht. Mutter und Tochter, die Bücher lesen, die Tochter Anne Cuneo. Gruppe von Rentnern, die Berndeutsch sprechen. Sie sind schon wieder die lautesten und nervigsten. (Oder empfinde ich es einfach so. Bin ich so intolerant?)
Panoramazug im Centovalli: Nur 2 Franken bezahlt. Nicht das ganze Tal heisst Centovalli, der erste Teil ist das Valle Vigezzo. Schön, zumindest in meinen Augen, ist eigentlich nur der Teil, wo das Tal etwas offener ist, vor der Schweizer Grenze in Camedo. Nun werde ich auch in Erinnerung behalten, dass die Melezza durch das Centovalli fliesst. Es gibt im Fotoalbum meiner Mutter ein Bild mit der ganzen Familie - mein Vater, meine Mutter, meine beiden Brüder und ich, als ich etwa 6 oder 7 war - beim Baden in der Melezza. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich Angst vor Schlangen hatte.
Maggiatal: Ganz zuhinterst in Mogno hat Botta noch eine Kirche gebaut. Die steht auf den nächsten Programm.
Verzascatal: Im Gegensatz zum Centovalli mit der Melezza habe ich das Verzascatal als Bild aus meiner Kindheit gut in Erinnerung. Zuhinterst in Sonogno baut Walter ein Haus um. Er ist gestern mit dem Zug dorthin gereist und heute kehrt er zurück nach Zürich. Ich habe mir einen Moment überlegt, ob ich mich ihm gerne anschliessen würde, aber ich reise doch lieber allein. (Etwas Anderes wäre es mit I. In der Gondel, in der Kirche, auf der kleinen vorgelagerten Kanzel mit dem Ausblick in die Berge verspürte ich jedesmal ein Glücksgefühl und dachte dabei an I. und wie gerne ich es ihm zeigen würde...)
Alpa da Foppa: Der hässliche Kinderspielplatz ist eine Beleidigung fürs Auge, eingezäunt mit Plastikband, vorfabrizierte Elemente aus künstlichem Material, grüner Turnhalleboden, Rutschen überdacht als durchsichtige Plastikröhre. Die Rodelbahn ist eine an den Hang geklebte Achterbahn, das Metall blendet in der Sonne, darin kreischende Mädchen, sehr schnell. Die Alp ist Ausgangspunkt für Biker, Gleitschirmflieger, die mit dem Heli hochgeflogen werden, Walker, Sonnenbadende, Wanderer, das Restaurant ist voll mit Familien, die alle Sprachen sprechen. Ein riesiges Getümmel, das so überhaupt nicht zur Kirche passt. Schade.
Zugfahren im Tessin: Nahverkehr sehr gut erschlossen. Züge sind bequem, genug Platz zwischen den Sitzen, aber keine Gepäckablage. Jugendliche mit ipods. Ein Arzt hat mal über die zu laute Musik im Ohr gesagt, man dürfe den Jugendlichen diesen Spass nicht nehmen. Ist Spass das Wichtigste - immer nur Spass? Sind wir nur noch eine Spassgesellschaft?
Morgen im Hotel: Ansprechendes Zimmer, ruhig, gut geschlafen. Jetzt am Tisch schon wieder eine quasselnde Alte. Als der Enkel an den Tisch kommt: "Jetzt kommt er!" Laut in den Raum, als der Sohn aufsteht um sich am Buffet zu bedienen: "Was nimmst Du, Aufschnitt?"  etc.
Jetzt will ich ins Museo d'Arte, es öffnet um 10 Uhr, ich habe also Zeit gemütlich zu Fuss dorhin zu gehen. Anschliessend fahre ich nach Bellinzona, sehe mir die Stadt an und esse etwas.
Gestern bin ich doch noch zu Fuss ins Hotel gelaufen und habe es nicht bereut. Die Promenade ist sehr schön. Die Tessiner können das offenbar nicht verstehen. Jedenfalls haben sie mir geraten, den Bus zu nehmen, es sei viel zu weit, dabei braucht man zu Fuss nur 20 Minuten. Zuerst hatte ich Angst, ich könnte das Hotel nicht finden, das sich nicht direkt am See, sondern etwas höher am Hang befindet, wo man es nicht sieht. Aber vom See aus habe ich an der Ecke das Hotel de la Paix erkannt, an dem der Bus vorbeigefahren ist, als ich nach dem Einchecken im Hotel wieder in die Stadt gefahren bin. So habe ich den Weg auf Anhieb gefunden.
***
Am See: Ich muss noch rund eine Viertelstunde warten, bis das Museum öffnet. Auf dem Weg hierher, auf fallendem, raschelndem Laub unter Platanen, komme ich an einem Paar vorbei, er sitzt auf einem der roten Parkbänke, sie sitzt auf seinen Knien, ihm zugewandt. Ich sehe nur sie von vorne, sie ist schon älter. Irgendwie berührt es mich seltsam. Warum? Weil sie älter ist? Würde es mir bei jungen Leuten nicht auffallen?
Ich warte und schaue in den See. Es ist neblig und beginnt vielleicht zu regnen. Seit 2006 wird hier das Ufer renaturiert mit Baumstrünken und Reisigbündel, damit sich die Fische wieder ansiedeln. Offensichtlich mit Erfolg: Ich sehe grosse Fische, die aus dem Wasser springen und wieder eintauchen.
Vis-à-vis stilvolle alte Häuserfassaden, gelb-ocker, hellbeige eingefasste Fenster, Balkone mit schmiedeisernen Gittern, daneben hässliche, moderne Hochhäuser, wenigstens mit Balkonen, das macht die platten Wände etwas weniger öde.
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Gran Café al Porto: Hübsches kleines Kaffe, Eingang mit Vordächlein, im Innern plüschig, Jugendstil, alte, geschnitzte Kassettendecke, auf der einen Seite die Auslage mit Leckereien, denen ich widerstehe. Ich sitze draussen an einem der vier kleinen, versteckt in die Ecke geschmiegten Tischchen und nasche von Zeit zu Zeit die Mandeln, die ich mir im Coop erstanden habe, vor mir promenieren die Menschen, einige Luganesi, zur Haupsache aber schweizerdeutsch und hochdeutsch sprechende Passanten. Ach diese Touristen! Eben ist eine Gruppe vorbeigekommen. Einer ruft laut auf Berndeutsch: "Gran Café heisst's hie!"... So, so… Bezeichnenderweise alle mit Rucksack bewaffnet - so wie ich...
Der Museumsbesuch hat sich gelohnt. Interessante Fotoausstellung mit Fotografien aus allen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die älteste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1894, ein Porträt von Aubrey Birdsley. Erstaunlich. (Mir kommen seine erotischen Plakate in den Sinn, die in meiner Altstadtbude gehanden haben...) Auf drei Stockwerken zeigt die Ausstellung Themenbilder, Porträts, darunter viele Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, wunderschöne Aktbilder, Bildreportagen, Landschafts- und Städtebilder, Architekturaufnahmen, Bilder von Modefotografen. Das meiste schwarz/weiss. Man trifft auf bekannte Gesichter: Truman Capote, Picasso, Chagall, Gainsborough, Käthe Kollwitz und, und, und… oder bei den Autoren auf Namen, die überraschen, Man Ray oder Karl Lagerfeld - übrigens mit phantastischen künstlerischen Modeaufnahmen aus seinen frühen Jahren.
Schon wieder zieht eine lärmende Horde vorbei, diesmal Jugendliche, die in gebrochenem Dialekt sprechen: "Ich an uere Buchweh übercho vor Lache, weisch...", in diesen unmöglichen weiten Hosen, die über ihnen über die Pobacken rutschen und deren Schnitt ihnen bis in die Knie reicht, so dass sie nur noch wie Enten watscheln können. Wissen sie nicht, wie lächerlich sie darin aussehen?
Neben mir haben drei aalglatt gestylte Personen Platz genommen, zuerst dachte ich an Bankangestellte, zwei Frauen, beide in schwarzen Hosenanzügen, hellen Blusen und Foulards (nicht die gleichen, es ist keine Uniform), der Mann auch im dunklen Anzug, weisses Hemd, perfekt gebundene, klassische Kravatte, polierte Schuhe und mit Gel gekämmtes Haar. Braungebrannt. Sie sprechen lupenreines Französisch. Entweder sind sie hier an einem Kongress, oder sie arbeiten in einer Firma, wo Sprachen gefragt sind, ganz sicher sind sie nicht auf Urlaub.
Genau betrachtet haben die Franzosen oder Romands (ich kann es nicht beurteilen) etwas feiner geschnittene Gesichter als die Italiener. Diese habe oft grössere Nasen und etwas markantere Profile. Wenn es nur um die Nase ginge, könnte ich glatt als Italienerin durchgehen…
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Im Zug (hoffentlich kann ich das Geschreibsel später noch lesen): Ich muss bei den jungen Leuten unbedingt auch diejenigen erwähnen, die von Lugano nach Bellinzona im Abteil sitzen und ernsthaft lernen. Vermutlich Gymnasiasten. Der junge Mann sieht konzentriert, ernsthaft und sehr sympathisch aus. Die junge Frau hat ein Buch vor sich und das geöffnete Schreibetui, worin die farbigen Stabilos liegen, mit denen sie einzelne Abschnitte im Buch anstreicht. Dazu macht sie Notizen auf ein Blatt. Als sie fertig ist, nimmt sie - und das ist jetzt wieder ein altbekanntes Bild - das Handy hervor und schreibt sms. Aber lautlos - immerhin.
Draussen ist dichter Nebel. Ich bin darüber nicht unglücklich. Es ist besser für meine Haut als die direkte Sonneneinstrahlung und zweitens macht es die Heimkehr einfacher. Aber ich werde in Bellizona aussteigen, trotz plötzlichem Schwächeanfall, mir zittern die Hände, mein Herz macht Sprünge und ich fühle mich unendlich müde. Vielleicht kaufe ich mir das Essen und eine Zeitung und warte einfach auf den nächsten Zug.
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Bellinzona ist keine schöne Stadt.  Eigentlich wollte ich nur schnell ein Auge voll nehmen, aber auf dem Weg nach etwas Essbarem bin ich in einer Pizzeria gelandet. Die Pizza war so riesig, dass ich sie abverdienen musste, weshalb ich noch auf die Burg gestiegen bin. Sehr imposant. Sie gehört zu den Kulturgütern der Welt und ist ausgesprochen gut erhalten. Schade, dass ich nicht von Anfang an hochgestiegen bin, es gibt ein bezauberndes Grotto mit Tischen unter einer Reblaube. Obwohl es heute etwas kühl ist, hätte ich lieber dort draussen gegessen und auf die Stadt geblickt. Die Ausstellung im Schlossmuseum ist ganz interessant. Ein Film gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Burg. Für meinen Geschmack etwas zu ambitiös und manieriert. Eine stringentere, sachlichere Information und etwas weniger künstlerisches Beigemüse wäre besser. Im Schlosshof befindet sich die Ausstellung eines Eisenplastikers. Horribile! Kitschige Pferdekörper, Krieger und Kreuzigungen. Grässlich. Dafür was es interessant zu erfahren, dass in Bellinzona eine Münzanstalt die Geldstücke für halb Europa prägte. Das war für mich komplett neu, und dass es die Innerschweizer waren, die Bellinzona eroberten und dem Duce di Milano abnahmen, hatte ich sicher einmal in der Schule gelernt, aber wieder vergessen. Gut zu wissen.
Ich verlasse Belinzona gerne. Wie gesagt, insgesamt eine eher hässliche Stadt mit ein paar hübschen Plätzen und Ecken, mehr nicht, eine zwischen Hügelzügen eingezwängte Talsperre. Was ja auch ihr ursprünglicher Zweck gewesen war.


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