Sonntag, 22. April 2012

Griechische Ignoranz

In der heutigen NZZ am Sonntag bin ich auf den Titel: "Wenn die wüssten, was ich mit dieser Brille gelitten habe!" aufmerksam geworden. Ich begann zu lesen, weil ich solche Defizite auch kenne, meine grosse Nase, mein viereckiger Kopf, mein mittlerweile immer faltigeres Doppelkinn, meine dünnen Haare usw. Das Bild der Frau habe ich nicht erkannt, es war Nana Mouskouri, die, wie ich dann gelesen habe, mehr Platten verkauft hat, als die Rolling Stones. Ich kenne nur den Kitschschlager "Weisse Rosen aus Athen", bei dem ich schon in jungen Jahren geflüchtet bin. Aber darum geht es hier nicht.
Sie wurde zu Griechenland befragt, resp. wo sie die Ursache für die griechische Tragödie sehe. Für Nana Mouskouri ist klar: die Politiker sind schuld. Und sie bittet die Touristen, aus Solidarität nach Griechenland in die Ferien zu fahren.
Die Mouskouri wohnt in Genf - übrigens neben Sophia Loren - und sie hat sicher auch ihr Geld in der Schweiz gut "versorgt". Wie wäre es denn mit der Solidarität der reichen Griechen mit ihrem Land. Wie wärs mit der Einsicht, dass die reichen Griechen sich mit der grössten Selbstverständlichkeit vom griechischen Staat verwöhnen liessen, keine Steuern zahlten, und so ihr sorgenfreies Leben auf Kosten der griechischen Bevölkerung finanzierten. Nicht nur die Politiker tragen die Verantwortung, in einer Demokratie trägt das ganze Volk Verantwortung, das diese Politiker wählt - und gewähren lässt. In Griechenland haben viele vom System profitiert, ein System, das zur Korruption verleitet, in dem die Menschen denken, keine Steuern zu bezahlen sei normal, ohne sich zu überlegen, woher der Staat das Geld nehmen soll um die Infrastruktur zu finanzieren, wo ein ganzes Heer von Staatsangestellten zwar Lohn bezieht, aber dafür nicht arbeitet. Das würde ich an dieser Stelle nicht schreiben, wenn ich es nicht wiederholt von kritischen Griechen gehört hätte, die ihre Situation relativ schonungslos analysiert haben.
Im Interview sagt die Mouskouri zum Rentner, der sich öffentlich das Leben genommen hat, wie traurig sie es mache, dass sie sich aber nicht vorstellen könne, dass sich jemand nur wegen dem Geld umbringe. Daraus spricht die Ignoranz der Reichen. Sie können es sich tatsächlich nicht vorstellen.
Der Mouskouri rate ich, ihren Wohnsitz und ihr Geld nach Griechenland zu verlegen und dort Steuern zu bezahlen. Dann kann sogar sie einen Teil dazu beitragen, um ihrem Volk, das sie so sehr betrauert, zu helfen.
Die "griechische Ignoranz" ist aber nicht nur in Griechenland weit verbreitet. Die Geldgier hat den Solidaritätsgedanken ersetzt, ohne den eine demokratische Gesellschaft nicht funktionieren kann.

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