Dienstag, 3. November 2009

Lissabon 15. Februar 2009

Ehrfürchtig sitze ich an meinem achteckigen Marmortischchen zuhinterst im Café Brasileiro - dem berühmten Café Brasileiro, wo unter vielen anderen Berühmtheiten der Literaturszene auch Fernando Pessoa gesessen und seine Notizen gemacht hat.
Dem schlauch-artigen Lokal haftet die anziehende Patina vergangener Zeiten an: dunkles Jugendstil-Interieur mit deckenhohen, goldgefassten Spiegeln, eine Kassettendecke von deren braunrotem Grund mehrarmige Leuchter und Ventilatoren aus Messing herabhängen, eine lange, gerade Theke, die vom Eingang bis ganz nach hinten führt, hinter der Theke an der rechten Wand die aufgereihten Flaschen der Bar, darüber Bilder, über deren unterschiedliche Qualität man streiten könnte, an der gegenüberliegenden Seite ebenfalls Spiegel und darunter jeweils zwei quer zur Wand aneinander geschobene Tische mit schmiedeisernen Füssen, schwarz/weissen Marmorplatten und lederbesetzten Holzstühlen, dazwischen der schmale Gang, durch den Kellner in schwarzen Hosen und weissen Hemden geschäftig hin und her eilen. Unter den Gästen Einheimische und Fremde. Offenbar ist das Café ein beliebter Treffpunkt der Alteingesessenen geblieben, obwohl es in jedem Reiseführer erwähnt ist und – so nehme ich an – täglich Scharen von Touristen anlockt.
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C. und ich setzten uns gestern auf die Steinstufen am Meer, atmeten den Duft des Salzwassers ein, sahen dem Treiben der Menschen am Strand zu, tranken den Wein und assen den Käse, den sie mitgebracht hatte, unterhielten uns angeregt und genossen das langsame Einnachten im Freien. Als es zu kühl und schon dunkel wurde, schlenderten wir der Küstenpromenade entlang bis nach Cascais, einem schmucken Ferienort mit einem grossen Segelhafen und einer wellenförmig gepflästerten Fussgängerzone wie die des Rossio, mit Boutiquen und vielen typischen Restaurants für die Touristen des Sommers. Jetzt im Februar liessen sich nur wenig Feriengäste blicken, das Dorf zeigte sich ruhig und friedlich in seinem ursprünglichen Charakter.
Ich habe den Abend genossen: die Gesellschaft einer starken Frau, das Meer, das leise Zischen der zusammenbrechenden Wellen, die weissen Schaumkrönchen, die langsam ihre weiten Bogen in den Sand malen um sich gleich darauf wieder versickernd zurückzuziehen, die salzige Luft, die Ruhe... es war schön, dort zu sein, und es war schön, in die schützende Anonymität der Stadt zurück zu kehren und nach einem ausgefüllten Tag todmüde in einen traumlosen Schlaf zu sinken.
Castelo São Jorge
Auf einer beschatteten Steinnische in der Festungsmauer des Castelo São Jorge erhole ich mich von einem kleinen Schwächeanfall. Mir ist schwindlig, meine Hände zittern und meine Knie sacken ein. Ist das nun das beginnende Alter? Wasser aus der mitgebrachten Flasche und die sms von I., der seit gestern abgereist ist und sich erkundigt, wie es mir in Lissabon ergehe, bringen mich wieder in Schwung.
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Die Buslinie 37 ist von der Praça Figueira aus die direkteste Verbindung ins Castelo. Ich wählte den Bus, weil er das letzte öffentliche Transportmittel war, das ich noch nicht ausprobiert hatte. Zumindest an Land. Für das Schiff reichen die knapp zwei Tage, die mir noch bleiben, vermutlich nicht mehr. Mit dem System kenne ich mich inzwischen schon ganz gut aus. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit.
Schnell und praktisch ist die Metro, deren älteste Linie 1959 in Betrieb genommen wurde. Noch im Ausbau befindet sich die 1998 eröffnete, jüngste Linie in die neuen Quartiere. Die Stationen wirken gepflegt und die Züge sauber. Die einzelnen Linien sind durch unterschiedliche Farben symbolisiert, die Richtung ist mit der jeweiligen Endstation angegeben. Am Flughafen hatte ich eine für 96 Stunden und alle städtischen Transportmittel gültige Fahrkarte gekauft. Sie ist in meiner Bauchtasche – zusammen mit dem Geld - sicher aufbewahrt und jederzeit greifbar. Das erweist sich jetzt als Vorteil, weil die Drehkreuze bei den Ein- und Ausgängen der Metrostationen sich auch beim Hinausgehen nur durch das Auflegen der Karte öffnen.
Von Belém zurück ins Zentrum sassen I. und ich in der alten Electrico auf Holzbänken, tagsüber fährt ein ganz normales Tram. Gestern benutzte ich den Vorortszug nach Estoril und heute morgen auf dem Weg hierher den Elevador da Glória, eine der drei berühmten, gelben Standseilbahnen, die an den steilsten Wegstücken die Hügel hinauf kriechen und bei Einheimischen und Fremden offenbar gleichermassen beliebt sind.
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Im Castelo angekommen war meine erste Regung gleich wieder umzukehren. Um elf Uhr morgens waren die Cafés vor dem Eingang schon übervoll belegt und vor der Kasse bildete sich eine lange Schlange. Zum Glück ist die Burganlage gross genug für die vielen Besucher – ich frage mich allerdings, ob das auch für die Sommermonate gilt, wenn die Stadt vermutlich von Touristen überquillt.
Von der mittelalterlichen Burganlage, auf einem Hügel erbaut, den schon die Römer und dann die Araber als strategisch günstigen Ort ausgewählt hatten, blieben nach dem grossen Erdbeben laut Reiseführer nur Ruinen übrig. Erst die Regierung Salazar liess die Anlage 1940 – nicht ganz orgininalgetreu – wieder aufbauen. Ich bestieg alle Türme und konnte mich eines gewissen Stolzes nicht erwehren, dass ich dabei nicht einmal gross ins Schnaufen kam (der Schwächeanfall hat mich verzögert ja dann doch noch eingeholt). Die Stufen sind teilweise so hoch, dass ich mich fragte, wie denn die Menschen, die damals viel kleiner waren als wir, da überhaupt hochgekommen sind. Aber das Türme erklettern machte Spass und die Aussicht in allen vier Himmelsrichtungen auf die Stadt und den Tejo entschädigt jede Mühe.

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