Freitag, 23. Oktober 2009

Colmegna 14. Oktober 2009

Die Koffer sind gepackt, mir bleibt noch eine gute Stunde auf der besonnten Terrasse des Hotels Camin, um meine Notizen zu übertragen. Der Kellner hat mir einen Espresso gebracht und sich wieder zurückgezogen. Einzig das Plätschern der Wellen ist durch die Ruhe hindurch zu hören. Dabei begann der Tag hektisch.
Aus dem Notizheft
Ich will nach Canobbio auf der anderen Seeseite. Um rechtzeitig zurück zu sein, muss ich das Schiff in Luino um 11.05 Uhr erreichen. Den Bus direkt vor dem Haus kann ich diesmal nicht nehmen, der fährt entweder zu früh oder zu spät, also wähle ich den Zug um 10.37 Uhr. Das wird reichen, um ohne grosse Eile zu Fuss vom Bahnhof bis zur Schiffstation zu gehen. Dachte ich...
Um 10.30 Uhr stehe ich wieder an der verlassenen Bahnstation, die einem alten Film entnommen sein könnte. Aus dem rostig-braunen Schotter der eingleisigen Bahnstrecke wuchern anspruchslose Gräser und allerlei Pflanzen, die ich als Unkraut verunglimpfen muss, weil ich sie nicht kenne; auf der gegenüberliegenden Seite steht vernachlässigt und teilnahmslos ein Haus, das vielleicht mal ein Bahnhof war; unter dem überdachten Perron döst ein Wartehäuschen mit ein paar blinden Scheiben, die überdauert haben und an denen kleine, vergilbte Anschläge kleben; die Wände der Unterführung sind besprayt, darunter der Spruch „I was here!“; oben am Treppengeländer baumelt schräg ein verrosteter Stempelapparat. Irgendwann fährt ein Zug vorbei. Um 10.44 Uhr, wenn der Zug eigentlich in Luino ankommen sollte, stehe ich immer noch da. Kein Mensch weit und breit. Habe ich den Fahrplan falsch gelesen? Oder hätte ich den vorbeifahrenden Zug aufhalten sollen, wie das Plakat an der hohen Mauer unterhalb der Bahnstation vermuten lässt. Dort heisst es nämlich: Fermata facoltativa. Utilizzare il tasto rosso della cassetta arancione sul marciapiede. Aber ich sehe weit und breit keinen orangefarbenen Kasten mit einer roten Taste. Unsicher geworden stehe ich schon auf der Treppe zur Unterführung und ändere in Gedanken mein Tagesprogramm, als der Zug einfährt. Es ist 10.48 Uhr.
7 Minuten später renne ich von der Statione Centrale in Luino los und kämpfe mich, nach Lücken in der träge vor sich hinfliessenden Menschenmasse sperbernd, Leute auf die Seite stossend (was sonst weiss Gott nicht meine Art ist), seitlich hüpfend und „scusi!“, „per favore!“ oder „pardon!“ rufend durch das Gewühl des Mittwochmarkts, der mir als sehenswert empfohlen worden ist, der mich aber nicht interessiert und den ich deshalb in meinem Zeitplan nicht bedacht hatte. Punkt 11.05 Uhr stoppe ich am Schalter der Schiffstation und huste, völlig ausser Atem und mit zitternden Knien, „Canobbio, per favore!“ durch die Scheibe, der weibliche Schatten dahinter greift zum Lautsprecher und spricht eine weit herum hörbare, knappe Mitteilung an die Schiffscrew hinein, deren Wortlaut ich aber nicht verstehe, schiebt mir das Ticket zu und nennt den Preis, ich werfe die Note hin, angle das Ticket, lasse das Münz liegen und renne zur Brücke, die schon eingezogen war und extra für mich wieder ausgefahren worden ist. In Canobbio löse ich vorsichtshalber die Rückfahrkarte schon bei der Ankunft.
Vom anfahrenden Schiff aus schiebt sich Canobbio wie eine lange, farbige Häuserkulisse ins Bild. Ein hübscher Ort, auf das Delta des Cannobino gebaut, sehr touristisch, mit einer neu gestalteten, teilweise mit Kopfsteinpflaster geschmückten, eleganten und in ihrer Grosszügigkeit schon fast mondänen Seepromenade, die gesäumt ist von Restaurants, Gelaterien, Cafés, Bars und Souvenirläden. Dahinter, parallel dazu eine schmale Gasse, ebenfalls kopfsteingepflastert, aber nicht neu, die authentischere Kehrseite der Postkartenfassade sozusagen. Mehrere Kirchen, aber nach denen ist mir nicht. Gepflasterte Quergässchen führen vom See weg leicht den Hang hinauf in den neueren Dorfteil zur Hauptstrasse, dahinter verzetteln sich die Häuser in die Talebene. Nach einer guten Stunde habe ich gesehen, was in dieser kurzen Zeit zu sehen ist. Noch weiter zu gehen, riskiere ich nicht, ich darf das Schiff auf keinen Fall verpassen. Im Lo Scalo gegenüber der Schiffländte leiste ich mir ein gediegenes Menü und vertreibe die Zeit bis zur Abfahrt mit Schreiben und Beobachten der Menschen. Selbstverständlich so unauffällig wie möglich. Man will ja nicht indiskret sein...
Der Chef der Service, ein lässig in elegantes Schwarz gekleideter, gut aussehender, junger Mann mit Vollglatze, weist die Plätze mit dieser gewissen Noblesse zu, die nur den Italienern zusteht. Der Kellner dagegen bedient schweigend, zwischen seinen Augen eine steile Falte, der Mund ein Strich, die Mundwinkel nach unten gezogen. Die Gäste sprechen ausschliesslich Schweizerdeutsch. Ich sitze allein an einem Tisch und bekomme zwangsläufig einiges von dem mit, was sie sagen. So auch das Gespräch, aus dem hervorgeht, dass der Chef de Service eigentlich der Inhaber ist, dass das Lokal ab 2. November bis im Frühling geschlossen ist, und dass er und seine Frau im Winter ein anderes Geschäft betreiben, weil sie dann ja auch etwas verdienen müssen.
Schräg vis-à-vis sitzen zwei Ehepaare, die Frauen in meinem Alter, ihre Männer um einiges älter und schon etwas greisenhaft. Eine der Frauen beklagt sich in gellendem Zürcher Dialekt über irgend etwas und ich verstehe plötzlich den schlecht gelaunten Kellner. Neben mir unterhält sich ein beleibtes Paar leise auf Berndeutsch, ganz vorne sonnt sich eine Familie, ebenfalls aus Bern, die Eltern in den Fünfzigern, vermutlich mit Sohn und Schwiegertochter oder umgekehrt, daneben ein älteres Ehepaar, das sich anschweigt, geradeaus vor mir ein Mann, vermutlich Ende 50, mit seiner Frau, die einen strengen und nicht besonders lebenslustigen Eindruck macht, beide aus der Ostschweiz, mit betagten Eltern, vermutlich seinen, die kaum was sagen und offensichtlich auch nicht mehr ganz alles mitbekommen, auch wenn er es ihnen noch so oft und noch so deutlich wiederholt. Alle gut gekleidet, vermutlich reich. Jedenfalls schliesse ich das aus der bestimmten Art, wie der Mann spricht - meistens nur er und so laut, dass man ihn hört - und worüber er spricht, zum Beispiel von seinen Reisen in die verschiedenen Erdteile. Als seine Frau die alte Dame zur Toilette bringt, nimmt er mit mir Augenkontakt auf. Dacht ich’s doch!
Später sind sie dann im Jaguar an mir vorbeigefahren. Vielleicht war es auch ein grosser Mercedes.
***
Nun hab ich doch alle Nichtigkeiten des Tages aufgezählt. Aber das Leben besteht wohl zur Hauptsache aus Bedeutungslosikeit. Verleihe ich einer Begebenheit Bedeutung, indem ich sie aufschreibe? Oder erlangt sie diese erst, wenn jemand das Geschriebene liest? Und verliert sie sie wieder, wenn sie im Urteil des Lesers als bedeutungslos eingestuft wird? Und bedeuten Gedanken wie diese bloss Eitelkeit und sind demnach auch bloss Nichtigkeiten?

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