Dienstag, 10. April 2012

Paris, Juni 2009 Teil 4


23.06.09: Ich bin hin- und hergerissen zwischen guten und schlechten Gedanken, was Paris betrifft. Eben habe ich wieder einen grässlichen Food vorgesetzt bekommen, obwohl ich absichtlch etwas abseits in ein Lokal gegangen, das mir nicht sonderlich touristisch schien. Bestellt habe ich den Salat mit Lachs und Champignons, erhalten habe ich einen lieblos zubereiteten Teller mit Salat ohne Sauce, darüber geknallt eine Handvoll Champignons aus dem Gefrierfach, die Lachsstreifen mit dicker Fertigmayonnaise garniert. Zum Glück war der Lachs frisch. Ein einfaches Essen so lieblos kaputt machen können glaube ich nur die Franzosen. Oder sind liegt es an den Parisern?
Den gestrigen Tag habe ich mit Herumstreunen verbracht. Unter anderem im Marais, auf dem Weg ins Picasso-Museum. An der Rue des Francs Bourgeois sind die guten Geschäfte um sich einzukleiden. Hier hatte ich schon mal einen Mantel gekauft, damals, als ich mit Res hier war. Ich habe diesen Mantel geliebt und Jahre lang getragen. Leider war er irgendwann so abgetragen, dass ich ihn in die Kleidersammlung geben musste.
Splitter:
- Ich muss mein Vorurteil revidieren. Es gibt auch klassisch elegantes und doch raffiniertes französisches Design ohne gleich überkandidelt zu sein. Ich dachte, dass das nur die Italiener können. Auch die Stoffe sind heute besser, nicht nur Synthetisches. In dieser Hinsicht haben sie wohl von den Italienern gelernt.
- Das Picasso-Museum gefällt mir ausserordentlich. Ich verweile sehr lange vor den Bildern und begreife langsam, was für ein Genie er war.
- Zitat Picasso: "Pour moi il ny a pas de passé, ni d'avenir en art. Si une oeuvre ne peut vivre toujours dans le présent, inutile de s'y attarder."
- Gefällt mir ganz besonders: "Un tableau ne devrait pas être un trompe l'oeil, mais un trompe l'esprit."
- Witzig, die laufende Daniel Buren-Ausstellung mit den Spiegeln im Hof. Mache Bilder von mir und von Leuten, die mich bitten, sie mit ihrer Kamera aufzunehmen.
- Das Konzert am Abend in der Eglise St.-Julien-le-Pauvre, wo ich zum zweitenmal hinging, weil ich den Ort mag und keine Lust auf Menschenmassen hatte, war wiederum eine schöne Erfahrung. Der Pianist ist offenbar ein Liszt-Spezialist. Er spielte ausgesprochen virtuos und auch musikalisch interessant, aber streckenweise für meinen Geschmack zu schnell. Sicher ein hervorragender Pianist, aber er nimmt mich nicht gefangen. Vermutlich, weil sich heute viele Pianisten gezwungen sehen, ihre Könnerschaft durch immer noch schnellere Interpretationen unter Beweis zu stellen. Schade.
***
Mein heutiges Programm ist total durcheinandergeraten. Ich hatte mich beeilt, um morgens rechtzeitig vor dem Centre Pompidou anzustehen, aber ich hatte vergessen nachzusehen, an welchen Wochentagen es geöffnet hat und so stand ich vor geschlossenen Türen. Viele Museen haben hier am Dienstag und nicht am Montag zu, wie bei uns. Offen hatte dagegen das Musée d'Art Moderne, von dem ich ein bisschen enttäuscht bin. Ich hab nicht sehr viel gesehen, was mir gefallen hat. Aber es ist interessant, im Laufe der verschiedenen Museumsbesuche das Auge und das Verständnis weiter zu entwickeln.
Das Modemuseum, das mich interessiert hätte, liegt gleicht daneben. Auch das eine Lektion. Immer im Pariscop nachsehen, wann was offen ist und wo es gerade keine Ausstellung hat...
Die Karten für die Konzerte heute Abend habe ich reserviert. Um telefonisch reservieren zu können, musste ich einen Code kaufen, den ich sowohl in der Kabine als auch zu Hause benutzen kann. Allerdings hatte ich dann trotzdem Schwierigkeiten mit der Durchwahl vom Handy aus. Weitere Lehre: Nächstes Mal gehe ich direkt in ein Fnac-Büro, das französische Pendant zum Ticket Corner.
Alles hat sein Gutes: Mein durchgeschütteltes Programm erteilte mir ein paar Lehren und einen Blick auf die Halles. Für mich eine wahre Katastrophe, auch wenn dieses unter einer begrünten Fläche mehrere Stöcke in den Boden versenkte Einkaufszentrum mit Metrostation den umliegenden Häusern Licht verschafft, funktional, platzsparend und ganz interessant ist - ob es architektonisch wertvoll ist, wage ich zu bezweifeln. Für mich waren die Halles etwas vom Authentischsten, das Paris zu bieten hatte.

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