Freitag, 6. April 2012

Triest, September 2009

16.09.09: Die Fahrt von Mailand nach Triest beginnt verregnet, Bindfäden trüben die Sicht, auf dem Damm von Mestre verwischt sich das grünlich-graue Wasser am Horizont mit dem schwarzgrau verhangenen Himmel, das unruhige Meer wirft einzelne kleine, spitze Schäumchen über einen Teppich von gleichmässigen Wellenhügeln, die sich schräg in eine Richtung bewegen. Durch das Tempo des Zuges entsteht der Eindruck, als ob der Wasserspiegel bereits auf die Höhe des Dammes gestiegen sei und ihn gleich überschwemmen würde.
Der Komfort in Italiens Zügen ist sehr hoch - kaum zu glauben, dass der Cisalpino, das schweizerisch-intalienische Produkt da so sehr abfällt. Ich frage mich, ob die Schweizer beim Preis gedrückt haben... Die Züge sind in der Regel voll, jedenfalls bis zu den wichtigen Destinationen. Die Reservation ist zwingend, sonst kriegt man keinen Platz mehr. Es empfiehlt sich nachzufragen, wo der Platz liegt und allenfalls einen geeigneteren Einzelsitzplatz zu verlangen.
Mit anderthalb Stunden Verspätung sind wir schliesslich in Triest eingefahren. Das letzte Stück der Küste entlang zeigt, wie schön Triest liegt - in einer weit ausladenden Bucht am Fuss des hügeligen Geländes, umgeben von grün bewachsenen Sträuchern und Bäumen, dem sogenannten Karstgebiet. Ab und zu ragt daraus eine Zypresse und kündet von milderem Klima. Tatsächlich ist es wärmer als in Mailand, obwohl es auch hier in Strömen regnet.
Selbst im Regen erscheint mir Triest als eine schöne Stadt, nicht sehr gross, aber sie lebt und pulsiert ohne aufdringlich zu sein. Ich bin angenehm überrascht. Man kann sie relativ schnell "erwandern" und dabei immer wieder etwas entdecken ohne sich zu verlaufen, weil die Strassen rechtwinklig zueinander verlaufen wie in Manhattan. Viele Häuser stammen aus dem 19. Jahrhundert. Es sind Prachtbauten in klassizistischem Stil. Ich wohne im Hotel Ducchi d'Aosta, einem alten, traditionellen Haus an der Piazza della Unità, dem wohl schönsten Platz von Triest, verkehrsfrei, offen gegen das Meer, ein herrlicher, grosszügiger Ausblick.
Äusserst angenehm ist die vergleichsweise grosse Fussgängerzone, dafür quellen die anderen Strassen über mit Autos und Bussen. Triest ist voller Busse. Die Topografie lässt keine grossen Alternativen zu. Im Gegensatz zu Mailand gibt es unzählige Cafés und kleine Bars, aus denen teilweise (zu) laute Musik dröhnt. Aber einzelne sind wirklich einladend. Ich hab mir eine dieser Bars gemerkt, aus der gedämpfte Jazzmusik drang und in der attraktive ältere Herren sassen... ;) Es gibt einen Typ Italiener, der im Alter immer besser aussieht...
In den Strassen im alten Zentrum gibt es viele kleine Läden, vom Grümscheliladen bis zur eleganten Kleiderboutique so ziemlich alles. In einer Tierhandlung sah ich junge Knuddelhunde - lebendig - im Schaufenster ausgestellt. Sie taten mir unendlich leid.
Die Zeit reicht nicht, um alles zu sehen. Aber ich gehe davon aus, dass ich wieder mal zu Gigi in die Ferien fahre, dann übernachte ich länger hier. Wenn ich via booking. com wieder ein entsprechendes Schnäppchen finde, gerne erneut im Ducchi D'Aosta. Das Personal ist freundlich, professionell - und perfekt dreisprachig.

23.09.09: Ich geniesse es, wieder in einem Land zu sein, dessen Sprache ich verstehe, und mich am gepflegt gedeckten Tisch auf der Terasse des Ducchi d'Aosta von professionellen Kellnern wie eine Dame bedienen zu lassen.
Nachts ist die Piazza della Unità schlicht fantastisch. Grosszügig in ihren Dimensionen, majestätische, von Scheinwerfern in dezentes Gelb gehüllte Fassaden, schön, ebenmässig, eine Wohltat für das Auge. Fünfarmige Kandelaber beleuchten den Platz von oben, vom Boden her strahlen die kleinen ins Pflaster eingelassenen blauen Lichter, auf seiner offenen Seite verschwindet die Piazza in den Lichtern am Horizont, die entlang beider Seiten eines langen Dammes ins dunkle Meer hinaus führen.
Die sechstündige Reise von Nerezine nach Triest ist umständlich und auch etwas ärgerlich, weil sie mit der zweistündigen Wartezeit in Rijeka verbunden ist, einer ziemlich hässlichen und äusserst unangenehmen Stadt, in der man sich nur in der kleinen Fussgängerzone mit einiges Kaffees und vielen Glaceständen aufhalten kann. Wieder erstaunte mich die ausgesprochenen Unfreundlichkeit der Menschen.
Mein Abschied von Nerezine zog sich in die Länge. Gigi kam viel zu früh und war dann leicht ungehalten, weil sie warten musste. Sie kann sehr herzlich, aber auch sehr hart sein, auf jeden Fall sehr eigen. Eine Frau, die viel durchgemacht hat, ihr Leben selbst bestimmt und dabei die Relationen etwas verschoben hat. Eine ungewöhnliche Mischung aus Eigensinn, Charme und manchmal auch Sturheit. Sie ist eine sehr spezielle Frau, aber man muss sie einfach mögen.
Zurück in der "Zivilisation" habe ich mich hinreissen lassen, zuviel zu essen. Aber es war einfach zu verführerisch, mich auf der Piazza verwöhnen zu lassen, in einer total anderen Welt, es ist, als ob die Busfahrt mich von einem Planenten zum anderen gebracht hätte. Hier die schon etwas degenerierte, dem Luxus verfallene Society, dort das ursprüngliche, auch nicht mehr ganz authentische, leicht idealisierte einfache Leben, das vermutlich weniger romantisch ist, als sich die Touristen vorstellen, die dort mehrere Monate im Jahr leben um es dann im Winter zu verlassen und seinem Schicksal zu überlassen.


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