Montag, 9. April 2012

Paris, Juni 2009 Teil 2


20.06.09: Brasserie Aux P.T.T.: Das Croissant, das ich eben verdrückt habe, ist so fettig wie im Toto.  Ich habe es in der Bäckerei nebenan gekauft. Die Serviertochter schickte mich dorthin, weil sie keines mehr anzubieten hatte. Das sind so die kleinen Erfreulichkeiten. Überhaupt hat es mir die rue Cler angetan, hier ist das Leben authentisch, alles auf kleinstem Raum, hier könnte ich leben.
Gerade ist mir ein riesen Stein vom Herz gefallen. Ich dachte, ich hätte meinen Code für die Raiffeisen-Karte vergessen, aber ich hatte die Zahl doch noch irgendwo in meinem Hinterkopf gespeichert. Darüber bin ich heilfroh. Die Frau am Bankschalter war nämlich ausgesprochen unhöflich und meinte, mit der Mastercard könne man kein Geld wechseln. Hätte ich also meinen Code für die EC-Karte nicht mehr gewusst, wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Zwar kann man an vielen Orten mit der Mastercard bezahlen, aber eben nicht überall. Zum Beispiel das Ticket für das Konzert heute Abend in der Eglise-St-Julien-le-Pauvre.
Das Konzert gestern in der St. Chappelle war eine Enttäuschung. Zwar hätte mir das Programm gut gefallen, Bach, Liszt, Schumann, Chopin, aber die Pianistin spielte schlecht. Alles mit Pathos, als ob es Beethoven wäre, mit viel zu viel Pedal, so dass die Musik in der schlechten Akkustik der Kirche vermanschte. Ich hab ziemlich gelitten - offenbar im Gegensatz zu den übrigen Zuhörern, die begeistert applaudierten. Entschädigt wurde ich durch die zauberhafte Stimmung, welche die Kerzen im Widerschein der farbigen Fensterscheiben im Raum verbreiteten.
Was mache ich bloss mit meinen tausend Gedanken, die mir während meiner Spaziergänge einfallen und die mir, wenn ich irgendwo sitze und sie festhalten will, einfach nicht mehr einfallen wollen. Ist es das Alter?

Abends im Café Flore: Um es gleich vorwegzunehmen: Das Konzert heute war sehr schön, der Pianist spielte ausgesprochen gut, auch wenn es nicht zum gefeierten Pianisten reichen wird. Aber er hat viel drauf und ist musikalisch um Welten besser, als die Pianistin in der St. Chapelle, welche die Fortissimi wie wild in die Tasten hackte und dabei theatralisch vom Stuhl gejuckt ist. Einzig die Programmvielfalt ist etwas bescheiden in Paris. Man spielt, was gefällt, auch diesmal wieder Chopin und Schumann. Wohl der Touristen wegen...
Die Eglise St-Julien-le-Pauvre ist die älteste Kirche von Paris und gehört heute der grieschisch-orthodoxen Gemeinde, entsprechend der Altar, aber sonst ein schöner, schlichter, romanischer Bau, klein, am Rand des Quartier Latin, in einem lauschigen kleinen Pärklein.
Der Tag war etwas durchzogen. Nach dem obligaten Morgenkafi im Aux P.T.T. ging ich ins Biogeschäft in der Nähe, auf dem Nachhauseweg habe ich mich verlaufen und bin in einer Nebenstrasse gelandet, die nicht durchgehend war. Unterdessen hat es angefangen strömend zu regnen, richtig zu schütten, so dass ich in ein Bistro flüchten musste. Zu Hause musste ich erst die Kleider trocken…
Gedankensplitter:
- Andy Warhol-Ausstellung: Ich war sehr früh und bin gut durchgekommen. Habe mich nicht allzu lange darin aufgehalten. Ich bin kein besonderer Warhol-Fan. Aber es ich habe einige interessante Porträts gesehen.
- Bin enttäuscht, dass ich in der Comédie Française kein Ticket mehr bekam. Schade, dass man sie nicht trotzdem besichtigen kann.
- Champs-Elisée: Statt Gebäude würde ich lieber die Menschen fotografieren, aber ich halte mich nicht dafür (ausser das Hochzeitspäärchen, das nichts dagegen hat).
- Hochzeiten habe ich gleich mehrere gesehen. Offenbar ist es nach wie vor beliebt, nach Paris zu kommen um zu heiraten. Die "Stadt der Liebe" hat ihren Nimbus behalten, auch wenn dieser längst zum Touristenkitsch verkommen ist.
- Überhaupt: Die Touristen machen eine Stadt kaputt. Zumindest korrumpieren sie diejenigen, die davon profitieren. Zum wiederholten Mal: Das Essen ist eine Zumutung. Eben habe ich eine in der Mikrowelle gewärmte Gemüsequiche gegessen, die niemals dem Preis entspricht, den ich dafür bezahlen muss. Eigentlich wollte ich ja in einem andern Lokal im Quartier Latin ein Pouletbein mit Salat essen, aber darauf habe ich verzichtet, nachdem mich der Kellner an einen Tisch ganz zuhinterst zwischen Küche und Toilette versetzen wollte, weil ich die Unverschämtheit besessen hatte, mich allein an einen bereits von zwei Personen besetzten Vierertisch am Fenster zu setzen, selbstverständlich nicht ohne die Gäste - aber eben nicht den Kellner - vorher zu fragen, ob sie nicht dagegen hätten.
-Das ist mir nun schon das zweite Mal passiert. Liegt es daran, dass ich eine Frau bin? Allein sitzende Frauen, egal welchen Alters, sieht man in Restaurants tatsächlich sehr wenige. Liegt es an Paris oder daran, dass ich eine Ausnahme bin? Frauen meines Alters ohne Männerbegleitung sieht man eigentlich nur zu zweit oder in Gruppen.
- Paris weckt in mir gespaltene Gefühle. Mich nervt der Abriss. Die Schnoddrigkeit, mir der die Touristen abgefertigt werden. Andererseits kann ich es auch verstehen. Mir würden die Touristen vermutlich auch auf die Nerven gehen. Gestern etwa die zwei deutschen Ballermänner, die sich junge Girls aufgerissen hatten und am Nebentisch dümmliche Witze erzählten. Sollen sie doch in Mallorca bleiben, wo sie nicht weiter stören.
- Die Veranda vor dem Café Flore, dem legendären Treffpunkt von Sartre und Simone de Beauvoir und vielen anderen literarischen Grössen, wo ich jetzt mit einer gewissen Andacht sitze, ist neu und raubt dem Lokal Charme und Originalität. Überhaupt sind all diese Verandas scheusslich, in denen die Touris wie Sardinen an die Tischchen gezwängt sitzen und auf die Strasse glotzen. Die Plastikindustrie hat sich dabei eine goldene Nase verdient.

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