Donnerstag, 5. November 2009

Herta Müller

Mein malender Schwager machte mich auf die neue Literatur-Nobelpreisträgerin aufmerksam. Er habe nur vier Sätze gelesen, aber diese vier Sätze seien unbeschreiblich gut, das Beste, was er seit langem gelesen habe. W.'s Tochter, die Germanistik studiert, urteilt offenbar ähnlich.
Das machte mich neugierig. Herta Müller war mir bis zum Zeitpunkt der Nobelpreisverleihung unbekannt, also kaufte ich mir als Einstieg zwei kleinere Werke und begann mit dem Erzählband "Der Mensch ist ein grosser Fasan auf dieser Welt" (eine wunderbare Metapher; offenbar ein rumänisches Sprichwort).
Was soll ich sagen? Mit Bewunderung lese ich ihre bis ins letzte Detail gefeilten Formulierungen und ihre berührenden Metaphern, mit denen sie in uns das Bild einer bedrückenden Welt entstehen lässt voller geschundener, dem Schicksal ausgelieferter Menschen zwischen Ausweglosigkeit und Hoffnung. Zweifellos schreibt sie ganz grosse Literatur. Zweifellos verleiht sie mit ihrer Literatur den Menschen eine Stimme, die unter der Diktatur in Rumänien gelitten haben, die keine Rechte hatten, die der Willkür ausgeliefert waren, zweifellos trägt sie dazu bei, dass all das schreiende Unrecht nicht vergessen geht. Zweifellos hat sie damit den Nobelpreis mehr als verdient.
Trotzdem habe ich Mühe. Zumindest in dem Band, den ich gerade lese, schreibt sie fast nur Hauptsätze und jeder dieser Sätze ruft mir zu: "Lies mich mit Ehrfurcht! Ich bin bedeutend! Ich bin Literatur!" Ja, ich weiss. Und wie um meinen guten Willen zu zeigen, lese ich diese Sätze innerlich laut, langsam und getragen, mit sprechenden Pausen, füge mit meiner inneren Stimme Inhalt und Form zu einem Gesamtkunstwerk zusammen, verleihe dem Geschriebenen die Bedeutung, die es für sich in Anspruch nimmt.
Ich frage mich einmal mehr: Was ist Literatur?
Nachtrag: Heute habe ich mir den Roman "Atemschaukel" gekauft. Vielleicht werde ich danach mein schnelles - und natürlich vollkommen subjektives - Urteil revidieren.

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