Freitag, 23. Oktober 2009

Colmegna 13. Oktober 2009

Nachts tobte und lärmte und grollte der Föhnsturm, schlug herum, was nicht verankert war und riss mit, was nicht die Kraft hatte zu widerstehen. Erst gegen Morgen gab er sein Treiben langsam auf und nach wenigen Stunden Schlaf erwachte ich bei strahlendem Sonnenschein, als ob nichts gewesen wäre. Die Zeitung schrieb von zahlreichen Schäden in der ganzen Umgebung. Von einem gesunkenen Boot stand nichts.
Ich komme gerade zurück von meinem Besuch bei J.+W., dem Anlass für meinen kleinen Abstecher ins Tessin. Nun sitze ich allein in einem der Korbsessel im Gewächshaus, den PC auf den Knien, über mir die Baumkronen, die sich über die Glaskuppel beugen, vor mir die Türe, deren Flügel ich einen Spalt offen lasse, damit etwas Luft hereinkommt. Die Sonne steht bereits weit unten, ich muss ihr ausweichen und den Sessel von Zeit zu Zeit in den wandernden Schatten nachrücken.
Aus dem Notizheft
J. ist eine Kollegin aus der Schulzeit, die ich lange Zeit nicht mehr gesehen habe. Wir treffen uns in einer Pizzeria zum Mittagessen, wo sie mir erzählt, warum sie und ihr Mann hier vor Jahren ein Haus gekauft hätten und nicht mehr weggegangen seien. Natürlich habe die einmalige Lage zuoberst am Hang mit Blick in beide Richtungen des Lago Maggiore den Ausschlag gegeben, aber nicht nur das. Hier in Italien gebe es nicht diese Trennung der Generationen, wie in der Schweiz. Junge und Alte hätten einen viel natürlicheren Umgang untereinander. Und wer bereit sei, die schweizerische Perfektion nicht zum allgemeinen Massstab zu nehmen, der fühle sich hier wohl und gut aufgenommen, auch als Nicht-Einheimische.
Trotzdem ist das Gefälle zwischen den meist wenig verdienenden Einheimischen und den vergleichsweise begüterten Halbjahres-Residierenden ein Problem. Schon jetzt, Mitte Oktober, sind die Fensterläden an vielen Häusern verriegelt, deren Besitzer erst im Frühjahr wiederkehren. Manche Geschäfte können im Winter kaum überleben. Und deshalb gebe es hier kaum Restaurants, wo man mal was anderes kriege als Pizza oder Pasta, was die Italiener sich leisten könnten. J. erzählt vom Haus mit den zwei Treppen in Luino, das jahrelang leer gestanden und dann sehr schön renoviert worden sei. Doch das Restaurant „Le due scale“ habe sich gerade mal einen Sommer gehalten.
W. holt uns ab und fährt uns zum Haus. Die Lage ist tatsächlich einmalig. Steil unter uns der See, der sich wie ein Fjord in beide Richtungen in der Ferne verliert und dessen glänzende Oberfläche sich seitlich vom gegenüberliegenden ans diesseitige Ufer bewegt, dahinter die braun-grünen Berge, die sich wie Kegel versetzt hintereinander stellen und deren Kuppen und Spitzen sich in der vom Fönsturm geklärten Luft scharf konturiert vom tief blauen Himmel abheben. Das Licht ist so gleissend, dass meine automatische Kamera diese überwältigende Aussicht überbelichtet und sie im Dunst verschwinden lässt. Kein Wunder, dass hier niemand mehr weg will, auch wenn die Siedlung nur mit dem Auto erreichbar ist. Was für später ein Problem werden könnte, gibt W. zu, weshalb sie auch schon daran gedacht hätten, was anderes zu suchen, aber es bisher immer wieder verworfen hätten. W. schwärmt vom täglich neuen Naturschauspiel, das Wetter und See böten, und ich kann seine Begeisterung verstehen.
Von Dumenza, wo mich J. auf meinen Wunsch absetzt, marschiere ich über die schmale asphaltierte Strasse hinunter nach Colmegna. An besonnten Mauern räkeln sich die Eidechsen, die wie der Blitz verschwunden sind, wenn ich sie näher betrachten möchte. Nicht die zu schnell fahrenden Autos in den engen Serpentinen sind unterwegs das Problem, wie J. befürchtet hatte, sondern die kläffenden Köter, die zähnefletschend die Gitter hinaufspringen und mich zu Tode erschrecken, wenn ich daran vorbei gehe. Ich schicke ein Stossgebet zum Himmel, dass die Tore alle gut verriegelt sind. Nach einer knappen Stunde bin ich im Dorf, worin sich kein Mensch rührt. Ich frage mich, wo sie alle geblieben sind.
Bald ist es dunkel.

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