Montag, 9. April 2012

Paris, Juni 2009 Teil 3

21.06.09: Heute steht Paris im Zeichen der Musik. Am Festival de la Musique finden überall Konzerte statt, drinnen und im Freien, in allen möglichen Musikrichtungen und immer bei freiem Eintritt. Ich werde versuchen, um 16 Uhr in der Madeleine einen Platz zu kriegen und um 20.30 Uhr in der Notre Dame.
Unterwegs ist mir aufgefallen, wie sauber Paris eigentlich ist - bei all den Menschen. Laufend werden die Abfallsäcke geleert, die über die Ringe von einfachen Metallständern gehängt sind, die überall aufgestellt sind, ein einfaches, aber offensichtlich effizientes System. Jedenfalls sehe ich hier nicht so viel Dreck herumliegen wie in Zürich. Woran es wohl liegen mag? Vielleicht an der Tatsache, dass die Zürcher Jugend verwöhnt ist, weil die Stadt der Jugend gegenüber eine Laisser faire Politik betreibt, weil heute alles erlaubt ist, was den Jungen gefällt, und weil sie niemand mehr in die Pflicht nimmt?
Ich sitze im de la Paix an der Place de l'Opéra und esse einen viel zu teuren Café Liégeois, ein Café glacé mit Crème chantilly und trinke dazu einen viel zu teuren Espresso. Aber ich brauchte einen schönen Ort um vor dem Konzert in der Madeleine noch ein bisschen zu schreiben.
Die Frau, die zum hübschen, grauweiss melierten, noch jüngeren Mann Typ Richard Gere gehört, erfüllt sämltiche Clichés einer links-grünen intellektuellen Feministin: langes, weisses, ungefärbtes Haar, ungeschminkt, violette Schlabberhosen mit rosa/lila Schlabberoperteil samt Schal kombiniert, violettes Rucksäckli am Rücken, flache Sandalen und Einwärtsgang… Vielleicht täusche ich mich, aber es ist schwer vorzustellen, dass so jemand vollkommen unpolitisch oder eine stramme Rechte sein könnte…
Paris ist eine Diva. Schön, elegant, egozentrisch, man verfällt ihr, ohne sie zu lieben.
***
22.06.09, am Place des Voges: Der Place des Voges ist für mich der schönste Platz in Paris. Schon früher habe ich davon geträumt, hier zu wohnen… vielleicht, wenn ich Strauss-Kahn begegnet wäre... ;)… Ich sitze im Café Victor Hugo an einem Tischchen unter der Arkade und träume wieder einmal davon, wie schön es manchmal wäre, genug Geld zu haben…
Ich werde versuchen, die beiden letzten Tage zu rekapitulieren.
Das Konzert in der Madeleine - Messiaen und Saint Saënce - hat mir sehr gut gefallen, vor allem, weil alles junge Leute gespielt haben. Aber ich habe unendlich gelitten auf den unbequemen, geflochtenen Kirchenstühlen, niedrig und klapprig wie Kindertabourettchen. Auf ihnen zu sitzen ist so etwas wie eine Strafe Gottes, die Erlösung erfolgt nach dem Amen, wenn man sich wieder erheben kann.
Die Madeleine von innen ist grässlich. Zusätzlich ist sie im Moment durch irgendwelche Kitschkunst-Objekte verunstaltet.
Ab der zweiten Hälfte hätte ich dringend mal gemusst. Aber wo geht man in der Kirche auf die Toilette? Also verklemmen - eine weitere Strafe Gottes. Das ist beim Reisen ein echtes Problem. Jedenfalls für mich, die ich beim Reisen oft so verstopft bin, dass ich möglichst viel trinken sollte, was wiederum den Drang verstärkt. Unangenehm, weil ich öffentliche Toiletten vermeiden möchte, andererseits aus Anstand nicht einfach nur die Toilette eines Restaurants benutzen will. Das bedeutet, erneut etwas trinken zu müssen. Eine Art Circulus Vitiosus.
Auf dem Weg zur Notre Dame verweile ich an der Place des Voges. Am Fête de la Musique spielen hier in allen vier Ecken unter den Arkaden und davor ganz unterschiedliche Musiker, alte französische Lieder wechseln ab mit einer jungen Rocksängerin, einem Chansonnier und einem Musettequartett. Auf dem Rasen liegen die jungen Leute und sonnen sich. Eine ausgesprochen friedliche Stimmung, ganz anders als die Szene bei der Bastille mit aggressivem Rock und Technosound mit entsprechendem Publikum.
Von der Place des Voges in die Notre Dame verlief ich mich im Marais. Es ist schnell passiert. Eine kleine Unaufmerksamkeit, man wähnt sich in der richtigen Richtung, glaubt den Boulevard wieder zu erkennen, von dem die Strasse abzweigt, von der man doch gewusst hat, dass sie direkt zum Place des Voges führt - und schon ist es passiert. Nach der dritten Ecke erkennt man seinen Irrtum, will sich anhand des Plans orientieren, aber die Strässchen hier im Marais sind zum Teil so eng und klein, dass sie auf dem Plan nicht bezeichnet sind. Zweimal musste ich mich erkundigen um zum Ausgangspunkt an der rue St. Antoine zu gelangen, von wo ich es wieder sicher erkannte.

Am Orgelkonzert in der Notre Dame nervten mich einmal mehr die Touristen, die kamen und gingen, in ihren Rucksäcken herumnuschelten und beim Gehen mit den Sandalen schleiften oder mit den Absätzen klapperten und den Mund nicht halten konnten, was das konzentrierte Zuhören enorm erschwerte. Dabei war es ein mit Anfangszeit angekündigtes Konzert von jungen Organistinnen aus der ganzen Welt, die Werke von Bach, Franck, Schumann und modernen Komponisten spielten, die ich nicht kannte. Vor allem die leisen Partien waren ausgesprochen schön, während die Fortissimi zwar mächtig einfuhren, aber auch etwas im hohen Raum verhallten.
Als ich mich gerade wieder mal nervte, als mein Nachbar rücksichtlos mit der Zeitung raschelte, entschied ich mich, es doch noch im Louvre zu versuchen, wo Pierre Boulez in der Halle unter der Kristallkuppel das Orchestre de Paris dirigierte. Obwohl ich mich beeilte, war die anstehende Schlange so lang, dass mir der Securitas sagte, es hätte keinen Zweck es noch zu versuchen, das Konzert sei praktisch jetzt schon voll. Ganz gegen meine Art mogelte ich mich deshalb ganz weit vorne in die Schlange ein, was mir zwar ein paar böse Blicke, aber dafür einen Platz im Konzert eintrug.
Ich habe es nicht bereut. Vorne Altmeister Boulez, der Strawinskys aufwühlenden Oiseau de Feu dirigierte, vor ihm am Boden sitzend und zu ihm aufblickend die Zuhörerinnen und Zuhörer, unter ihnen sehr viele junge Leute, ein ganz anderes Publikum als in der Notre Dame, sehr viele Franzosen, nur wenige Touristen, über uns die Kristallkuppel mit den grauen Silouetten von Menschen, die neugierig durch das Glas nach unten blickten, darüber der eindunkelnde Himmel mit den Sternen. Einmalig!

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