Dienstag, 10. April 2012

Paris, Juni 2009 Teil 5

24.06.09: In Paris gibt es architektonisch ein paar kaum zu überbietenden Scheusslichkeiten. Das Centre Pompidou gehörte für mich dazu. Nun muss ich meine Vorbehalte zurück nehmen, wenn man dring ist, eröffnen sich zum Teil atemberaubende Ausblicke. Und die permanente Ausstellung ist absolut grossartig, obwohl es einen fast erschlägt ob so viel Kunst an einem Ort. Eigentlich hatte ich ein Ticket für alle Ausstellungen gelöst, temporär gibt es Ausstellungen von Calder, Kandinsky und weiteren, die ich nicht kenne. Aber das hätte mich schlicht überfordert - nach den beiden ersten Stockwerken, die so gross sind, dass die Sammlung jedes einzelnen ein kleines Museum füllen könnte. Wieder waren es die Pioniere des 20. Jahrhunderts, die mich am meisten beeindruckt haben, Picasso, Matisse, aber auch ein paar Frauen, die ich mit weniger bekannt sind. Léger gefällt mir nach wie vor nicht, Braque nur vereinzelt, Dalì wie immer überhaupt nicht. Erstaunlich, dass man die wahren Genies eben doch erkennt, wie in der Literatur, obwohl - jedenfalls mir - nicht wirklich klar ist, woran das liegt und ich mich immer wieder frage, was Kunst ausmacht. Ich denke, es ist - neben der Könnerschaft - unter anderem die Unverkennbarkeit.
In einem weiteren Stockwerk wurden nur zeitgenössische Werke von Frauen gezeigt, darunter viel Symbolisches, was mir persönlich nicht sonderlich zusagt. Aber es gab auch viel Provokatives, oft auch witzig und selbstironisch, was ich eher schätze. Die künstlerische Qualität der Bilder und Installationen kann ich nicht wirklich beurteilen, ich bleibe stehen, wo mir etwas gefällt oder wo etwas mein Interesse weckt.
Jetzt sitze ich am Brunnen von Jean Tinguely und Nicky de St. Phalle, zuvorderst auf der Terasse des "La Brise Miche", im Schatten der Bäume, mit dem Geräusch der Springbrunnen und dem Stimmengewirr um mich herum. Zeit den gestrigen Tag zu rekapitulieren.
Nach dem Frustmahl in der Nähe des Musée d'Art Moderne fuhr ich mit der Metro zum Trocadero, von da ging ich weiter zu Fuss über die Brücke zum Eiffelturm. Hauptsächlich, um ein paar Erinnerungsfotos zu schiessen - ja, ja, ich weiss, die Touris - aber auch, um mich etwas zu bewegen. Lange habe ich mich allerdings da nicht aufgehalten, es war mir zu voll. Also beschloss ich, nach Hause zu gehen und mich etwas auszuruhen. Mittlerweile war ich nudelfertig. Für das Konzert am Abend in der St. Sulpice musste ich mich richtig aufraffen.
Zum Glück habe ich es geschafft. Ich war etwas zu früh und habe im "Deux Magots" ein Glas Wein getrunken. Während die Veranda gespickt voller Touristen war, sass ich drinnen ganz allein und wurde aufmerksam von einem älteren, charmanten Herrn bedient, der mich beinahe wieder mit den französischen Kellnern versöhnt hat. Er empfahl mir einen ausgezeichneten und nicht allzu teuren Wein, den ich mit Andacht genossen habe in diesem ausgesprochen schönen Lokal, in dem tatsächlich noch etwas von der vergangenen Ambiance zu spüren ist, als sich die Literaten, Künstler und Intellektuellen aus aller Welt hier trafen.
Vom Konzert in der Eglise St. Sulpice habe ich nicht viel mitbekommen, wahrscheinlich bin ich schon etwas "überfüttert". Meine Konzentration liess früh nach, ich war dauernd abgelenkt, in Gedanken irgendwo anders.
Nach dem Konzert war ich unruhig, wusste, ich könnte nicht schlafen und bin zum Eiffelturm gefahren. Ich stieg die Treppen ziemlich rassig hoch bis zur zweiten Plattform, und wieder runter - dies kurz vor Mitternacht, bevor geschlossen wurde. Ich war fast allein, als ich über das Pariser Lichtermeer blickte, mich daran ergözte und mich über meine sportliche Leistung freute.
Gedankensplitter:
- Die Sprache der Touristen ist Englisch, Spanisch, etwas weniger Italienisch, noch weniger Deutsch, viele Asiaten. Nirgendwo ist etwas Deutsch angeschrieben, neben Französisch nur Englisch und manchmal noch Spanisch. Ob es daran liegt, dass die Franzosen die Deutschen nicht mögen?
- Chatelets-Les-Halles: Laut Reiseführer grösste Metrostation der Welt, könnte mir vorstellen, dass die Rüssel, die rings um das Centre Pompidou aus dem Boden ragen, die Luftkanäle dieser Metrostation sind.

25.06.09: Restaurant "Poule au pot": Das Lokal ist bezaubernd. Ein authentisches Café um's Eck, im übertragenen und im wörtlichen Sinne, wie man sie hier so oft sieht. Das Interieur ist noch aus der Jahrhundertwende, die Decke mit Stukkaturen und Rissen, geschnitzte Eichentheke mit einer metallenen, ziselierten Bordüre, gemustert gekachelter Boden, alte Wienerstühle, kleine quadratische Tischchen, im Nebenraum eine diskret hellrosa gemusterte Tapete und ein alter, ovaler schon fast blinder Spiegel, Drucke von Toulouse-Lautrec an den Wänden, hauptsächlich französisch sprechende Gäste. Leider - einmal mehr - ausgesprochen gleichgültiges Personal, gestresst und ziemlich unhöflich. Aber die Hausspezialität "Poule au pot" ist für Pariser Verhältnisse gut: Ein Eintopf mit gekochtem Huhn, Lauch, Kartoffeln und Rüebli.
Gedankensplitter:
- Ich habe gelernt, unterwegs etwas vom Traiteur zu kaufen. Es gibt sie überall, und das Angebotene ist nicht nur günstiger, sondern auch besser als in den Restaurants.
- In den kleinen Geschäften hat Paris seinen Charme behalten. In den zahlreichen Bäckereien, mit den verführerischen Auslagen, aus denen es am Morgen herrlich nach frischem Brot durftet, in der alten Apotheke im Quartier, in der vollgestopften Librairie, oder eben im "Kafi ums Eck", wo die Menschen aus dem Quartier am Morgen ihren petit café trinken, der noch da noch Fr. 1.20 kostet, und die Zeitung überfliegen, bevor sie weitergehen an die Arbeit...
Und ich muss bald weiter zum Flughafen…
Meine letztes Ziel war heute morgen das Musée Quai d'Orsay. Ich kann mich nicht sattsehen an der Dachkonstruktion dieses alten Bahnhofs. Da ich nicht sehr viel Zeit habe, fokussiere ich mich auf die Sammlung der Impressionisten, denen ich treu geblieben bin, seit ich mit Steffi damals in der Orangerie zum ersten Mal in natura gesehen habe, was uns unser Kunstgeschichtelehrer so sehr ans Herz gelegt hat.
Paris erfüllt alle Erwartungen und bestätigt alle Vorurteile.
Es ist Zeit, zu gehen. Leider!






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen