Dienstag, 3. November 2009

Lissabon 14. Februar 2009

Von der Terrasse des Art Déco-Cafés Nicola blicke ich auf den Rossio, der mit seinen wellenförmigen Pflästerungen zu den schönsten Plätzen Lissabons gehört und laut Reiseführer einer der beliebtesten Treffpunkte der Lissaboner ist. Ein bisschen erinnert mich das Leben hier an meine Jugend in Bern, wo wir oft Abende lang auf der Terrasse des Grotto am Bärenplatz zusammen sassen, die Passanten begutachteten und darüber diskutierten, wie wir die Welt verbessern wollten.
Unter den Gästen sind viele Portugiesen, wie ich befriedigt feststelle, oft ältere, alleinstehende Männer, die hier ihren Kaffee trinken und ihre Zeitung lesen. Überhaupt gehören die Kaffees hier noch zum Lebensstil. Ich kann nur hoffen, dass man nicht die gleichen Fehler macht wie in der Schweiz – und anderswo -, wo die unvergleichliche Atmosphäre vieler solcher traditionsreicher Lokale von ambitionierten Architekten zu Tode modernisiert wurden.
Beim freundlich blickenden Kellner bestelle ich „primeiro um cappuccino e depois uma bica e um copo do água natural“. Ob er mein holpriges Portugiesisch versteht, ist ihm nicht anzusehen, aber er nickt, dreht sich um und bringt mir schon nach kurzer Zeit tatsächlich zuerst den Cappuccino, und als ich diesen getrunken habe, räumt er sogleich die leere Tasse ab und stellt mir den Espresso samt Wasser hin. Wirklich sehr aufmerksam.
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Der Praça do Imperió in Belém, wo I. und ich gestern Abend aus dem Taxi gestiegen sind, macht seinem Namen alle Ehre. Im schwachen Licht des Sternendachs vermittelte die fast nur in Konturen erkennbare Anlage mit dem immensen Mosteiro dos Jerónimos an der Längs- und dem Centro Cultural de Belém an der Stirnseite den Eindruck grosszügiger Weitläufigkeit.
Unser Ziel war das Museu Colecção Berardo. Im Gegensatz zum Museu de Arte sind hier Vertreter der wichtigsten Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts mit Werken vertreten, die selbst mir nicht unbekannt sind. Besonders beeindruckt haben mich zwei Video-Performances: Eine reglose, in sich versunkene Tischrunde nach üppiger Mahlzeit, über deren Reste die Kamera fast im Zeitlupentempo wandert, zugleich schön und abstossend, dazu Musik von Bach; eine Art Stilleben einer übersättigten, ganz auf sich bezogenen Wohlstandsgesellschaft. Ebenfalls total faszinierend das lebendige Innenleben einer Pflanze als ein farbig glänzender Strom, der sich in der langsam herangezoomten Nahaufnahme als das hektische Treiben der Menschen erweist. Fantastisch! Dummerweise dachte ich nicht daran, mir die Namen zu notieren. Keine Chance, mich jetzt noch daran zu erinnern.
Eine Sonderausstellung war der portugiesischen Malerin Maria Elena Vieira da Silva gewidmet, die 1908 in Lissabon geboren und 1992 in Paris gestorben ist. Ihre Bilder sprachen mich an, formal und inhaltlich – sie entsprachen meinem ästhetischen Empfinden oder einfach gesagt: Ich fand sie schlicht und einfach schön. Was meinen malenden Schwager vermutlich zu zynischen Bemerkungen über mangelnden Kunstsachverstand veranlasst hätte. Seiner Ansicht nach hat Aesthetik im Sinne eines harmonischen Geschmacksempfindens in der Kunst nichts verloren.
Mit den Worten „Schau, diese Schönheit!“ machte mich I. auf dem Rückweg auf den Jugenstil-Bahnhof beim Rossio aufmerksam. Die gebogenen, schmiedeisern verzierten Eingangstore sind von dieser noblen Eleganz, wie sie nur noch in der nostalgischen Aura schon leicht vergilbter Grand-Hotels der Jahrhundertwende anzutreffen ist, wo sich die Damen Buddenbrock und Wesendonck und wie sie alle hiessen, ihre im Überfluss vorhandene und von ihren Männern bezahlte Zeit mit Konversation vertrieben und dabei ihre Töchter und Söhne zwecks Anhäufung noch grösseren Reichtums innerhalb der immer gleichen weit verzweigten Familien verkuppelten.
Im Zug nach Estoril
Der Zug fährt dem Tejo entlang durch die Vororte Lissabons westwärts ans Meer, nach Estoril, wo ich C. treffen werde. In meinem Abteil sitzt ein quengelnder Junge, schätzungsweise zwei Jahre alt. Er ist offensichtlich zum Umfallen müde, aber es gelingt ihm nicht, den Schlaf zu finden. Ich fühle mit der Mutter, die mit liebevollem Zureden und vielen Ablenkungsmanövern alles tut, um den Jungen ruhig zu halten. Der Vater sitzt gegenüber und spricht alle 10 Minuten ein lautes Machtwort, was noch viel weniger nützt.
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Bis zur Abfahrt des Zuges blieb Zeit, um mit dem Elevador de Santa Justa zu fahren. Von weitem und beleuchtet schien mir gestern diese filigrane 45 Meter hohe, freistehende Eisenkonstruktion aus dem Jahre 1902 eleganter und leichter als heute am Tag. Eine Schaffnerin kassiert beim Eingang das Fahrgeld und sorgt dafür, dass nicht zu viele Leute den Lift überfordern. Die Zeit scheint still zu stehen in den beiden schätzungsweise vier Quadratmeter grossen, dunkel getäferten Kabinen, welche die Passagiere langsam nach oben ruckeln. Oben angekommen tritt man auf die untere von zwei Plattformen. Eine enge Wendeltreppe führt auf die obere, doch im Februar versperrt noch eine Kette den Zugang dorthin.
Von der unteren Plattform schmälert ein Maschengitter den ungetrübten Genuss eines Rundblicks auf die kachelweissen bis hellen Terracotta-Farben der Stadt, durch die sich die Avenida Liberdade und der Parque Eduardo wie ein grünes Tal zum Horizont hochziehen, wo sie sich verlieren, während sich quer dazu der breite Tejo in Erwartung seiner baldigen Vermählung mit dem Meer immer mehr ausweitet und sich mit dem trüben Blau des Himmels vermischt, ganz rechts im Hintergrund noch knapp erkennbar die vom Dunst weichgezeichnete Ponte 25 de Abril, die längste Hängebrücke Europas, die nicht nur zufällig an die Brücke in San Francisco erinnert, sondern weil sie eben auch von der U.S. Steel Company hergestellt wurde. Geradeaus auf gleicher Höhe ragt die mächtige Mauer mit den gezackten Türmen des Castelo de São Jorge empor, senkrecht in der Tiefe liegt die Baixa, der streng geometrisch gebaute Altstadtteil zwischen der Praça do Comercio und dem Rossio, dessen schnurgeraden Längs- und Querstrassen sich von so hoch oben als regelmässiges Muster erkennen lassen, deutlich wie auf einem Stadtplan.

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