Dienstag, 3. November 2009

Lissabon 13. Februar 2009

Die Morgensonne spiegelt sich im Teich des Parque de Palhava und wärmt die Terrasse des Selbstbedienungs-Restaurants im Museu Fundação Calouste Gulbenkian langsam auf. Eben habe ich mir die Sammlung angesehen, Kunstschätze aus westlichen, arabischen und fernöstlichen Kulturen, die der Museumsstifter Calouste Gulbenkian im Laufe seines Lebens zusammen getragen und nach seinem Tod 1955 in Form einer Stiftung der Stadt Lissabon vermacht hat.
Sein unermessliches Vermögen erwarb der Armenier dank mehreren Oelquellen, die er als ehemaliger Shell-Mitarbeiter im Irak entdeckt hat. 1928 verkaufte er sie an vier grosse Mineralölgesellschaften und behielt von allen eine 5%ige Beteiligung, die ihm den Spitznamen „Mister Five Percent“ eintrug. 1942 emigrierte er von Paris nach Portugal und rettete so sein Vermögen und seine Kunstsammlung vor den Nazis. Noch heute sprudelt das Geld aus den Beteiligungen in die Kasse der Stiftung.
Schon der erste Raum mit einer 3000 Jahre alten Maske des Pharaos Amenem III aus Obsidian lässt vor Ehrfurcht erschauern. Es folgen unzählige Münzen, Töpfereien, Teppiche, Fayencen, Kacheln, Objekte aus Porzellan, Elfenbein, Alltags- und religiöse Kultgegenstände, handgeschriebene und -gemalte Bücher, Möbel, Bilder... Kostbarkeiten von zeitloser Schönheit und unermesslichem Wert. Die Fenster in den hellen Räumen reichen bis zum Boden und geben durch die Jalousien den Blick in den Park frei, was mich an das Beyeler-Museum in Riehen erinnert.
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Der Weg zum Gulbenkian-Museum führte mich heute morgen früh durch den Parque Eduardo VII. Ich liess mir Zeit mit dem Aufstieg und kostete das Gefühl aus, hier zu sein, einfach zu geniessen, unabhängig und frei, ohne jede Verpflichtung. Oben blieb ich stehen und verdrückte verstohlen eine Träne beim Anblick auf die Stadt, die sich im kühlen Morgenlicht vor mir ausbreitete und rechts und links die Hügel hinauf kroch, während geradeaus im Hintergrund die Dunstschwaden aus dem Tejo aufstiegen.
Das Museum öffnete erst um zehn, das liess mir Zeit, meinen Weg in aller Ruhe fortzusetzen, vorbei am Nobel-Restaurant Eleven, das mir der Engländer empfohlen hatte, der mir in Zürich galanterweise meinen Koffer ins Tram gehievt hatte, entlang belebter Strassen mit Verkehrslärm und entsprechend schlechter Luft bis zum Parque de Palhava, worin sich inmitten tropischer Bäume und Sträucher, lauschigen Plätzchen, Wasserläufen, Teichlein und Skulpturen ganz unerwartet eine Oase der Ruhe auftut, ein kleines Amphitheater, auf dessen Stufen die Leute vor der Arbeit ihre Zeitung lesen und worauf ich mich während der verbleibenden Viertelstunde bis zur Türöffnung ebenfalls von der Sonne wärmen liess.
Estufa Fria

Hinter dem Namen Estufa Fria verbirgt sich ein kleiner Botanischer Garten mit einem Gewächshaus, das für seine grosse Zahl von Pflanzen aus allen Kontinenten bekannt ist. Ich sitze im sorgfältig gepflegten Pärklein davor, das sich am Fuss eines kleinen Abhangs seitlich des Parque Eduardo versteckt. Vor mir glänzt der grosse künstliche Weiher, ich sitze hier allein und ungestört, nur in Gesellschaft einer Schar Enten, Gänse und Hühner, die aufgeregt miteinander schnattern.
Auf meinem Rückweg vom Museum über die Avenida Aguilar Richtung Hotel hatte ich mich kurz im Corte Inglés umgesehen, dem grössten Warenhaus von Lissabon. Letztlich unterscheidet es sich kaum von Jelmoli oder Globus, vielleicht etwas weniger gediegen, aber grösser und mit vergleichbarem Angebot. Im Nespresso-Shop nebenan, der genau gleich aussieht wie der in Zürich, wünschte ich mir einen starken Arpeggio, den mir die Verkäuferin anstandslos lächelnd brachte, obwohl ihr klar war, dass ich nichts kaufen würde. Die meisten Menschen hier sind freundlich und zuvorkommend und entgegen meinen Erwartungen sprechen viele Englisch. Die Verständigung ist – zumindest bis jetzt – mit wenigen Ausnahmen kein Problem gewesen.
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Lisboa, die Stadt der sieben Hügel, wie sie auch genannt wird, hat mich in ihren Bann gezogen. Die Hochstimmung, in die mich der gestrige Abend mit I. versetzt hat, hält unvermindert an. Jetzt, mitten im Februar, ist es 18 Grad warm und der Himmel stahlblau und klar – der Frühling liegt förmlich in der Luft.

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