Dienstag, 3. November 2009

Lissabon 16. Februar 2009

Meiner gestrigen Unentschlossenheit, was ich mit dem angebrochenen Sonntag noch anfangen sollte, hat schliesslich mein Appetit auf Süsses ein Ende bereitet. Also machte ich mich nochmals auf nach Belém, diesmal allein, um die Törtchen zu kosten, die mir von verschiedenster Seite empfohlen worden waren, und zwar auf so eindringliche Weise, dass mir allein schon beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen lief.
Und siehe da: Vor der Confeitaria dos Pasteis de Belém standen tatsächlich die Leute bis weit auf die Strasse hinaus Schlange. Zwischen den zahlreichen Touristen genauso viele Portugiesen, ganze Familien, die dabei standen und darauf warteten, bis die Mutter oder der Vater mit dem Sonntagskuchen aus dem Laden kam. Um nicht anstehen zu müssen ging ich ins Café der Confeitaria hinein. Völlig verblüfft gelangte ich von einem kühlen, fensterlosen, blau/weiss gekachelten und bis auf den letzten Stuhl besetzten Raum in den nächsten, mal in einen kleinen, mal in einen grösseren, immer weiter in die Tiefe, bis sich zuhinterst der grösste Raum auftat, wo die Gäste vor einer Absperrung geduldig warteten, bis ein Tisch frei wurde und sie eingelassen wurden. Berühmte Süssigkeit hin oder her, aber das war mir zuviel. Ich drehte um, ging durch die ineinander verschachtelten Räume wieder zurück Richtung Ausgang und entdeckte unterwegs per Zufall einen jungen Mann, schätzungsweise Mitte zwanzig, der allein an einem Tischchen sass.
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Es wurde ein zauberhafter Nachmittag und Abend. Kaum hatte ich mich hingesetzt, bat mich der junge Mann, mit seiner Kamera ein Bild von ihm zu machen und eröffnete mit den üblichen Fragen, woher ich komme, was ich hier mache, wie lange ich bleibe. Ich fragte zurück und erfuhr, dass er ein italienischer Student aus Bergamo war, der für drei Monate an der Uni in Lissabon an einer Studie arbeitet. Wir unterhielten uns angeregt auf Englisch, Französisch und Italienisch, und schliesslich wussten wir voneinander, dass wir beide das erste Mal hier waren und uns für den Rest des Nachmittags die gleichen Dinge vorgenommen hatten.
Die Törtchen mundeten tatsächlich herrlich. Rezept und Herstellung stammen original aus dieser Confeitaria, wie A. wusste. Von unserem Tisch aus sahen wir durch eine Glasscheibe – wie im Demel in Wien – in die Backstube, wo die Törtchen fliessbandartig auf riesigen Kuchenblechen in den Ofen geschoben, gebacken herausgeholt und mit flinken Händen vom heissen Blech auf die Teller verteilt wurden. Es sind kleine, gefährlich leichte Blätterteig-Gebäcke, gefüllt mit einer Art gebrannter, nicht zu süsser Vanillecrème, die – und das ist womöglich das Geheimnis - weder zu fest noch zu trocken noch zu dünn ist, sondern gerade richtig, um beim Abbeissen nicht auszulaufen. Je nach Geschmack streut man selber Zimt, Schockolade oder Mokka darauf. Hätte A. nicht vorgeschlagen, unseren Weg gemeinsam fortzusetzen, womit ich – very pleased – selbstverständlich einverstanden war, hätte ich mir bestimmt mehr als zwei davon erlaubt.
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Das Mosteiro dos Jerónimos, dessen Grundsteinlegung auf das Jahr 1502 zurückgeht, vereint Elemente der Gotik, der Renaissance, der christlichen und der maurischen Kultur und legt ein eindrückliches Zeugnis ab von der imperialen Blütezeit Portugals. Der Innenraum des immensen Bauwerks ist vergleichsweise karg ausgerüstet und angenehm frei von religiösem Pomp. Durch die grosse Rosette über dem Portal fällt das Licht ein und taucht den Raum in warme, goldene Farben, was ihm eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Leider schloss das Kloster schon um 17 Uhr seine Pforten; wir hatten gerade noch Zeit für einen kurzen Rundgang in der Kirche und im reich mit Ornamenten verzierten, zweistöckigen Kreuzgang aus hellem Kalkstein.
A.'s letztes Ziel für den heutigen Tag war der Torre de Belém, der wie das Hyeronimuskloster zum Weltkulturerbe gehört. Als wir beim Torre ankamen, war er schon geschlossen. Dahinter ging gerade die Sonne unter und malte einen kitschigen goldig-roten Horizont an den Himmel, den A. unbedingt mit uns beiden zusammen fotografieren musste, bevor wir zurück in die Stadt fuhren. Wir waren uns längst einig, dass wir auch noch zusammen essen würden.
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Im Bairro alto suchten wir ein Restaurant, in das kein aufdringlicher Kellner uns hereinzulocken versuchte. Wir fanden ein winziges Lokal, an dessen Wänden Fotos, Poträts, Zeichnungen und Karikaturen der Patrona hingen. Das Lokal war voll, die Gäste sprachen Portugiesisch, wir bekamen den letzten freien Tisch und die Patrona erkundigte sich höchstpersönlich nach unseren Wünschen. Ich war entschlossen, an meinem letzten Abend doch noch typisch Portugiesisch zu essen und wählte auf Anraten A.'s zuerst eine Spinatsuppe und anschliessend Bacalhau, einer Art Nationalgericht der Portugiesen.
In der dünnen Suppe schwammen zwischen grossen Spinatfetzen kleine Fischstückchen; das liess mich befürchten, der Stockfisch würde wohl auch nicht unbedingt meinem Geschmack entsprechen. Zu meiner Überraschung mochte ich ihn, klein gewürfelt und in einer dezent gewürzten Rahmsauce gekocht, zusammen mit Kartoffelstückchen serviert - in einer Schüssel, die locker für zwei Fuhrmänner gereicht hätte. Nach knapp der Hälfte gab ich auf.
Flughafen
In einer Stunde geht mein Flugzeug. Ich sehe mir die wenigen Bilder an, die ich mit meinem Handy gemacht habe und nehme mir vor, mir eine kleine Kamera zu kaufen.
Die letzten Stunden streunte ich durch die Baixa und den Chiado. Per Zufall bin ich dabei auf die Livraria Bertrand gestossen, die offenbar älteste Buchhandlung Lissabons aus dem Jahre 1732, die sich in unmittelbarer Nähe des Cafe Brasileiro befindet. Ich wollte nur einen Blick hineinwerfen und wurde ganz automatisch die paar Stufen hinab in den dunklen, niedrig erscheinenden Raum hineingezogen. Vom Eingang führt ein langer, gerader Gang weit nach hinten, links und rechts daran reihen sich regelmässig gegenüberliegende Nischen mit Büchergestellen aus massivem, dunklem Holz und bequemen, alten und neuen Sesseln und Sofas. Stapel von herausgezogenen und nicht wieder oder noch nicht eingereihten Büchern vermitteln den Eindruck von Unordnung, obwohl alles streng gegliedert ist. Die Buchhandlung ist gut besucht, trotzdem ist es ruhig, fast still; der Respekt vor dem hier versammelten Geist der Jahrhunderte verleiht dem Ort eine noble Würde und weckt Sehnsucht nach alten Werten.
Ziellos gehe ich weiter, am Museo Arqueológico do Carmo und am einladenden Plätzchen Largo do Carmo vorbei durch kleine Gässchen schräg den Hügel hinauf Richtung Rato. Der Blick hinter die Kulissen zeigt Häuser in erbärmlichem Zustand, verfallen, meist leer, nur noch durch Stahlgerüste zusammen gehalten, Trottoirs mit herausgerissenen Pflastersteinen, verlotterte Geschäfte mit verstaubten Auslagen, ganze Häuserzeilen sanierungsbedürftiger Gebäude. Der Wohlstand, den Portugal seit dem EU-Beitritt aufbauen konnte, hat längst noch nicht alle erreicht.
Ich frage mich, ob der weltweiten Rezession eine Depression und eine starke Inflation folgen, ob nun alles, was sich so gut entwickeln konnte, für lange Zeit gestoppt oder gar rückgängig gemacht, ob nun alle Hoffnungen zerschlagen werden. Auch meine.
Auf dem Rückweg ins Hotel musste ich unbedingt noch schnell in die Pastelaria Suiça am Rossio, wo man den besten Konfekt kriege, wie I. gesagt hatte. Ich fragte den Verkäufer, welche dieser kleinen Versuchungen er mir denn am ehesten empfehlen würde, er nannte sechs, ich kaufte sie alle, um sie sofort mit Hochgenuss der Reihe nach zu verdrücken.

Kommentare:

  1. Hallo liebe LadyC,

    Nachdem wir über Silvester fünf wundervolle Tage in der Stadt der sieben Hügel verbracht haben, habe ich heute durch Zufall deinen kurzweiligen Reisebericht entdeckt. Da bisher keine Kommentare vorhanden sind, dachte ich, ich schreib mal ein paar Zeilen, um dich wissen zu lassen, dass ich hier war und dass dein Bericht mir sehr gut gefallen hat.

    Mit besten Grüßen,
    toolsche

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    1. Ich danke Dir für Dein Feedback, liebe(r) unbekannte(r) toolsche. Dass jemand überhaupt reagiert, ist neu für mich und eine Überraschung. Vielleicht werde ich wieder häufiger schreiben. Gerade war ich in London. Das ist auch der Grund, weshalb ich nach langer Zeit wieder einmal hier hereingeschaut habe.
      Liebe Grüsse LadyC

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